„Das bricht mir das Herz“: So blicken die Weinholds auf ihren Umzug ins Dorf und zurück

Johanna und Robert Weinhold vor ihrem Haus in Pretzschendorf bei Aufnahmen zum Podcast „Allein unter Sachsen“.
Quelle: Felix Posner
Leipzig/Pretzschendorf. Johanna Weinhold ist mit ihrer Familie von Leipzig ins Erzgebirge gezogen. Über ihre Geschichte berichtet sie im RND-Podcast „Allein unter Sachsen: Mein Umzug aufs Dorf“. Auch über den Moment, der für die Familie bis heute nachwirkt: die Entscheidung, wieder die Umzugskisten zu packen und zurück nach Leipzig zu gehen. Im Interview sprechen Johanna Weinhold und ihr Mann Robert darüber, wie es dazu kam und wie es danach für sie weiterging.
Wie schwer war es für euch, euren Traum vom Leben in Pretzschendorf aufzugeben?
Robert Weinhold: Das war schon ein krasser Prozess. Wir wollten in diesem Dorf unser Leben verbringen, unsere Kinder aufwachsen sehen, in dieser Gemeinschaft teilhaben. Aber wir haben schnell gelernt, dass wir da vielleicht gar nicht so hineinpassen. Und das hat sehr in uns gearbeitet: Ruckelt sich das noch ein? Anfang des Jahres hatten wir dann diesen Zettel im Briefkasten. Ausgeschnittene Buchstaben und die Botschaft, wir seien der Gesellschaft nichts wert. An dem Punkt wollte ich eigentlich sofort meine Sachen packen und gehen.
Johanna Weinhold: Ich glaube, der Kipppunkt war schon eher.
Robert Weinhold: Für mich ist ein elementares Ereignis die Faschingsfeier im vergangenen Herbst. Die war erst mal total gut! Wir sind dann da nachts um zwei mit Leuten ins Gespräch gekommen. Zum ersten Mal haben die Menschen mit uns geredet und uns erzählt, was die letzten Monate über uns im Dorf so gesprochen wurde. Ich war ganz euphorisch. Ich dachte: Wir sind jetzt drin. Und dann kam am nächsten Morgen der Kater. Ich dachte: Warte mal, die haben sich jetzt vier Monate lang Sachen über uns erzählt, meinen Twitterkanal durchleuchtet und sich darüber aufgeregt, was wir mit unseren Kindern machen? Ab da hat sich so ein schleichendes Gefühl eingestellt bei mir, dass das nicht in Ordnung ist.

Diesen Zettel fanden die Weinholds in Pretzschendorf in ihrem Briefkasten.
Quelle: Johanna Weinhold
Als ihr dann entschieden habt zu gehen – war da auch ein wehleidiges Gefühl?
Johanna Weinhold: Für mich war es eine Befreiung. Das Wehleidige setzt erst jetzt langsam ein. In Pretzschendorf sind auch viele tolle Dinge passiert, auch für mich ganz persönlich. Ich bin ein Trennungskind, meine Eltern sind sich über viele Jahrzehnte nicht begegnet. Und in dem Haus in Pretzschendorf sind sie das erste Mal wieder zusammengekommen, um mit meinen Kindern, ihren Enkeln, zu spielen. Das hatte etwas ganz Heilsames. Dass das nicht weitergeht, ist für mich auch ein Schmerz.
Robert Weinhold: Es war eine Erlösung, die ganzen Spannungen hinter uns zu lassen und zu gehen. Ich habe da auch keinen Groll, nur die Erkenntnis: Dieser Weg hat nicht funktioniert für uns.
„Es ist bekloppt, aber jetzt kommt das Wehleid“
Könnt ihr euch vorstellen, noch einmal das Projekt Landleben anzugehen, an einem anderen Ort?
Robert Weinhold: Keinesfalls. Mit Mitte 50 vielleicht.
