Robert Enke starb vor zehn Jahren: Wir sind keine Maschinen

  • Zehn Jahre nach dem Tod von Robert Enke sind Depressionen weiter ein gewaltiges, unheimliches Tabu, meint Imre Grimm.
  • Doch ein Tabu ist in vielen Fällen genauso schädlich wie die Krankheit selbst.
  • Ein Kommentar.
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Schwarze Schatten legen sich auf die Seele, saugen alles Glück aus den Adern. Herz und Hirn erkalten. Der Mensch wird zu einer leeren Hülle. Die Angst regiert. Die Depression ist ein Teufel.

Zehn Jahre ist es her, dass sich Robert Enke, schwer depressiv, das Leben nahm. Besessen von der Angst zu versagen, besessen von der Sorge, seine Krankheit könne öffentlich werden und seine Karriere beenden, sah er keinen anderen Ausweg als den Tod auf den Bahngleisen. Millionen trauerten. Viele rührt Enkes Schicksal bis heute. Warum? Weil der Leidensweg des Torhüters eine moderne Tragödie bleibt, die auch vom Erwartungsdruck in der Leistungsgesellschaft erzählt. Von der tiefen Angst, nicht mithalten zu können. Eine Angst, die längst nicht nur jene spüren, die im grellen Licht der Öffentlichkeit stehen.

Seit Enkes Tod hat sich wenig getan. Die Unwissenheit bleibt groß. Depression ist weiter ein gewaltiges, unheimliches Tabu. Warum ist das so? Weil Depressive die Gesunden an die Verletzlichkeit auch ihrer eigenen Seele erinnern. Das macht Angst. Die Psyche ist ein tiefes Gewässer, in das sehr viele Menschen nicht einmal den großen Zeh zu stecken wagen – aus Angst vor Abgründen. Das ist auch der Grund, warum die Gesellschaft Depression lieber als „Burn-out“ beschönigt. „Ausgebrannt“ – das klingt nach Überarbeitung, nach Fleiß bis zur Selbstausbeutung.

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Kampf im Kopf: Was der Tod von Robert Enke bewirkte
3:06 min
Er war Nationalspieler, erfolgreich und ernsthaft krank. Robert Enke nahm sich vor zehn Jahren völlig überraschend das Leben. Ein Blick zurück.  © Evangelischer Kirchenfunk Niedersachsen

Schwäche gehört zum Menschsein

Jeder Fünfte in Deutschland leidet mindestens einmal im Leben an Depressionen. Es gibt Umstände, die sie begünstigen. Aber niemand, der depressiv ist, trägt die Schuld daran. Trotzdem hören Betroffene bis heute, sie müssten sich „bloß mal zusammenreißen“. Ein gebrochener Arm ist für jedermann sichtbar. Eine gebrochene Seele dagegen ist von außen unsichtbar. Und es gehört zu den perfiden Taktiken der Depression, dass sie sich selbst für endgültig erklärt, dass sie für den Erkrankten jede Aussicht auf Heilung verbaut. Dabei ist sie behandelbar. Wenn man darüber spricht.

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Enkes Tod hat auch deshalb solche Trauer ausgelöst, weil es bei aller Schrecklichkeit etwas Befreiendes hat, wenn ein Tabu aufbricht. Denn das Tabu ist in vielen Fällen genauso schädlich wie die Krankheit selbst. In Enkes Fall war es tödlich. Wer aus Angst schweigt und ungeheure Energie für das Verbergen der eigenen Verzweiflung aufwendet, dem kann nicht geholfen werden. Seit dem Jahr 2008 ist die Zahl der Suizide bei schweren Depressionen um das Sechsfache gestiegen – auf rund 600 Fälle pro Jahr. Darin spiegelt sich auch die Unbarmherzigkeit der Arbeitswelt, die sich so gern frisch, flexibel und familienfreundlich gibt, in Wahrheit aber eine kühle Härte mit sich bringt, die viele überfordert.

Schwäche aber gehört zum Menschsein. Wir sind keine Maschinen. Das ist das Vermächtnis von Robert Enke.

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