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Verschwinden der Britin Sarah Everard löst Debatte über Sicherheit aus: „Frauen haben genug“

Mit einer großangelegten Aktion wurde nach der verschwundenen Sarah Everard gesucht. Mittlerweile wurden Leichenteile gefunden, die wahrscheinlich von der jungen Frau stammen.

Mit einer großangelegten Aktion wurde nach der verschwundenen Sarah Everard gesucht. Mittlerweile wurden Leichenteile gefunden, die wahrscheinlich von der jungen Frau stammen.

London. Sie war nur auf dem Weg nach Hause an jenem Mittwochabend. Es war 21 Uhr. Es war dunkel. Die Straßen im Süd-Londoner Viertel Clapham waren zwar gut beleuchtet, aber aufgrund des Lockdowns verlassener als sonst. Nach einem Besuch bei einem Freund, nicht weit von ihrer Wohnung im hippen wie gewöhnlich belebten Brixton entfernt, telefonierte die junge Frau zunächst noch mit ihrem Partner. Er sollte gegen 21.30 Uhr der Letzte sein, der von Sarah Everard hört. Die 33-jährige Britin kam nie in ihrer Wohnung an.

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Es begann eine großangelegte Suchaktion: „Please Help“-Plakate klebten an Lampenmasten und in Schaufenstern, in den sozialen Medien meldeten sich besorgte Bekannte und bewegte Fremde zu Wort. Sarah Everards Gesicht kannte plötzlich ganz Großbritannien. Am Mittwochabend, eine Woche nach ihrem Verschwinden, entdeckte die Polizei dann Leichenteile in einem Wald in Ashford in der Grafschaft Kent. Am Freitag folgte die traurige Bestätigung: Es sind jene von Everard.

Polizist als Mordverdächtiger verhaftet

Ein Mann wurde verhaftet – und auch diese Nachricht löste Bestürzung aus. Denn es handelt sich ausgerechnet um einen Polizeibeamten. „Die Tatsache, dass der festgenommene Mann ein Mitglied der Metropolitan Police ist, ist schockierend und sehr verstörend“, sagte der Met-Kommissar Nick Ephgrave. Der verdächtige britische Beamte war zum Zeitpunkt von Everards Verschwinden nicht im Dienst. Seine Freundin wird der Beihilfe beschuldigt. Die Ermittlungen laufen.

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Der Fall erschüttert das Königreich – und insbesondere Frauen fühlen sich betroffen. Denn jede denkt das Gleiche: Dies hätte auch ich sein können. Meine Schwester, meine Tochter, meine Nachbarin, meine Freundin, meine Mutter. Sarah Everard steht für den Albtraum, der schon Mädchen in jungem Alter umtreibt. Sie steht für alle Frauen, die täglich allein zu Fuß unterwegs sind – ob im Dunkeln oder am helllichten Tag. Die Angst haben, wenn Männer zu nah kommen; die angepöbelt werden oder sexuell belästigt; die Umwege gehen, weil sie den direkten Weg vielleicht als unsicher empfinden oder dieser unbeleuchtet ist; die verfolgt werden und nach Hause hasten; die vorgeben, am Telefon zu sein, um potenzielle Angreifer abzuschrecken; die sich im Laden um die Ecke verschanzen, weil sie sich bedrängt fühlen oder schlichtweg Schritte hinter sich hören; die für den Notfall ihre Schlüssel als Waffe in der Hand halten oder extra flache Schuhe tragen, um gegebenenfalls losrennen zu können.

In den sozialen Netzwerken haben sich Tausende Frauen zu Wort gemeldet und von ihren persönlichen Erfahrungen sowie ihren Mitteln zum Selbstschutz erzählt. Die Geschichten klingen schrecklich – und nach Alltag. „Frauen haben genug“, sagte Mandu Reid von der „Women’s Equality Party“. „Wir wollen auf der Straße gehen dürfen ohne Angst vor Belästigung oder Gewalt.“ Die Wut vieler Britinnen wurde noch angeheizt von dem Ratschlag der Polizei, in dieser Woche nicht mehr alleine nachts unterwegs zu sein. Warum sollen die Opfer bestraft werden? Warum ist es auch im Jahr 2021 nicht selbstverständlich sicher für Frauen, abends oder nachts alleine unterwegs zu sein? Für den heutigen Samstag riefen Aktivistinnen unter dem Titel „Reclaim These Streets“ („Holt euch diese Straßen zurück“) zu einer Mahnwache in einem Park nahe des Orts von Sarah Everards Verschwinden auf.

Everard hatte schon alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen

Besonders tragisch ist, dass die Marketingmanagerin Everard selbst alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte: Sie trug farbenfrohe, helle Kleidung und Turnschuhe, ging entlang von großen Straßen und war am Telefon. Es war nicht genug.

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In die Debatte um die Sicherheit von Frauen schalten sich nun auch immer mehr Männer ein, fragen nach Tipps, wie sie als unangenehm empfundene Situationen vermeiden können, etwa indem sie die Straßenseite wechseln, wenn eine Frau vor ihnen geht. Ist dies der Moment, in dem sich endlich etwas grundlegend ändert? Die Organisatorin der ersten „Reclaim the Night“ („Holt euch die Nacht zurück“)-Protestzüge, Al Garthwaite, forderte von Männern, die Schuld nicht bei den Opfern zu suchen und etwa nach Vorfällen zu fragen, wie spät es war, was die Frau getragen hat oder warum sie alleine unterwegs war. Vielmehr sollten sie sich als Verbündete von Frauen anbieten und das Gespräch mit anderen Männern suchen. „Zu helfen heißt, aufzustehen und zu sagen: Alles, was Frauen daran hindert, auszugehen und sich dabei unsicher zu fühlen, ist inakzeptabel.“

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