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Schmugglern auf der Spur: So werden am Hamburger Hafen riesige Kokainverstecke aufgespürt

  • Der Hamburger Hafen wirkt mit seinen zahllosen Containerverstecken wie ein Paradies für Schwarzhändler.
  • Doch der Zoll kontrolliert den internationalen Warenverkehr mit der modernsten Containerröntgenanlage der Welt – und macht immer wieder aufsehenerregende Funde.
  • Nun ist den Ermittlern mit 16 Tonnen Kokain der größte Drogenfund aller Zeiten ins Netz gegangen. Ein Rundgang beim Hamburger Zollamt Waltershof.
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Hamburg. Patrick Eimert will gerade in den Feierabend gehen. Er streift die blaue Zolluniform ab und geht noch einmal kurz im Überwachungsraum vorbei, um sich zu verabschieden, da tippt einer seiner Kollegen mit dem Finger auf den Monitor und sagt: „Ja, das ist ein Volltreffer!“

Mitten im Hamburger Hafen liegt das Zollamt Waltershof, ein Parkplatzgelände mit dunklen Backsteinbauten am Fuß der Köhlbrandbrücke. Von hier aus bekämpfen Männer wie der 32-jährige Patrick Eimert den internationalen Schmuggel. Sie kontrollieren den In- und Export der Güter im Hafengebiet und suchen etwa nach Drogen, Waffen und nicht angemeldeten Waren.

Ihr Gegner scheint mit seiner endlosen Zahl an Verstecken übermächtig, doch der Zoll in Hamburg hat ein Abwehrmittel zur Verfügung, dem nichts entgeht: In Waltershof befindet sich die modernste Containerröntgenanlage der Welt. Immer wieder landen die Zöllner hier spektakuläre Treffer.

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So wie auch am 12. Februar, als den Zollfahndern der bisher größte Coup gegen den internationalen Drogenhandel gelingt. Wie die Staatsanwaltschaft Hamburg und das Zollfahndungsamt am Mittwoch mitteilten, fanden die Ermittler in fünf Containern aus Paraguay zusammengerechnet 16 Tonnen Kokain. Der Marktwert des Stoffs: zwischen 1,5 und 3,5 Milliarden Euro. Es handelt sich damit um die größte jemals in Europa festgestellte Menge des Rauschgifts.

Ein kleines Gelände im riesigen Hamburger Hafen: der Eingang zum Zollamt Waltershof am Fuß der Köhlbrandbrücke. © Quelle: Maximilian Arnhold/RND

Zwei VW Bullys erregen Verdacht

Ähnlich ist es auch am Abend des 20. Septembers 2018, von dem Eimert, der Leiter der Prüfanlage, später sagen wird, er habe sein erlaubtes Arbeitspensum von 13 Stunden überschritten. Er erinnert sich im Gespräch, wie die Beamten einen Hinweis von der Risikoanalyseeinheit auf eine verdächtige Schiffsladung aus Brasilien bekommen.

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An Bord des Containers sollen sich zwei grüne VW Bullys vom Typ T1 befinden, Baujahr 1974. Die Zöllner müssen sichergehen, ob der Container wirklich geladen hat, was zuvor angemeldet wurde. Dazu befördert ein Lkw den Container vom Schiff aufs Zollgelände. In Waltershof fährt der Transporter dann samt Containerladung in eine 25 Meter lange Tunnelanlage ein – ein übergroßes Röntgengerät, das den Container laut Eimert „wie einen Patienten beim Arzt“ durchleuchtet. Der Stolz über das moderne System, 1996 gebaut und 2009 für fünf Millionen Euro erneuert, ist nicht zu überhören.

Dieser Tunnel ist die einzige Röntgenprüfanlage Deutschlands mit Draufsicht. © Quelle: Maximilian Arnhold/RND
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Mit lautem Piepton schließen die 16 Tonnen schweren Stahltore hinter dem Koloss in der Röhre. Innerhalb nur einer Minute durchschießen neuneinhalb Megaelektronenvolt die Ladung von der Seite und von oben – es ist die einzige Prüfanlage Deutschlands, die auch die Draufsicht ermöglicht.

Ein Revolver in der Handtasche

In einem schlichten Büroraum nebenan analysiert Eimert die Röntgenaufnahmen am Computer. Über der Tür hängt ein Porträt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Sehen Sie diesen Gegenstand hier?“, fragt er und umkreist ein längliches Objekt mit der Maus, „da hat sich jemand ganz schön Mühe gegeben.“ Dann zoomt er heran, bis der in einer Handtasche versteckte Revolver zum Vorschein kommt.

