Repressalien gegen Homosexuelle: Erdogans Angst vor dem Regenbogen

  • In Istanbul wird am Wochenende Haftbefehl gegen zwei Studenten erlassen, die mit einer Regenbogenfahne „religiöse Werte beleidigt“ haben sollen.
  • Hintergrund sind Proteste gegen den neuen Rektor einer der angesehensten Hochschulen des Landes.
  • Repressalien und Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen sind freilich kein Einzelfall in der Türkei.
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Istanbul. Ein Gericht in Istanbul hat am Samstag Haftbefehl gegen zwei Studierende erlassen. Sie sollen „religiöse Werte beleidigt“ haben – mit einer Regenbogenfahne.

Die beiden Verhafteten gehören zu einer Gruppe von vier Studenten, die am Freitag auf dem Gelände der Istanbuler Bogazici-Universität von der Polizei festgenommen wurden. Sie hatten im Rahmen einer friedlichen Demonstration ein Plakat aufgehängt, das die Kaaba in Mekka und eine Regenbogenfahne zeigt. Die Kaaba ist die heiligste Stätte des Islam, die Regenbogenfahne ein Symbol der LGBTI-Bewegung (Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle). Innenminister Süleyman Soylu meldete auf Twitter die Festnahme die vier „Abartigen“, so seine Worte. Auch ein Sprecher von Staatschef Recep Tayyip Erdogan schrieb, „diese Abartigkeit“ werde „die Strafe bekommen, die sie nach dem Gesetz verdient“.

Die staatliche Bogazici-Universität, die aus dem 1863 gegründeten US-amerikanischen Robert College hervorging, ist eine der angesehensten Hochschulen der Türkei. Seit Wochen gibt es an der Universität Studentenproteste. Sie richten sich gegen den von Erdogan zum neuen Rektor ernannten Melih Bulu, einen früheren Politiker der Regierungspartei AKP. Viele Studierende, aber auch große Teile der Professorenschaft sehen darin den Versuch des Staatschefs, die linksliberal geprägte Universität auf Regierungslinie zu bringen. Als bedrohlich empfinden das nicht zuletzt die Aktivisten der LGBTI-Bewegung, die an der Bogazici-Universität besonders stark vertreten ist. Die Ereignisse vom Wochenende scheinen die Befürchtung zu bestätigen. Triumphierend teilte das Amt des Istanbuler Gouverneurs mit, man habe bei der Durchsuchung eines LGBTI-Klubs an der Universität eine Regenbogenfahne „sichergestellt“ – offenbar aus Sicht der Behörden ein belastendes Beweismittel.

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Homosexualität „verflucht“

In der altgriechischen und der germanischen Mythologie galt der Regenbogen als Brücke, die von der Erde in den Himmel führt. Im Verständnis der türkischen Islamisten scheint er geradewegs in die Hölle zu führen. Das zeigte sich im vergangenen Frühjahr, als das Istanbuler Museum für moderne Kunst Kinder aufforderte, Regenbögen zu malen. Die Zeichnungen sollten Zuversicht in der Corona-Krise stiften. Die Schulbehörden ermahnten daraufhin die Lehrer, das Zeichnen von Regenbögen zu unterbinden. Die Aktion sei Teil eines „Komplotts“, Kinder zu Schwulen und Lesben „umzupolen“.

Kurz zuvor hatte der Chef der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas, in einer Predigt zum Fastenmonat Ramadan Homosexualität „verflucht“. Sie löse Infektionskrankheiten aus und führe zum „Verfall“. Erbas erwähnte zwar nicht ausdrücklich Covid-19, wurde aber weithin so verstanden, als wolle er Homosexuelle für die Pandemie verantwortlich machen. Die Predigt löste in großen Teilen der türkischen Zivilgesellschaft Empörung aus. Staatschef Erdogan nahm den Geistlichen in Schutz: Was Erbas gesagt habe, sei „von vorne bis hinten korrekt“. Kritik an dem Diyanet-Chef sei „ein Angriff auf den Staat“, warnte Erdogan.

Schwule, Lesben und Transsexuelle klagen über zunehmende Diskriminierung

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Homosexualität ist in der Türkei, im Gegensatz zu vielen anderen islamischen Ländern, zwar nicht verboten. Schwule, Lesben und Transsexuelle klagen aber über zunehmende Diskriminierung und Angriffe. Vor dem ersten Wahlsieg seiner Partei 2002 hatte sich Erdogan noch als jemand ausgegeben, der Schwulen und Lesben Schutz vor Diskriminierung versprach. Inzwischen weht der Wind aus einer anderen Richtung.

Seit 2015 sind die jährlichen Gay-Pride-Umzüge in der Türkei verboten – wegen „Gefahren für die Volksgesundheit“. Noch 2014 hatten sich der Parade in Istanbul über 100.000 Menschen angeschlossen – gegenüber rund 30 Teilnehmern bei der ersten Veranstaltung im Jahr 2003. Als sich 2019 trotz des Verbots in Istanbul ein Umzug formierte, setzte die Polizei Tränengas und Gummiknüppel gegen die Teilnehmer ein. Im vergangenen Jahr verweigerte die staatliche Rundfunk- und Fernsehaufsicht RTÜK die Drehgenehmigung für eine Netflix-Serie, weil das Drehbuch eine schwule Figur enthielt. Netflix sagte die Serie, die in der Türkei produziert werden sollte, daraufhin komplett ab.

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