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  • Schuld nach Hochwasser-Katastrophe: Familie Hupperich kämpft sich zurück ins Leben

Schuld nach der Flut: „Wenn wir alles aufgeräumt haben, machen wir eine geile und fette Party“

  • Das Eifeldorf Schuld wurde vom Hochwasser schwer getroffen.
  • Familie Hupperich hat alles verloren.
  • Sie kämpft sich jetzt zurück ins Leben.
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Nachdem die Flut sein Dorf, seine Kfz-Werkstatt, die fünf Häuser der Familie, die acht Autos und die zwei Anhänger zerstört hat – da sagt Dirk Hupperich: „Von so einem Bisschen lasse ich mich nicht unterkriegen.“ Er trägt ein verstaubtes Poloshirt, die Augen sind müde, trotzdem hat er ein Lächeln auf den Lippen. In der Hand hält er einen Schlagbohrer und bricht die Fliesen seiner Wohnung auf, wo das Wasser meterhoch stand. „Muss ja“, sagt Hupperich.

53520 Schuld. Landkreis Ahrweiler. 6 Quadratkilometer. 660 Einwohner. Kaum ein Ort stand nach dem Hochwasser so in der Öffentlichkeit wie das Eifeldorf an der Ahr. Heerscharen von Journalisten kamen, genauso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Familie Hupperich reißen die Fliesen auf. © Quelle: Miguel Helm
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Die Bilder gingen um die Welt: von weggespülten Campingwagen, eingestürzten Häusern, demolierten Autos. Chaos. Zwischenzeitlich waren 70 Menschen vermisst. Es gab keinen Strom, kein Wasser, kein Handynetz.

Die Menschen sind geblieben

Die meisten Reporter haben Schuld schon längst verlassen. Aber manche Geschichten setzen sich fort, auch wenn das Scheinwerferlicht weitergezogen ist. Denn die Menschen sind ja noch da. So wie die Familie von Dirk Hupperich.

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Milch- und Pferdebauer Stefan Brock hat viele Tiere verloren. Kühe konnten wegen des Stromausfalls nicht mehr gemolken werden.  © Reuters
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In einem Haus in der Ahrstraße kann man einen Teil von ihr antreffen. Hupperich, sein Sohn Björn und dessen Freundin Lara Brauer laden Schutt auf eine Schubkarre. Das Haus hat die Flut überstanden, es ist nicht eingestürzt. Die einzig positive Nachricht. „Es war alles schickimicki hier“, sagt Hupperich mit Stolz. Hier die Küche, da das Wohnzimmer. War einmal. Nur die Wände sind geblieben, auf dem Boden Schlamm.

Dann schaut Hupperich aus dem Fenster. Dort, wo jetzt Schutt und Schlamm ist, standen Anfang des Monats noch ein Pool, ein Gartenhäuschen, eine Hollywoodschaukel. Alles weg. Unter dem Fenster steht ein silbernes Audi-Cabrio, der Innenraum ist voller Matsch. „Aber wir leben alle“, sagt Hupperich. „Und wenn wir alles aufgeräumt haben, machen wir eine geile und fette Party.“ Es wird noch lange Zeit dauern.

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Die Dorfbewohner zählen die Tage nach der Flut

Hupperich sagt, für die Menschen in Schuld zähle nicht mehr der Kalender. Welcher Monat, welche Jahr – egal. Seit dem Hochwasser gibt es eine neue Zeitrechnung. Man zählt jetzt die Tage nach der Flut. Heute ist Tag 14.

Als die Katastrophe ihren Anfang nahm, an diesem Mittwoch vor zwei Wochen, ahnte keiner, was kommen würde. Klar, Hochwasser gehören dazu, manchmal tritt die Ahr über, dann sind schon mal die Grünflächen überschwemmt.

Die Partnerin von Hupperichs Sohn Lara Brauer erinnert sich an den Tag, an dem sich die Geschichte des Dorfes in ein Davor und ein Danach teilte: Am Morgen fährt die Erzieherin zur Arbeit, zu dem Kindergarten in einem Nachbardorf. Es regnet, stark und durchgängig, aber nichts daran ist außergewöhnlich. Alles im Rahmen des Erwartbaren. Sie hat keinen Schirm dabei und wird klitschnass.

