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Mythos Schweizergarde

Warum die Papst-Bodyguards bunte Uniformen tragen und immer am 6. Mai vereidigt werden

Vatikanische Schweizergardisten stehen im Damasus-Hof im Vatikan anlässlich ihrer Vereidigungszeremonie (Foto aus dem Jahr 2021).

Berlin. Ausfallende Klimaanlagen, Schimmel in den Duschen, Zehnbettzimmer: Was sich anhört wie die Beschreibung von Kinderferienlagern in den 1980er-Jahren, ist der Dienstalltag von Schweizergardisten im Vatikan.

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Die Leibwache des Papstes, deren Soldaten in den blauen Uniformen immer etwas operettenhaft und aus der Zeit gefallen wirken, will raus aus ihrer Enge und in ihrer Freizeit bitte etwas mehr Privatsphäre. Besonders dort, wo zehn Gardisten in einem Raum ohne Klimaanlage und mit nur einer Toilette und einer Dusche leben müssen. „Wenn Sie im Sommer hier wohnen, dann fühlen Sie sich wie in Kalifornien“, sagt Gardesprecher Manuel von Däniken.

Papst Franziskus hat nun offensichtlich ein Einsehen. Der Vatikan hat in dieser Woche für den Bau einer neuen Kaserne eine Vereinbarung mit der Schweizer „Stiftung für die Rennovation der Kaserne der Päpstlichen Schweizergarde“ unterzeichnet. Der Heilige Stuhl wolle damit die „bessere und respektvolle Unterbringung“ der Gardisten gewährleisten.

Neue Kaserne: geplante Mensa.

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Doch längst ist nicht mehr jeder Eidgenosse bereit, für die Bewachung der Päpste zu blechen. Dabei geht es um Fragen wie das Selbstverständnis der Garde, die Rolle der Schweiz und letztlich auch darum, ob im Vatikan eingesetzte Steuergelder nicht in der Schweiz besser eingesetzt wären.

Was also steckt hinter der Schweizergarde, und warum bewacht sie eigentlich den Papst? Hier ein paar interessante Fakten zur Leibwache des Heiligen Stuhls:

Warum beschützen Schweizer den Papst?

Im 15. Jahrhundert genossen die Schweizer während des Zerfalls der Ritterheere einen ausgezeichneten Ruf – als Söldner. Unerschrocken, hart und treu sollen sie gewesen sein. Alles Gründe, sie fortan zum Schutz des Vatikans einzusetzen, befand der damalige Papst Julius II. im Jahr 1506. Das Motto der päpstlichen Schweizergarde (Guardia Svizzera Pontificia): „Acriter et fideliter – tapfer und treu“.

Julius II. fällte übrigens weitere Entscheidungen, die bis heute Bestand haben: Er legte den Grundstein zum Petersdom und gewann Michelangelo für die Gestaltung des Deckengewölbes der Sixtinischen Kapelle.

Bibliothek in sanierter Kaserne.

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Was begründete den Mythos der Schweizergarde?

Spanische Landsknechte überfielen am 6. Mai 1527 die Ewige Stadt. Historiker sprechen heute vom „Sacco di Roma“, der Plünderung Roms. 189 Schweizergardisten retteten damals Papst Klemens VII., indem es ihnen gelang, den Heiligen Vater in letzter Minute über den Geheimgang, den sogenannten „Passetto“, in die Engelsburg in Sicherheit zu bringen. 147 Schweizer seiner Leibwache ließen dabei ihr Leben. Seither werden die neuen Gardisten zur Erinnerung an den Sacco di Roma am 6. Mai vereidigt.

Was hat es mit der Uniform der Schweizergarde auf sich?

Hartnäckig hält sich das immer wieder vom Vatikan dementierte Gerücht, Michelangelo selbst hätte die Uniform der päpstlichen Leibwache entworfen. Das Design entspricht jedoch einer für das Mittelalter typischen Landsknechttracht.

Papst Franziskus kommt zu seiner wöchentlichen Generalaudienz in der Vatikanischen Audienzhalle Paul VI.

Papst Franziskus kommt zu seiner wöchentlichen Generalaudienz in der Vatikanischen Audienzhalle Paul VI.

Die Farben Blau, Rot und Gelb sind den Wappen der italienischen Adelsfamilie della Rovere, aus der Papst Julius II. stammte, sowie dem Geschlecht der Medici, dem Klemens VII. angehörte, entlehnt. Im Alltag tragen die Schweizergardisten eine dunkelblaue Uniform.

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Heute gilt die Galauniform als unverwechselbar und eine der berühmtesten der Welt. Sie wird vom Schneider der Päpstlichen Schweizergarde, Ety Cicioni, handgefertigt. Das heutige Design ist 1914 vom Schweizer Jules Repond entworfen worden. Er war damals Kommandant der päpstlichen Schutztruppe.

Inzwischen gibt es jedoch auch eine moderne Einsatz- und Ausbildungsuniform.

Moderne Ausbildungs- und Einsatzuniform.

Moderne Ausbildungs- und Einsatzuniform.

Wo wird die Schweizergarde eingesetzt?

