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Roncalli-Chef Bernhard Paul: „Wir werden nicht sang- und klanglos untergehen“

  • Die Generalprobe im Frühjahr lief glatt, das neue Programm war startklar – und dann die Vollbremsung durch Corona.
  • Das Jahr 2020 war extrem schwierig für den Circus Roncalli und seinen umtriebigen Gründer und Direktor Bernhard Paul.
  • Im Interview spricht er über die Zwangspause, den Ärger über NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und die guten Seiten des Pandemiejahres.
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Herr Paul, welches Attribut würden Sie dem Jahr 2020 geben?

Ehrlich gesagt, es war ein Scheißjahr. Wir mussten mit dem Zirkus, dem Varieté Apollo und unseren vielen Veranstaltungen eine Vollbremsung hinlegen. Momentan schaue ich mir das Leben wie einen Film an, ich kann ja doch nichts an der Situation ändern. Aber ich habe die Zeit des Stillstandes auch genutzt.

Inwiefern?

Ich habe eine lange aufgeschobene Operation hinter mich gebracht. Das ist ein sehr befreiendes Gefühl. Und ich hatte plötzlich Zeit zum Nachdenken.

Was ist dabei herausgekommen?

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Beispielsweise habe ich mir nie Gedanken übers Alter gemacht – im Spital hatte ich Gelegenheit dazu. Und ich muss sagen: Das Alter hat nichts, aber auch gar nichts Schönes an sich. Zum Glück bin ich immer abgelenkt und brauche auch jetzt meine Kraft für neue Dinge und Ideen.

Und die wären?

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Ich habe über 40 Jahre fast durchgearbeitet. Plötzlich komme ich zur Ruhe, das ist für mich hochinteressant. Ich könnte mir vorstellen, ein Buch zu schreiben. Ich möchte, wie früher, wieder mehr malen. Und ich möchte mich noch intensiver mit der Zirkushistorie beschäftigen, denn diese Kulturform wird nicht erst in Corona-Zeiten immer mehr vernachlässigt. In unserem Winterquartier schlummert die größte Zirkussammlung Europas, die noch viele Geheimnisse birgt.

Den Zirkus traf der Lockdown besonders hart ...

… ja, wir waren tatsächlich die Ersten in Deutschland, die es im Frühjahr getroffen hat. Es war alles vorbereitet für die Premiere unseres neuen Programms. Wir hatten den ganzen Zirkus mit einem Sonderzug nach Recklinghausen gebracht, alles aufgebaut, neue Kostüme fertigen lassen, die Artisten aus der ganzen Welt zusammengeholt. Dann kam die Generalprobe, am Tag darauf sollte Premiere sein. In der Nacht kam der Bürgermeister und sagte uns, dass wir nicht spielen dürfen. Das zog uns den Boden unter den Füßen weg. Allein der Auf- und Abbau in Recklinghausen hat schon 500.000 Euro gekostet. Wir sind dann weiter nach Köln gefahren, wieder das gleiche Spiel. Und dann platzte ein Termin nach dem anderen. Die Tournee war zwei Jahre lang vorbereitet.

Wird Roncalli das Corona-Jahr überstehen?

Wir werden nicht sang- und klanglos untergehen. Wir haben unsere Kosten so gut es geht heruntergefahren, zehren von unseren Reserven. 150 Leute im Zirkus und noch mal 100 im Apollo können aber nicht mehr arbeiten. Doch Artisten sind Überlebenskünstler, in der Familie hilft man sich gegenseitig. Auch wenn wir finanziell so viel verloren haben, wichtig ist, dass man überlebt. Das Glück hängt nicht nur am Geld.

Haben Sie Förderung bekommen?

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Schlechtes Thema. Ich habe den Ministerpräsidenten Armin Laschet angeschrieben und um ein kurzes Treffen gebeten, nachdem ich von Ministerium zu Ministerium hin- und hergeschoben worden bin. Schließlich bin ich nicht nur Kulturbotschafter Nordrhein-Westfalens, sondern habe auch den Großen Staatspreis des Landes bekommen und bin Bundesverdienstkreuzträger. Was ich damit sagen will, ist: Roncalli repräsentiert als Institution die Kultur, wir beschäftigen ein Ballett und ein Orchester. Und trotzdem gehören wir nicht zur Kultur.

Wie meinen Sie das?

Roncalli wird offiziell nicht als Kultur, sondern als Gewerbe eingestuft. Gegen dieses unsägliche Erbe aus der Nazi-Diktatur kämpfe ich schon seit Helmut-Kohl-Zeiten. Dass wir zum Gewerbe zählen, zieht jede Menge Probleme nach sich. So werden wir beispielsweise anders besteuert, was für uns von Nachteil ist.

Hat Herr Laschet sich gemeldet?

Nein, ich warte seit Monaten auf eine Antwort. Das finde ich traurig.

Hat das Jahr 2020 auch gute Momente für Sie gehabt?

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Ja, ich freue mich beispielsweise, dass Roncalli Finalist beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design 2021 geworden ist. Wir sind ein Zirkustheater, das seit drei Jahren keine Tiere mehr hat, wir sind plastikfrei und verkaufen ausschließlich Bioprodukte.

Können Sie sich auch darüber freuen, dass Ihre Tochter Lili, die als Artistin im Zirkus dabei ist, bei „Let´s Dance“ gewonnen hat?

Ja, sie hat das toll gemacht. Wenn wir unsere Tournee hätten fortführen können, hätte uns ihr Erfolg sehr in die Karten gespielt. Wegen der Pandemie fielen aber auch für sie persönlich viele Nachfolgeaufträge weg.

Lili Paul-Roncalli, Artistin, und Massimo Sinato, Profitänzer, tanzen im März in der RTL-Tanzshow „Let's Dance“ im Coloneum. © Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Haben Sie keine Sorge, dass Ihre Tochter nach dem Erfolg nun den Zirkus verlassen könnte?

Nein, überhaupt nicht. Wir sind eine Gauklerfamilie, wir bleiben zusammen. Roncalli ist ein Familienunternehmen, meine drei Kinder arbeiten alle im Zirkus.

Wann glauben Sie, geht der Vorhang wieder auf?

Bis März wird es eher knapp. Ich glaube, zaghafte Versuche wird es im Mai geben. Dann können wir endlich wieder Vollgas geben.

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