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Reeperbahn im Lockdown: So geht es den Kultkneipen auf dem Hamburger Kiez

  • Kultkneipen wie der Elbschlosskeller oder der Goldene Handschuh prägen seit Jahrzehnten das Bild auf dem Hamburger Kiez.
  • Doch der Lockdown setzt der Reeperbahn zu – seit drei Monaten schon ist alles dicht.
  • Wie halten die Gastronomen sich über Wasser? Worauf hoffen sie? Drei Kneipiers berichten von vor Ort.
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Hamburg. Schon seit mehr als drei Monaten hat die Gastronomie in Deutschland wieder wegen der Pandemie dicht. Der Lockdown verbietet es Restaurants, Kneipen und Bars, Gäste zu bedienen. Das trifft den Hamburger Kiez besonders hart – er lebt von der Vielfalt solcher Angebote. Kultkneipen wie der Elbschlosskeller oder der Goldene Handschuh gehören seit Jahrzehnten zum Stadtbild. Doch nun müssen sie um ihre Existenz bangen.

Goldener Handschuh setzt auf Unterhaltung im Netz

„Die Hände in den Schoß legen ist nicht unser Ding“, zeigt Marco Nürnberg sich gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) kämpferisch. Sein Vater führt die Kneipe Zum Goldenen Handschuh, die vor allem durch Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“ (2016) und Fatih Akins gleichnamigen Film (2019) deutschlandweit bekannt wurde, bereits in dritter Generation. Dessen Großvater Herbert Nürnberg, ein Boxer, hat sie im Jahr 1953 gegründet. Der Ururenkel Marco Nürnberg (33) will sie irgendwann in vierter Generation weiterführen und hilft schon jetzt mit, wo es geht. Und nur, weil die Kneipe schon seit Monaten geschlossen ist, gibt er das nicht auf.

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Fatih Akin vor der Kulisse der Kneipe, die seinem Horrorfilm „Der goldene Handschuh“ den Namen gegeben hat.

„Den Laden renoviert haben wir schon im ersten Lockdown, jetzt haben wir einen Onlineshop neu aufgebaut“, erzählt er. Außerdem habe er den bis dahin „eher toten Facebook-Account“ der Bar wiederbelebt, und auch auf Instagram ist der Goldene Handschuh jetzt aktiv. „Wir haben zehn Angestellte, mit denen haben wir Videobotschaften aufgenommen“, so Nürnberg. Zudem organisiere er einmal die Woche ein Livekneipengespräch, das sie über ihre Social-Media-Kanäle ins Netz streamten. „Ganz viel Liebe“ komme da zurück, berichtet Nürnberg, und freut sich über die positive Resonanz.

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Die Solidarität zwischen den Kiezkneipen in Hamburg sei groß, berichtet der künftige Inhaber des Goldenen Handschuhs weiter. „Nur wenn der Kiez vielfältig überlebt, wird es wie früher“, ist er sich sicher. „Wenn die Kneipen schließen müssen, verliert der Kiez seinen Flair und Charme. Dann kommen Großinvestoren und es wird alles zu einem Einheitsbrei.“ Um das zu verhindern, vernetzten die Kneipen und Clubs sich untereinander. So sei auch das Mahnwachen-Projekt entstanden, ein Bündnis von Betroffenen und Freunden vom Kiez, die sich auf den Kiez stellen und deren Ziel Gespräche mit den für die Maßnahmen Verantwortlichen sind.

Doch eins berichten fast alle von ihnen: Die versprochenen Hilfen vom Staat lassen auf sich warten, was dafür sorgt, dass besonders bei kleinen Kneipen die Verzweiflung wächst. „Die Novemberhilfe ist immer noch nicht da“, erzählt auch Nürnberg. Das sei hart, weil sie trotz Lockdown laufende Kosten hätten. Und der Goldene Handschuh habe da noch einen Vorteil im Gegensatz zu vielen anderen Kneipen: „Wir sind auch Eigentümer der Immobilie“, erklärt Nürnberg. Für das Fortbestehen vieler Kneipen hänge viel davon ab, dass „Deutschland sich an seine Versprechen hält.“ Sprich: Das versprochene Geld muss zeitnah ankommen.

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Er hofft auf eine Wiedereröffnung nach Ostern – an eine frühere Rückkehr der Gastrobranche glaubt er nicht. Zum Thema Sperrstunde, die es kurz vor der erneuten Schließung der Gastronomie im Oktober schon mal gab, sagt Nürnberg: „Da kann man fast zumachen, die spannenden Stunden werden dann ausgeklammert.“ Der Goldene Handschuh hat normalerweise, wie der Elbschlosskeller auch, sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag offen.

Elbschlosskeller zwischenzeitig zur Suppenküche umfunktioniert

Der Elbschlosskeller an der Reeperbahn ist verschlossen. © Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Auch Letzterer ringt aktuell mit der Situation. „Im ersten Lockdown haben wir unsere Mitarbeiter zusätzlich zum Kurzarbeitergeld noch finanziell unterstützt, jetzt ist das nicht mehr möglich“, sagt Susanna Horn, Mitarbeiterin vom Elbschlosskeller und Partnerin des Wirts Daniel Schmidt, dem RND. So wohne aktuell auch einer ihrer Mitarbeiter in der Kultkneipe, die es schon seit 70 Jahren gibt. „Der konnte seine Bude nicht mehr halten“, berichtet die Gastronomin, die eigenen Angaben zufolge seit rund 30 Jahren auf der Reeperbahn arbeitet, von der ausweglosen Situation mancher Betroffener.