Zu sehen sind die Leibgardisten des Papstes an den Haupteingängen des Vatikanstaates, im Apostolischen Palast, in der päpstlichen Residenz in Castelgandolfo und bei Audienzen sowie Gottesdiensten. Sie absolvieren den Ehrendienst beim Empfang ausländischer Staatsgäste und hoher Besucher. Bei Papstreisen sind Schweizergardisten in Zivil dabei.

Kämpft die Schweizergarde mit dem Schwert?

Schwert, Degen, Hellebarde, Partisane oder Flamberge dienen eher der Zierde. Um ihre Wachaufgaben zu erfüllen, verwenden die Schweizergardisten unter anderem die Glock 19 und die Glock 26, das Sturmgewehr 90 des Schweizer Herstellers SIG und die Maschinenpistole MP5 von Heckler & Koch. Sie können jedoch auch Pfefferspray oder Taser einsetzen.

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Das Papstattentat 1981 hat zur erheblichen Verschärfung des Personenschutzes für den Papst geführt. Seitdem ist kaum noch Genaueres zum aktuellen Waffenbestand zu erfahren.

Wer kann Schweizergardist werden?

Gardisten stammen hauptsächlich aus den Schweizer Kantonen Wallis, Luzern und St. Gallen sowie aus der Westschweiz und dem Tessin. Die „Cohors Helvetica“ zählt gegenwärtig 133 Mann. Jedes Jahr müssen zwischen 30 und 35 Soldaten ersetzt werden.

Ein Schweizergardist legt nach seinem Dienst seine Uniform in einem Teil der Kaserne der Schweizergarde ab.

Ein Schweizergardist legt nach seinem Dienst seine Uniform in einem Teil der Kaserne der Schweizergarde ab.

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Die jungen Männer müssen katholisch sein, mindestens 1,74 Meter groß und beim Amtsantritt zwischen 18 und 25 Jahren alt sowie unverheiratet. Doch zumindest bei der Größe werden heute schon Abstriche in Zeiten des Personalmangels gemacht, gibt Kommandant Oberst Christoph Graf zu. Aber die Rekruten müssen bereits den Militärdienst in der Schweiz geleistet haben. Sie verpflichten sich auf zwei Jahre zu ihrem Dienst. Nur die Offiziere dürfen heiraten.

Vatikangardisten können seit 2001 ein in der Schweiz anerkanntes Diplom als Fachmann für Sicherheit und Bewachung erwerben. Dafür müssen sie drei Jahre in der Garde dienen.

Wie viel verdient man in der Schweizergarde?

Für Schweizergardisten sind Kost und Logis frei. Sie erhalten derzeit einen steuerfreien Sold von 15.600 Euro jährlich. Überstunden werden gesondert vergütet.

Wer finanziert die Schweizergarde?

Sold und Verpflegung übernimmt der Vatikan. Für größere Projekte kümmern sich zwei Stiftungen um das Einsammeln von Millionen. Neben der „Stiftung für die Rennovation der Kaserne der Päpstlichen Schweizergarde“ für den Kasernenbau ist das die Gardestiftung mit Sitz im schweizerischen Freiburg.

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Worum geht im Kasernenstreit in der Schweiz?

Der Papst hat 2015 entschieden, die Zahl der Gardisten von 110 auf 135 zu erhöhen. Für diese Zahl ist die Kaserne im Vatikan jedoch zu klein, und die Unterhaltungskosten schießen in die Höhe. Bei der Finanzierung zeigte sich der Vatikan jedoch eher knauserig.

Benötigt werden für Sanierung und Umbau nach Stiftungsschätzungen 50 Millionen Franken (rund 49 Millionen Euro). Stiftungschef Jean-Pierre Roth zufolge sind schon mehr als 42 Millionen Franken zusammengekommen, darunter Spenden von Privatpersonen und von Stiftungen.

Der 21-jährige Schweizergardist Gian Andrea Bossi steht vor einer Schweizer Fahne in der Kaserne der Schweizergarde.

Der 21-jährige Schweizergardist Gian Andrea Bossi steht vor einer Schweizer Fahne in der Kaserne der Schweizergarde.

Dass auch bei Landesregierungen und den Kantonen 9,5 Millionen Franken aus Steuergeldern eingesammelt worden sind, sorgt jetzt im Kanton Luzern für Widerstand. Freidenker und Linke haben ein Referendum durchgesetzt, um die von Luzern zugesagte Zahlung von 400.000 Franken zu stoppen. Darüber soll noch 2022 abgestimmt werden.

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Für Roth ist eine Beteiligung des Vatikans an den Renovierungskosten kein Thema. Für die Schweiz seien die Gardisten ein Aushängeschild. „Sie symbolisieren für Millionen von Besuchern in Rom Werte, die für uns Schweizer wichtig sind: Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Engagement. Die Schweizer sind stolz darauf. Es ist nicht eine Frage, ob man katholisch, reformiert oder Freidenker ist.“

Freidenker-Präsident Andreas Kyriacou entgegnet, die Garde sei eine private Söldnerarmee, die Finanzierung sdie Subventionierung eines Kleinstaates, der mehr Vermögen pro Einwohner hätte als jeder andere Staat. „Ich gönne ihnen die neue Kaserne, aber nicht auf Kosten von Leuten, die mit dem Katholizismus und Vatikan nichts am Hut haben.“

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