Johanna Weinhold: Ich entdecke in mir schon eine Gespaltenheit. Wir waren kürzlich in Pretzschendorf, es war ein schöner Sommertag, ich habe liebe Menschen getroffen. Es ist schon bekloppt, aber ich stand da und dachte: Ach, das ist doch schön hier!
Robert, du kommst aus dem Erzgebirge. Wie blickt denn deine Familie auf den Rückzug nach Leipzig?
Robert Weinhold: Ich glaube, für meine Familie ist da auch ein Traum geplatzt. Meine Mutter redet schon immer davon, dass es sehr schön sei, wenn ich irgendwann wieder zurückkomme. Da ist kein böswilliges Unverständnis, aber schon so der Gedanke: „Ihr habt jetzt so viel Zeit, Geld und Kraft investiert, das könnt ihr doch jetzt nicht einfach sein lassen.“
„Ich fühle nicht, dass wir gescheitert sind“
Was nehmt ihr mit aus der Zeit für euch?
Robert Weinhold: Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass wir uns noch haben als Paar und als Familie. Wir waren auf einem guten Weg, das zu verlieren. Unser Baugutachter meinte damals: „Passen Sie gut auf sich auf. Ich kenne Ehepaare, die lassen sich scheiden, weil sie sich nicht auf die Fliesenfarbe einigen können.“ Ich glaube, das haben wir gemacht, wir haben auf uns aufgepasst.
Johanna Weinhold: Und ich habe immer die Fliesen ausgesucht.
Robert Weinhold: Ich hab Johanna die Fliesen aussuchen lassen. Dafür hab ich bestimmt, wo die Kabelschlitze gestemmt werden. Wir haben also viel gelernt. Darüber, wie Hausbau funktioniert, aber auch Dinge über uns, unsere Freunde und Familien. Wir sind daran gewachsen.
Johanna Weinhold: Ich fühle auch nicht, dass wir gescheitert sind. Am Ende steht für mich die Erkenntnis, die mir wirklich wichtig ist: Man kann nicht überall leben und es gibt eben Sachen auf der Welt, die nicht funktionieren.
„Ich biete das Haus hiermit offiziell an“
Was wird jetzt aus eurem Haus in Pretzschendorf? Ist es schon verkauft?
Robert Weinhold: Ich biete es hiermit offiziell an – Interessenten können sich gerne in der Redaktion melden. Also ja, wir werden uns darum bemühen, es zu veräußern. Auch, um dem Umfeld dort gerecht zu werden. Es hat ja niemand was davon, wenn das Haus jetzt fünf Jahre leer steht. Wir sind es der Nachbarschaft schuldig, jemanden zu finden, der das wieder so in den Ortskern integriert, wie wir das nicht geschafft haben.
Johanna Weinhold: Es ist verrückt, aber ich schaffe es emotional nicht, dieses Haus loszulassen. Alles Drumherum fällt mir leicht loszulassen, weil es eben nicht sein soll. Aber dieses Haus mit all diesen Kleinigkeiten! Den Fenstergriffen, die wir bei einem italienischen Schmied anfertigen lassen haben. Die Kinder wussten auf der Rückfahrt nach Deutschland nicht mehr, wo sie sitzen können, aber die Fenstergriffe mussten mit. Die spanischen handgebrannten Fliesen. Da drin steckt die Vision davon, wie wir leben wollen und wie wir auch miteinander alt werden wollen. Das ist für mich richtig hart, das muss ich echt sagen. Das Haus wegzugeben, das bricht mir das Herz.
Die Bonusfolge zum Podcast: Das gesamte Gespräch mit Johanna und Robert Weinhold gibt es zum Nachhören in der sechsten Episode unseres Podcasts „Allein unter Sachsen: Mein Umzug aufs Dorf“. Sie finden die Folge auf RND.de, LVZ.de und überall, wo es Podcasts gibt. Der gesamte Podcast „Allein unter Sachsen: Mein Umzug aufs Dorf“ ist exklusiv auf RND+ und LVZ+ zu hören, unter www.rnd.de/dorf. Die ersten beiden Folgen und die Bonusfolge sind gratis.