Im Kindergarten angekommen, schaut sie mit den Kindern aus dem Fenster. Mittlerweile regnet es so stark, dass das Wasser von einer Treppe am Außengelände wie ein Wasserfall runterkommt. Die Kinder staunen.

Lara Brauer: „Bis hier stand das Wasser!“ © Quelle: Miguel Helm

Brauer fährt nach Hause, nach Schuld. Sie sieht, die Ahr, der eigentlich so harmlose Fluss, ist übergetreten. Und sie denkt bei sich: Weiter wird das Wasser nicht steigen. Sie legt eine Pizza in den Ofen. Doch dann wird der Ort evakuiert, sie muss das Haus verlassen. Sie und ihr Freund haben es erst im Oktober letzten Jahres gekauft und bis vor Kurzem neue Wände eingezogen.

Es regnet weiter.

Vater und Sohn werden vermisst

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In diesen Momenten, am frühen Abend des Mittwochs, beschließen Dirk Hupperich und sein Sohn Björn, ihre Autos zu retten, denn sie haben Angst, sie könnten von der Flut zerstört werden. Die Hoffnung ist, Vater und Sohn kommen gleich wieder. Keine Sorge. Doch dann bleiben sie die ganze Nacht vermisst. Lara Brauer sitzt in diesen Stunden mit ihrer Schwiegermutter im Bürozimmer von Dirk Hupperich auf Bürostühlen. Sie warten. Sie beten: Bitte! Bitte! Lass es aufhören!

Mittlerweile ist es dunkel. Sie schauen raus und können schemenhaft erkennen, dass alles unter Wasser steht und Autos von der Strömung mitgerissen werden.

Es regnet weiter.

Es stinkt nach Heizöl

Lara Brauer und ihre Schwiegermutter haben Angst um Dirk und Björn. Hoffentlich sind sie in Sicherheit. Sie sind nicht zu erreichen. Kein Empfang in ganz Schuld. Außerdem hat Dirk Hupperich sein Handy daheim liegen lassen, bevor er losgezogen ist.

Was sie in diesen Stunden nicht wissen: Björn konnte sich zu einem Freund retten, Dirk Hupperich befindet sich im Nachbarhaus bei seinen Eltern, nur ein paar Meter entfernt, in Sichtweite. In der Nacht klettert er dort aufs Dach, um mit seiner Frau und Schwiegertochter Kontakt aufzunehmen. Er leuchtet mit einer Taschenlampe zu ihnen. Nichts. Rufen bringt nichts. Der Regen ist viel zu laut. Gastanks zischen. Es stinkt nach Heizöl und Kloake.

Sie sind dankbar für die Spenden

Dirk Hupperich ist nervös, so erzählt er es. Er weiß nicht, wo die anderen sind. Und wo ist Björn, der ja auch im Auto saß, als alles überflutet war? Ist er wohlauf?

Nach der Flut sind unzählige Helfer nach Schuld gekommen, Kolonnen Freiwilliger aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden. Sie schippen Schlamm, spenden Kleidung, sprechen Mut zu. Lara Brauer sagt, sie wisse nicht, wie man sich da bedanken solle. Sie habe Scheu, die Geschenke anzunehmen. Es sind fremde Menschen zu ihr gekommen und haben ihr eine Nummer gegeben: Meldet euch, wenn ihr Hilfe braucht. Das neue Haus von Brauer und ihrem Partner Björn Hupperich ist größtenteils zerstört. Im Scherz sagen ihnen Freunde nach der Flut: Jetzt habt ihr ja die Gelegenheit, euer Raumkonzept noch mal neu zu überdenken.

Sechsstelliger Schaden

Ehemalige Kollegen von Dirk Hupperich haben ihm Werkzeug und einen schwarzen Seat gespendet. Er hat nach der Flut nichts mehr. „Die einfachsten Sachen gingen anfangs nicht mehr“, sagt Dirk Hupperich, „du willst Unterhemden holen? Geht nicht. Du willst Zähne putzen? Geht nicht. Du willst auf Klo? Geht nicht.“

Er, seine Frau und sein Sohn Björn und dessen Partnerin sind zu seiner Tochter in der benachbarten Gemeinde gezogen, um ein Obdach zu haben.