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In der Seitenansicht kann der Beamte die Handfeuerwaffe nicht erkennen. Von oben ist es aber auch nicht leicht: Um den Kontrast zu verschärfen, färbt Eimert das Bild am PC mit Blau-, Grün- und Rottönen ein. „Ein bisschen sieht das aus wie bei Andy Warhol“, freut er sich. Zu lange dürfe man auch nicht in der Bildauswertung stehen, meint Eimert, sonst „findet man entweder alles oder gar nichts mehr verdächtig.“

Das Versteck in der Rückbank

Ein Glück, dass im September 2018 gerade ein ausgeruhter Kollege seinen Dienst antritt. „Da ist was“, sagt der Zöllner, und dann geht alles ganz schnell. Der Container landet in der Packhalle, wo ein Team von Mitarbeitern ihn behutsam auseinandernimmt. Hinter der Rücksitzbank eines der Bullys entdecken die Beamten einen Zwischenraum, das ideale Versteck für illegale Ware. Eimert drückt gerade auf den Auslöser der Kamera, als die Flex den doppelten Boden hinter den Sitzen freilegt.

Winkelschleifer im Einsatz: Hinter der Rückbank des VW Bullys kommt ein Versteck zum Vorschein. © Quelle: Hamburger Zoll

55 Meter über der Elbe, oben auf der Köhlbrandbrücke, erahnt man das Ausmaß an Gütern, das der Zoll Tag für Tag bewältigen muss: Im Hamburger Hafen lagern Container auf einer Fläche von 7200 Hektar. Die Hansestadt ist Deutschlands größter Seehafen, nach Rotterdam und Antwerpen sogar der drittgrößte Europas. Ungefähr 9,3 Millionen Container kamen 2019 hier an – unmöglich für den Zoll, alle zu kontrollieren. 11.200 waren es dennoch, die Eimert und seine Kollegen im vorvergangenen Jahr durch die Anlage geschleust haben. Die Trefferquote nach Verdachtsfällen: etwa 45 Prozent. Gesamteinnahmen des Zolls im Jahr 2019: rund 31 Milliarden Euro.

Das Finanzamt an der Staatsgrenze

„Wir sind das Finanzamt an der Grenze“, sagt Martin Lindloff, 58, stellvertretender Leiter des Hauptzollamts Hamburg, während sich die grauen Betonpfeiler der Brückenauffahrt in seinen Brillengläsern spiegeln. „Aber auch wir können natürlich nicht alles finden.“ Etwa 95 Prozent aller Warenimporte im Hafen gehen ohne Kontrolle durch.

Lindloff ist seit 35 Jahren beim Zoll, allein 25 davon im Hamburger Hafen. Der Beamte trägt Uniform, Ehering am Finger und ist Chef von 726 Mitarbeitern, ihm macht so leicht keiner mehr etwas vor: „Was den Beruf ausmacht, ist die Erfahrung.“

Oft sei es einfach nur ein Bauchgefühl, etwas könnte nicht stimmen, sagt Lindloff, als er beim Rundgang über das Gelände an die sogenannte Darlegungsrampe kommt. Gerade öffnen die Kollegen einen Lkw, der rückwärts an der Betonplattform steht. Vorsichtig schieben die Zöllner ein Messgerät durch die Gummilippe des Containers und checken, ob giftige Gase austreten. Nichts. Dann kontrollieren sie stichprobenartig die Ladung. In diesem Fall ist alles in Ordnung.

Der Verdacht hat sich bestätigt

Bereits beim leisesten Verdacht können die Zöllner zusätzlich die Durchleuchtung in der Containerröntgenanlage anordnen. „Die Technik des gläsernen Containers minimiert den Aufwand aufseiten der Anmelder und des Zolls erheblich“, sagt Lindloff.

Finden die Beamten keine Auffälligkeiten, dauert der gesamte Prozess für die Transportfahrer eine knappe halbe Stunde. Ein faires Zeitangebot im schnelllebigen globalen Warenverkehr, meint Anlagenleiter Eimert. Und finden sie doch was, „freut man sich immer einen Keks“.

Am Ende jenes Septemberabends 2018 sind es 100 Kilogramm reines Kokain, das Patrick Eimert und seine Kollegen aus dem Bully fischen. Der Straßenverkaufswert beläuft sich auf mindestens 21 Millionen Euro.

Perfekt versteckt, doch entdeckt: 100 Kilogramm Kokain stellt der Hamburger Zoll in dem raffiniertem Versteck im Bully sicher. © Quelle: Hamburger Zoll

Das sind natürlich Peanuts im Vergleich zu den 16 Tonnen Koks im Wert von 1,5 bis 3,5 Milliarden Euro, die die Containerröntgenanlage nun beim größten Drogenfund in Europa aller Zeiten aus dem Verkehr gezogen hat. Doch die Sicherstellung reiht sich ein in einen Trend. Fahnder stoßen seit mehreren Jahren auf immer größere Mengen Kokain.

Selbstverständlich kommen die Beamten in keinem Fall in Verlegenheit: Das beschlagnahmte Rauschgift wird nach dem Fund vernichtet. Den grünen VW Bully aus Brasilien konnten die Zöllner allerdings retten. Er wird heute im Zollmuseum Hamburg ausgestellt.

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