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Schießereien in den USA: Mit erfolgreicher Bekämpfung der Pandemie kommen Massaker zurück

  • Amerika kehrt dank fortschreitender Corona-Impfungen langsam zur Normalität zurück.
  • Doch damit einher geht auch die Zunahme von tödlichen Massenschießereien im öffentlichen Raum.
  • Experten sind davon nicht wirklich überrascht, in der US-Politik wird erneut über härtere Waffengesetze debattiert.
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Als am 16. März 2021 Robert Aaron Lung in Atlanta drei Massagesalons überfiel und acht überwiegend asiatische Angestellte tötete, konzentrierte sich die nationale Diskussion in den USA auf die Motive des Amokläufers. Man war schockiert über den antiasiatischen Rassismus, der in Lungs Tat Ausdruck gefunden hatte. Amerika ging in sich und dachte darüber nach, wie man seine asiatischstämmigen Mitbürger behandelt.

Doch dann folgte am 22. März ein Angriff auf ein Einkaufszentrum in Colorado ohne klar erkennbares Motiv. Ein 21 Jahre alter Mann hatte bereits auf dem Parkplatz angefangen, um sich zu schießen und tötete schließlich zehn Menschen, bevor er Selbstmord beging. Acht Tage später ereignete sich in einem Bürokomplex in Kalifornien ein ähnlicher Vorfall, bei dem vier Menschen starben. Und am 15. April tötete in Indianapolis in einer Versandstation eines Paketdienstes ein 21-Jähriger acht Menschen.

Gehören Massenschießereien zu Amerikas Rückkehr zur Normalität?

Seither redet in den USA niemand mehr über die genauen Gründe für jedes einzelne dieser Massaker. Vielmehr schaut man der ernüchternden Tatsache in die Augen, dass Massenschießereien zu Amerikas Rückkehr zur Normalität gehören. „Die Massenschießerei war mit der Pandemie vorübergehend verschwunden“, schrieb der Kolumnist Adam Gopnik im Magazin „The New Yorker“. „Jetzt, da in Amerika langsam das Leben wieder beginnt, sind sie mit uhrwerkhafter Zuverlässigkeit wieder da.“

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In einem Jahr, in dem Schulen, Gotteshäuser und Einkaufszentren geschlossen waren und Donald Trump sowie die Pandemie die Schlagzeilen beherrschten, war das uramerikanische Ritual der beinahe wöchentlichen Massenschießereien praktisch verschwunden. Doch in den vergangenen Wochen, in denen die Biden-Regierung mit großem Erfolg große Bevölkerungsteile impfte und viele Teilen des Landes wieder zur Normalität zurückkehren, sind sie wieder da.

147 Massenschießereien im ersten Jahresquartal in den USA

In den ersten dreieinhalb Monaten des Jahres fanden in den USA 147 Massenschießereien statt. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 85 gewesen. 176 Menschen wurden Opfer solcher Taten, 2020 waren es bis zum 15. April 92.

Wer gehofft hatte, die nationale Epidemie der massenhaften Waffengewalt in Amerika habe sich in Luft aufgelöst, sieht sich nun der harten Wirklichkeit gegenüber, dass es den Amokläufern lediglich an Gelegenheiten gefehlt hat. Mit der Rückkehr der Bevölkerung in den öffentlichen Raum geht auch die Rückkehr der Gewalt in den öffentlichen Raum einher.

Experten nicht überrascht von Rückkehr der Gewalt im öffentlichen Raum

Experten sind davon nicht wirklich überrascht. „Es gibt keinen Grund dafür, dass die Anzahl der Massenschießereien nach der Pandemie niedriger sein sollte als davor“, sagt die Yale-Soziologin Grace Kao. Im Gegenteil: Ein hohes Stressniveau durch die Pandemie sowie finanzielle und berufliche Schwierigkeiten hätten die psychische Lage der Nation noch deutlich angespannter gemacht als zuvor.

Das hat sich bereits im vergangenen Jahr während der Pandemie in einer dramatisch angestiegenen Anzahl an alltäglichen Gewaltverbrechen geäußert. Im Jahr 2020 wurden in den USA 19.000 Menschen erschossen – so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. Auch der Waffenkauf war in die Höhe geschnellt: 22,8 Millionen Waffen wurden 2020 gekauft, im Vergleich zu 13,9 Millionen im Vorjahr. Mehr als acht Millionen Amerikaner kauften sich 2020 zum ersten Mal eine Waffe. Massenschießereien fielen lediglich in Ermangelung von Ansammlungen aus.

Erneute Debatte um härtere Waffengesetze

Nun entbrennt in den USA erneut die Debatte um härtere Waffengesetze. Eine Debatte, die in der Vergangenheit selten weit geführt hat.

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Joe Biden versprach in einer Rede nach dem jüngsten Massaker von Colorado, „diese nationale Peinlichkeit“ nicht länger zu tolerieren. Dann stellte er ein Ad-hoc-Maßnahmen-Paket zur Eindämmung der Waffengewalt vor. Dazu gehörte eine stärkere Regulierung selbst gemachter Handfeuerwaffen, neue Studien sowie die Benennung eines neuen Chefs der Behörde für Alkohol, Tabak, Feuerwaffen und Sprengstoff – ein Posten, den Donald Trump unbesetzt gelassen hatte.

Kann nur eine umfassende Bundesgesetzgebung für Besserung sorgen?

Experten sind sich jedoch einig, dass alleine eine umfassende Bundesgesetzgebung wirklich wirksam wäre. Und dafür reicht die hauchdünne Mehrheit der demokratischen Partei im Senat nicht aus. Republikanische Abgeordnete für eine härtere Waffengesetzgebung zu gewinnen, war noch nie erfolgreich, und Politiker wie der texanische Gouverneur Greg Abbott haben bereits prophylaktisch ihren Widerstand angekündigt und davor gewarnt, dass „Biden Amerikanern ihre Waffen wegnehmen will“.

Allzu heftig wird sich Biden deshalb auch nicht mit den Republikanern anlegen. Er braucht sein politisches Kapital für Großprojekte wie sein Infrastrukturpaket.

Massaker als Realität des amerikanischen Lebens hinnehmen?

Manche politischen Kommentatoren, wie etwa der linke Blogger Matthew Iglesias, glauben deshalb, dass es vielleicht weiser sei, den Kampf auf nationaler Ebene einfach aufzugeben. Aussichtsreicher sei es, auf Staatsebene auf kleinen, schrittweisen Fortschritt zu setzen. Das hieße allerdings, bis auf Weiteres Massaker als Realität des amerikanischen Lebens hinzunehmen. Man kann das zynisch nennen. Oder auch realistisch.

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