Seine Kfz-Werkstatt – kaputt. „Ich habe 40 Jahre lang dafür gearbeitet. Habe mir alles vom Mund abgespart. Meine Existenz ist am Arsch“, sagt er. Gestern hat er eine Liste gemacht: Er notierte, was ihm alles fehlt und wie groß der finanzielle Schaden ist. Bei 100.000 Euro hörte er auf. Vieles ist nicht versichert. Ihm kamen die Tränen. Hupperich sagt: „Es muss weitergehen. Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken.“

Seine Kfz-Werkstatt wird er wieder aufmachen

Manch einer aus dem Dorf, erzählt er, habe Schuld verlassen und wolle nicht wiederkommen. Für ihn und seine Familie komme das nicht infrage. Er sagt: „Viele sagen: Komm, hör auf, zieh weg! Aber ich bin doch Schulder und werde immer Schulder bleiben. Wir haben eine geile Dorfgemeinschaft, die jetzt zusammensteht.” Am Morgen war der Bürgermeister bei ihm. Er fragte, ob er die Werkstatt wieder aufmache. Hupperich bejahte. Er hat schon eine neue Hebebühne bestellt.

Nach der Flut fragten die Zeitungen: Hätte man die Menschen besser warnen müssen? Dirk Hupperich sagt: „Viele haben mir gesagt: Verklag den Staat. Aber so ein Unwetter kann doch keiner vorhersagen. Keiner. Das ist höhere Gewalt!“

Die Flut ist jetzt Teil der Dorfgeschichte

Wer in diesen Tagen einige Stunden in Schuld verbringt, der sieht viele müde Gesichter. Vor ihren Häusern Menschen in Gummistiefeln, die Schutt und Schlamm beseitigen. Auf den Straßen Fahrzeuge des THW, der Feuerwehr, der Bundeswehr. In der Luft Hubschrauber. Die Normalität kehrt nur sehr langsam zurück, vielleicht wird es sie hier auch nie wieder geben. Die Flut und das Chaos sind jetzt Teil der Dorfgeschichte. Das steht fest. Offen ist, wie die Geschichte weitergeht.

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Die ersten Tage nach der Flut seien monoton gewesen, sagt Lara Brauer. Sie mussten Schlamm und die Möbel, die jetzt Unrat sind, aus den Häusern herausholen. An Tag zwei hat sie sich gefreut. Unter dem Matsch traten zum ersten Mal wieder die Fliesen zum Vorschein – und Brauer dachte: Jippieh! Mittlerweile ist der meiste Schlamm aus ihren Häusern herausgeschippt worden. Aufstehen, aufräumen, ins Bett fallen, aufstehen, aufräumen, ins Bett fallen. So vergeht die Zeit in Schuld für Familie Hupperich. Sie funktionieren. Manchmal besser, manchmal schlechter.

Die Angst vor den eigenen Gedanken

Jetzt wird der Estrich ausgeklopft, die Tapete und der Putz abgemacht und alles abgesprüht mit einem Hochdruckreiniger. Und wenn sie damit fertig sind, dann beginne das Schlimmste, sagt Brauer. Warten. Bis alles trocken und man dann alleine mit seinen Gedanken ist.

Lara Brauer hat auf jeder Familienfeier die Fotos gemacht, bei Taufen und Erstkommunionen. „Auch die Bilder sind alle weg“, sagt sie. Als sie dies ausspricht, kommt sie zum ersten Mal ins Stocken und kämpft mit den Tränen. Dann geht sie zurück in das Haus und zieht ihre Handschuhe an. Brauer sagt: „Ich könnte hier den ganzen Tag sitzen wie ein Häufchen Elend, aber das bringt mir doch nichts.“

In der Nacht der Flut geht die Sonne um 5.38 Uhr über Schuld auf. Das Ausmaß der Katastrophe ist jetzt für alle sichtbar. Dirk Hupperich verlässt das Haus seiner Mutter, klettert über Bäume und Unrat, stapft durch das kniehohe Wasser, er trägt keine Gummistiefel, er trägt Crocs, weil er nichts anderes in diesem Moment hat.

Dann trifft er seine Frau, seine Schwiegertochter und seinen Sohn. Sie schließen einander in die Arme. Sie haben überlebt.

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