Rassismus und “Hexenjagd” nach Corona-Ausbruch in Hamm

  • Nach dem Corona-Ausbruch im westfälischen Hamm stehen Mitglieder einer türkischen Hochzeitsgesellschaft im Fokus.
  • Das hat Folgen.
  • Der Integrationsrat spricht von “rechter Hetze im Netz”. Bürger befürchten derweil eine “Hexenjagd” gegen das Brautpaar.
|
Anzeige
Anzeige

Hamm. Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) lässt seiner Wut dieser Tage freien Lauf. Beinahe täglich gibt er Interviews zum Corona-Ausbruch in seiner Stadt Hamm, beinahe täglich wiederholt er: Er wolle “mit allen rechtlichen Möglichkeiten”, die man habe, “auch in Regress gehen”, betont er in einer Videobotschaft. Eine solche Situation habe er in “all den Jahren” in denen er Oberbürgermeister sei, “nicht erlebt”.

Gegenüber dem “Spiegel” macht er deutlich: “Weil eine Handvoll Feiernder jeglichen Anstand, Abstand und auch ihre Masken zur Seite gelegt hat, leiden jetzt 180.000 Menschen darunter.” Gegenüber der “WAZ” legt er nach: Eine “einzige Familie” habe die ganze Stadt “in diese Situation gebracht” und setzte damit “das Zusammenleben der unterschiedlichen landsmännischen Gruppen unter Stress.” Und gegenüber “Bild” meint Hunsteger-Petermann: Es könne “nicht sein, dass eine kleine Gruppe im Grunde anschließend das Leben einer ganzen Stadt erheblich beeinträchtigt.” Beim Hennafest seien die Mindestabstände “garantiert nicht eingehalten worden”.

Was der Oberbürgermeister mit “unterschiedlichen landsmännischen Gruppen” meint: Bei der Hochzeitsgesellschaft, auf deren Feiern der starke Corona-Ausbruch zurückzuführen ist, handelt es sich um eine türkische Familie. 46 Frauen hatten offenbar das traditionelle muslimische Hennafest gefeiert, zwei von ihnen waren mit dem Virus infiziert. Heute gilt das Fest und die darauffolgenden Feiern als Superspreadingevent, Hamm verzeichnet derzeit rund 200 Corona-Infizierte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

“Rechte Hetze im Netz”

Der Ton, den Hunsteger-Petermann hier vorgibt, macht sich aber auch in der Hammer Bevölkerung breit. Viele sind sauer – und vor allem: Sauer auf diese eine Familie. Ein “egoistisches Brautpaar”, schuldig am gesamten Leid einer Stadt. In den Kommentarspalten diverser lokaler Facebook-Seiten und -Gruppen sind viele wütende Kommentare dieser Art zu lesen. Viele fordern, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und hart zu bestrafen. Und: Nicht wenige äußern sich auch eindeutig rassistisch.

Auf der offiziellen Facebook-Seite der Stadt Hamm meint etwa ein Nutzer, der “OB sollte sofort zurücktreten. Der will immer mehr Flüchtlinge holen, kommt aber mit den bisherigen nicht zurecht. Treten sie zurück.” Ein anderer meint, das Brautpaar sei von seiner “Kultur gelenkt” worden. Und in einer Gruppe heißt es von einem Nutzer: “Die Corona-Regeln werden von dieser Klientel ja nicht zum ersten Mal missachtet.”

Ismail Erkul, Vorsitzender des Hammer Integrationsrates, spricht angesichts solcher Kommentare gegenüber dem “Westfälischen Anzeiger” von “rechter Hetze im Netz”. “Schon wieder die Türken”, heiße es. Alle würden über einen Kamm geschoren. Die Folgen jener Hochzeitsfeier träfen hingegen alle Bürger, sagt Erkul. Auch die aus der türkischen Gemeinschaft. “Wir haben alle dasselbe Problem.”

Anzeige

Bürger beklagen “Hexenjagd”

Auch der Geschäftsmann eines Autohauses mit türkischen Wurzeln wird im Artikel zitiert. “Es tut weh, in eine Schublade gepackt zu werden”, sagt er gegenüber der Zeitung. Der Trainer eines Hammer Fußballvereins merkt an, dass die Corona-Regeln in der türkischen Gemeinschaft genauso eingehalten würden wie bei jeder deutschen Hochzeit auch. Das gelte auch für andere Feiern und Veranstaltungen, etwa das Freitagsgebet.

Anzeige

Auch anderen Hammer Bürgern scheint die Stimmung aufzufallen. Auf der Facebook-Seite der Stadt Hamm spricht ein Nutzer von einer “Hexenjagd” und meint damit offensichtlich die Kommentare, die sich gegen die Hochzeitsgesellschaft richten. Ein anderer schreibt: “Jetzt wird eine Hochzeitsgesellschaft durchs Dorf getrieben, unglaublich.” Und eine Nutzerin merkt an: “Das arme Brautpaar”. Sie ergänzt sarkastisch: “Steinigt doch alle Menschen, die leben wollen. (...) Willkommen zurück im Mittelalter, wo man nach den schuldigen Hexen sucht und sie verbrennt.”

Die Einschränkungen der Stadt Hamm wurden unterdessen noch einmal verschärft. Als Reaktion auf die Corona-Welle wurden inzwischen erste Familienfeiern untersagt, darunter zwei Junggesellinnenabschiede und eine Verlobungsfeier. In der Stadt dürfen sich derzeit nur maximal fünf Personen oder Angehörige von zwei Haushalten gemeinsam im öffentlichen Raum aufhalten. Auch wurde die Maskenpflicht im Unterricht wieder eingeführt. Knapp 2000 Menschen befinden sich derzeit in Quarantäne.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen