Schwules Paar findet Baby in U-Bahn – und adoptiert es

  • In New York fand ein schwules Paar ein Baby in einer U-Bahn-Station.
  • Eine Richterin überzeugte die Männer, das Kind zu adoptieren.
  • 20 Jahre später verarbeitet Papa Pete Mercurio die Familiengeschichte in einem Buch.
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New York. Im August 2000 machte Danny Stewart in der New Yorker U-Bahn eine außergewöhnliche Entdeckung. Auf dem Boden, an die Wand gelehnt, lag etwas, das wie eine Babypuppe aussah. Er wollte das Bündel schon liegen lassen, er war schon am Weitergehen – doch bei einem Blick zurück bemerkte er, dass sich die Beine der vermeintlichen Puppe bewegten. Eingewickelt in einem dunklen Pullover, die Beine herausbaumelnd, lag dort ein kleiner Junge. Ein Junge, der das Leben von Danny Stewart und seinem Freund Pete Mercurio für immer verändern sollte.

Die Nabelschur des Jungen war noch intakt, das Kind etwa einen Tag alt. Danny Stewart streichelte dem Neugeborenen über den Kopf und rief um Hilfe. Er bat Passanten, die Polizei zu rufen. Doch er wurde ignoriert. „Es schien tatsächlich unwirklich, die ganze Situation“, erzählt Danny Stewart nun, mehr als 20 Jahre später, der BBC.

Danny Stewart (links) mit dem damals einjährigen Sohn Kevin und Pete Mercurio. © Quelle: Pete Mercurio
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Familienrichterin fragt, ob Danny Stewart das Baby adoptieren möchte

Per Münztelefon habe er zunächst die Polizei und dann seinen Partner Pete Mercurio angerufen. Dieser kam dazu, als die Polizei das Baby mitnahm. „Ich erinnere mich, wie ich mich Danny zuwandte und, während das Polizeiauto davonfuhr, sagte: ‚Weißt du, du wirst für den Rest deines Lebens auf irgendeine Weise mit diesem Baby verbunden sein‘“, erzählt Pete Mercurio. Das Paar versuchte wenige Tage später herauszufinden, wie es dem Kind ging, im Krankenhaus gab man ihm aber keine Auskunft.

Wenig später musste Danny Stewart zur Anhörung vors Familiengericht. Er sollte aussagen, wie er das Baby fand. Doch am Ende stellte die Richterin eine Frage, die alles ändern sollte: „Wären Sie daran interessiert, dieses Baby zu adoptieren?“ Danny Stewart hatte zuvor nicht an Adoption gedacht, sagt er der BBC, „aber dann konnte ich nicht aufhören, daran zu denken. Ich fühlte mich verbunden, ich fühlte, dass dies nicht einfach eine Chance auf ein Kind war, es war ein Geschenk.“ Er sagte Ja. Die Richterin erklärte später, sie habe bei der Zeugenaussage von Danny Stewart gespürt, welche Verbindung er zu dem Baby hatte.

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„Es war, als hätte er einen Druckpunkt gefunden, der mir das Herz öffnete“

Doch sein Partner fand das nicht so witzig. „Mein Bauchgefühl war: ‚Geh sofort zurück in den Gerichtssaal und sage Nein.‘“ Mercurio war wütend, dass sein Freund eine so weitreichende Entscheidung ohne ihn traf. Sie stritten viel und Danny Stewart war bereit, die Adoption auch ohne Pete Mercurio, mit dem er zu diesem Zeitpunkt drei Jahre liiert war, anzugehen.

Danny Stewart (links) und Pete Mercurio unterstützen den damals siebenjährigen Kevin bei Schularbeiten. © Quelle: Pete Mercurio
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Doch als die beiden den kleinen Jungen bei der Pflegestelle besuchten, änderte es sich: „Er starrte zu mir hoch und ich schaute ihn an, und es war fast so, als hätte er einen Druckpunkt in meinem Finger gefunden, der mir einfach das Herz öffnete und mir in diesem Moment zeigte, dass ich einer seiner Eltern sein könnte, einer seiner Väter“, erzählt Pete Mercurio.

Papa Pete Mercurio hat ein Buch über die Familiengeschichte geschrieben

Er hat die Familiengeschichte nun als Buch veröffentlicht, bisher gibt es nur eine englische Ausgabe mit dem Titel „Our Subway-Baby“, zu Deutsch: Unser U-Bahn-Baby, die allerdings auch in Deutschland zu kaufen ist. Pläne für eine deutsche Ausgabe des Jugendbuches, so Pete Mercurio gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), gibt es bisher nicht.

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Zwei Tage vor Weihnachten 2000 zog das Baby bei dem Paar ein. Sie nannten den Jungen Kevin, nach dem bei der Geburt verstorbenen Bruder von Pete Mercurio. Im Eiltempo – erst zwei Tage zuvor hatten sie vom Einzug erfahren – hatten sie das Kinderzimmer hergerichtet und alles besorgt, was ein Baby so braucht. Unterstützung gab es von den Familien der beiden Männer. Pete Mercurio bastelte ein Bilderbuch zur Geschichte von Kevin – und der liebte das Buch, auch wenn er nicht verstand, dass es seine eigene Geschichte war.

Danny Stewart (links) mit Sohn Kevin und Pete Mercurio beim Urlaub im Yosemite Nationalpark 2019. © Quelle: Pete Mercurio

Das U-Bahn-Baby studiert heute Mathematik

Eigentlich sollte Kevin erst einmal nur einige Tage bleiben, aber er blieb für immer. Am 17. Dezember 2002 waren die drei offiziell eine Familie. Beziehungsweise fast. Denn erst 2011, als New York die Homoehe legalisierte, konnten Pete Mercurio und Danny Stewart heiraten. Getraut wurden sie von der Richterin, die einst fragte, ob Danny Stewart das kleine Baby, das er in der U-Bahn gefunden hatte, adoptieren wolle.

Inzwischen ist Kevin 20 Jahre alt, studiert Mathematik und Computerwissenschaften und läuft Marathons. Das U-Bahn-Baby ist mit zwei Metern größer als seine beiden Väter.

RND/msk

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