Vorwürfe gegen Till Lindemann: sein Spiel mit den Frauen

Till Lindemann äußerte sich auf den Konzerten in Berlin zu den Vorwürfen gegen ihn – und zog sie ins Lächerliche.
Quelle: Malte Krudewig/dpa/Archivbild
Lange Zeit schwieg der Rammstein-Sänger, während immer mehr Frauen, aus verschiedenen Ländern, aus verschiedenen Jahren, ihre Anklagen veröffentlichen. Manche hätten demnach das Gefühl gehabt, im Umfeld der Konzerte unter Drogen gesetzt worden zu sein. Zudem berichteten einige der Frauen über sexuelle Übergriffe Till Lindemanns. Seine Anwälte bestreiten, dass es zu strafbaren Handlungen gekommen sein könnte, gingen gegen Berichte vor, gehen gegen die Frauen vor.
Nun äußerte sich der Rammstein-Sänger Till Lindemann erstmals öffentlich zu den Vorwürfen – und zwar während der Show. Aus der Songzeile „Und die Vögel singen nicht mehr“ machte Lindemann bei den letzten Deutschland-Konzerten der aktuellen Rammstein-Tournee in Berlin „Und die Sänger vögeln nicht mehr“.
Vielleicht ist es ja seine ganz eigene, subtile Art, zu sagen, dass er die Vorwürfe wahrgenommen hat und womöglich sogar Besserung lobt. Möglich wäre das. Theoretisch. Aber es gehörte wohl doch allzu viel Wohlwollen dazu, den Rammstein-Sänger so zu verstehen. Naheliegender ist es, dass Till Lindemann sich mit diesen Zeilendrehern über jene Frauen lustig macht, die mutig ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt öffentlich machten und denen so oft nicht geglaubt wird. Und das vor Zehntausenden Zuschauerinnen und Zuschauern.
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Vorwürfe: Wortspiele wie diese sind angesichts der Anwürfe, mit denen Rammstein zu kämpfen hat, unangemessen. Sie ignorieren, dass es nie nur um Sex ging in den Anschuldigungen derjenigen, die sich als Opfer fühlen. Es geht den Schilderungen zufolge um angebliche sexuelle Übergriffe, um sexuelle Handlungen an Frauen, die womöglich nicht klar bei Bewusstsein gewesen sein sollen, um Frauen, die nach eigenen Angaben mit Erinnerungslücken und schmerzendem, blutendem Unterleib aufwachten.
Aus der Songzeile „Alle haben Angst vorm schwarzen Mann“ wurde zudem auf den ersten beiden Berlin-Konzerten ein „Alle haben Angst vor Lindemann“. Er weiß um sein Image, er spielt damit. Noch immer.
Till Lindemann: Hohn statt Aufarbeitung für mutmaßliche Opfer
Mit den Auftritten in Berlin zeigt Till Lindemann keine Reue. Er stellt vielmehr jene Frauen bloß, die von Anfang an davon ausgehen mussten, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass sie Opfer von Hass im Internet werden – und denen selbst trotz Anonymität und eidesstaatlicher Versicherung immer wieder von Rammstein-Fans vorgeworfen wird, nur berühmt werden zu wollen. Frauen, die nichts zu gewinnen haben.
Lindemann zeigt mit seinen Reimen, dass er die Anschuldigungen nicht ernst nimmt, keine Selbstreflexion betreibt, an keiner Aufarbeitung interessiert ist. Nicht nur ihn betrifft das, es betrifft die ganze Band, die noch vor wenigen Wochen mitteilte, die Vorwürfe ernst zu nehmen – und die nun mit Lindemann auf der Bühne stand und ihn reden, singen, gewähren ließ. Mal wieder.
Rammstein: zwischen Schweigen und Spielen
Es passt indes ins Bild, das Rammstein und ihr Umfeld seit Bekanntwerden der ersten Vorwürfe abgeben. Wochenlang wurde zunächst auf keine Medienanfragen reagiert – die Anwälte Lindemanns warfen Medienschaffenden dann dennoch einseitige Berichterstattung vor. Es folgten kurze, nichtssagende Statements und eine eher konfuse Meldung von Bandmitglied Christoph Schneider, dass Lindemann sich von der Band entfernt habe, dass auf seinen Aftershowpartys wohl Dinge passiert seien, die er nicht in Ordnung finde – und dass die Erwartungen der Frauen wohl nicht erfüllt worden seien. Vor allem Letzteres mutet absurd an, ob der Vorwürfe, die im Raum stehen.
Das Spiel mit Sex, sexuellen Übergriffen, Vergewaltigung und Angst gehört schon lange zu Rammsteins Masche. In vielen Songs ist davon zu hören, in Gedichten davon zu lesen, in Musikvideos ist es zu sehen. Immer wieder wurde das „lyrische Ich“ bemüht, wenn Lindemann darüber fantasierte, eine schlafende Frau zu vergewaltigen oder er aus Musikvideos Pornos machte, in denen er Frauen auch schlug. Die Argumentation seiner Verteidiger: Nicht die Person Lindemann würde diese Dinge tun, sagen, schreiben, sondern der Künstler.
Demut sucht man bei Till Lindemann vergebens
Dass besagtes „lyrisches Ich“ und die reale Person Lindemann in den vergangenen Jahren offenbar immer mehr miteinander verschränkt sind, wird nun erneut deutlich. Wer Songtexte umdichtet, um auf aktuelle Vorfälle zu reagieren, tut das eben nicht als „lyrisches Ich“, sondern er lässt den Menschen hinter der Kunstfigur sprechen. Es ist deshalb wohl zu verstehen als ein Statement. Lindemann macht vor seinen Fans klar, dass er sich mächtiger fühlt, sich im Recht fühlt, sich siegessicher wähnt. Obwohl die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt.
Mit Demut hat es der 60-jährige Hardrocker offenbar nicht. Im Gegenteil. Selbst in der jetzigen Situation will er provozieren. Potenzielle Opfer würden durch sein Verhalten erneut erniedrigt. Nach den Konzerten in Berlin feierte Till Lindemann im Fetischclub Kitkat. Selbst die DJane des Abends hat zu Protokoll gegeben, dass sie nicht verstehen könne, wieso Lindemann reingelassen wurde.



