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Auch bei ihnen sei bisher nur ein Abschlag der Novemberhilfe angekommen – „und die Post bringt täglich Mahnungen“, so Horn. „Die Regierung muss ihre Hausaufgaben machen“, kritisiert die Gastronomin die Politik. Sie zweifele die getroffenen Maßnahmen nicht an, doch die Hilfen müssten fließen. Auch wenn sie sich sicher ist, dass der Elbschlosskeller überleben wird, ist sie frustriert. Wie der Goldene Handschuh auch macht die Kneipe aktuell Einnahmen durch den Verkauf von Merchandise oder selbst gemachtem Mexikaner. „Das hat uns durch den Dezember gebracht“, sagt Horn – und mit dem Mexikaner wolle man auch an sich erinnern. Das Kultgetränk, das aus einer klaren Spirituose (meist Korn), Tabasco und Tomatensaft gemacht wird, wird sonst in der Kneipe ausgeschenkt.

Im ersten Lockdown war der Elbschlosskeller zur Suppenküche für Obdachlose und Bedürftige umfunktioniert worden. „Da war ja alles zu, auch Tafeln und andere Hilfsangebote. Die Leute saßen da und wurden nicht ernährt“, spricht Horn von der Not auf den Straßen, die sie damals auf die Idee brachte. Jetzt sei das zum Glück anders. Im kleinen Rahmen hilft die Kneipe aber weiter mit: „Wir haben einen VW-Bus, der zwei- bis dreimal die Woche unterwegs ist und feste Leute mit Essen und Klamotten beliefert.“ Mehr sei aber auch für sie nicht zu bewältigen.

Auch der Elbschlosskeller hofft auf eine Wiedereröffnung im April – ohne Sperrstunde. „Das bringt dann nix“, pflichtet sie Nürnberg vom Goldenen Handschuh bei. Ein Hygienekonzept sei selbstverständlich in Ordnung, das hätten sie schon vor November stringent umgesetzt. Auch wenn sie auch in diesem Zusammenhang moniert, dass die Regierung mehr helfen müsse – allein eine einheitliche Beschilderung auf der Reeperbahn mit den geltenden Regeln würde da ihrer Meinung nach viel bringen.

Nachtschicht St. Pauli: Zusammenhalt am Hans-Albers-Platz

Kritik an der Regierung bringt auch Micky Hensel, Betreiberin der Nachtschicht St. Pauli am Hans-Albers-Platz in Hamburg, an. Wie viele andere Kneipen vermisst sie die versprochenen „schnellen und unbürokratischen Hilfen“. „Ich habe bisher einen Teil der Hilfsgelder bekommen, aber das war echt ein Kampf“, sagt die Gastronomin dem RND. Dabei könne sie noch von Glück reden, dass sie noch einen anderen Job habe und nicht nur von ihrer Kneipe abhängig sei wie andere Gastronomen. Trotzdem läuft auch bei ihr die Miete ihrer Bar weiter – und der Vermieter sei auch nicht bereit gewesen, sich auf eine Stundung einzulassen.

Mit den bisher erhaltenen Hilfen könne sie bis Ende April durchhalten. „Vor Ostern wird sich bei der Gastro ja vermutlich nichts tun“, ist sie sich wie ihre Kiezkollegen sicher. Es sei frustrierend, aktuell keine Perspektive zu haben. Einmal die Woche gehe sie in ihre Kneipe, um nach dem Rechten zu schauen – „und jedes Mal gehe ich mit Pipi in den Augen wieder raus“. Sollte es zu einer befürchteten Sperrstunde nach der Wiedereröffnung der Gastronomie kommen, würde sie ihren Laden gar nicht erst öffnen – das rechne sich nicht. „Das ist dann auch kein Kneipenfeeling“, meint sie. Dabei hält sie die Gastronomie für systemrelevant: „Die Kommunikation ist superwichtig“, meint sie. Hamburg habe einen extrem hohen Anteil an Singles, denen der Lockdown und auch die Schließung der Kneipen sicher auf die Seele drücke, so Hensel. Sie beklagt in dem Zusammenhang, dass Bars und Kneipen keine wirkliche Lobby haben. Öffnet am Ende nur noch jede zweite Bar nach der Corona-Krise ihre Türen, blieben auch die Touristen weg. „Die kommen auch wegen der Vielfalt auf dem Kiez.“

Aktuell versucht Hensel deshalb, bei ihren Gästen nicht in Vergessenheit zu geraten – unter anderem mit Posts in den sozialen Medien. Außerdem habe sie sich mit rund 40 anderen Betreibern von Kneipen und Co. am und um den Hans-Albers-Platz zusammengetan. „Aus der Not sind wir extrem zusammengewachsen“, so die Kneipenbetreiberin. Sie hätten beispielsweise die Stromkästen auf dem Platz besprayen lassen und neue Außenbeleuchtungen in den Nebenstraßen montiert, um besser gesehen zu werden und für schönere Atmosphäre zu sorgen.

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„Mein Laden ist mein Baby, das werde ich jetzt auf keinen Fall aufgeben“, sagt die Wirtin. Doch die Situation nagt an ihr. Noch zwei Jahre laufe ihr Mietvertrag, „die Zeit habe ich mir natürlich anders vorgestellt“. Nach aktuellem Stand wird sie die Nachtschicht danach wohl abgeben.

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