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Ramadan in der Corona-Pandemie: „Im Lockdown ist es viel einfacher zu fasten“

  • Zurzeit feiern Muslime den zweiten Ramadan in der Corona-Pandemie – so auch in Deutschland.
  • Elvedin Goljica arbeitet als Projektmanager beim Muslimischen Jugendwerk und spricht im RND-Interview über den besonderen Fastenmonat, digitale Predigten und die Sehnsucht nach Verwandtschaft.
  • „Wir Muslime sind nicht alle gleich und begehen den Ramadan auch nicht gleich“, stellt Goljica klar.
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Dortmund. Zum zweiten Jahr in Folge können Muslime den Ramadan nicht so feiern, wie es Tradition ist. Große Treffen, gemeinsames Fastenbrechen und Beten in der Moschee gehen nicht mit einer Corona-Pandemie einher. Am 12. Mai endet der Ramadan, der sich am Mondkalender orientiert. Der 29-jährige Elvedin Goljica, Projektmanager beim Muslimischen Jugendwerk, spricht im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) über diesen besonderen Fastenmonat, digitale Predigten und negative Kommentare.

Es ist der zweite Tag im Ramadan. Wie geht es Ihnen, Herr Goljica?

Mir geht es ganz gut. Wenn man beruflich viel zu tun hat, dann vergeht die Zeit ganz schnell – jetzt sind es nur noch vier Stunden bis zum Fastenbrechen.

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Wie funktioniert ein Ramadan mit Mindestabstand?

Ich wohne hier in Dortmund übergangsweise bei meinen Eltern. Da habe ich großes Glück, dass ich mit ihnen und meiner Schwester abends immer das Fasten gemeinsam brechen kann. Meinen Großeltern habe ich heute einen Kuchen vorbeigebracht. Aber alle anderen sieht man nicht, weil große Zusammenkünfte nicht möglich sind. Auch während des Ramadan muss man sich natürlich an die Regeln halten. Dafür ruft die Verwandtschaft aus dem Ausland aber öfter an. Da gibt es jetzt eine richtige Sehnsucht nach Kontakt.

Dazu fallen die Ausgangssperren in eine Zeit, in der man normalerweise zur Moschee geht. Wobei es in manchen Kommunen auch die Möglichkeit gibt, einen Passierschein für den Besuch zu erhalten. Aber das ist ja regional immer alles unterschiedlich.

Der Ramadan ist eine Zeit der Entsagung – sind manche Muslime durch die einschränkungsreiche Corona-Zeit nicht entsagungsmüde geworden?

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Der Ramadan ist einerseits die Zeit der Empathie, der Besinnlichkeit und der Familie und andererseits die Zeit der inneren Einkehr. Ich hatte letztes Jahr gar nicht die Zeit, mich um mich selbst zu kümmern, weil meine Großeltern hier mit einer schweren Corona-Infektion monatelang im Krankenhaus lagen. Und ich habe mir noch lange Sorgen gemacht. Für mich bietet der Ramadan jetzt die Möglichkeit, die Zeit für mich zu nutzen, islamische Literatur zu lesen, überhaupt wieder mehr zu lesen und mir nun Gedanken über mein Leben zu machen. Außerdem ist es im Lockdown noch viel einfacher zu fasten: Es gibt viel weniger Versuchungen.

Es ist der zweite Ramadan im Lockdown: Auf welche Erfahrungen konnten Muslime jetzt zurückgreifen?

Im letzten Ramadan haben sich viele digitale Formate entwickelt. Manche Imame gehen abends täglich bei Facebook live und halten dort ihre Predigt. Bei Instagram gibt es viele Ratgeber, wie man den Ramadan unter Lockdownbedingungen gut bewältigt. Es werden Rezepte ausgetauscht. Auch Nachhaltigkeit spielt eine Rolle: Einige wollen auf Plastikmüll verzichten und kaufen regional ein sowie Bio- und Fairtrade-Produkte.

Es gibt ganz viele unterschiedliche Haltungen zum Ramadan: Manche fahren abends ein richtiges üppiges Festmenü mit pompösen Kuchen zum Nachtisch auf. Andere wie ich machen abends zum Fastenbrechen ein einfaches Essen, um satt zu werden. Ich bin kein Fan von diesem opulenten Coca-Cola-Weihnachtsmann-Feeling, das ist mir zu kommerziell.

Video
Zweiter Ramadan in Corona-Zeiten: „Wir können auf die Erfahrungen aus 2020 zurückgreifen“
5:01 min
Im Videointerview spricht Elvedin Goljica vom Muslimischen Jugendwerk über virtuelle Möglichkeiten, den Ramadan in Corona-Zeiten zu begehen.  © RedaktionsNetzwerk Deutschland

Ist diese Fokussierung auf dieses Coco-Cola-Weihnachtsmann-Feeling durch den Lockdown verstärkt worden?

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Ich will das nicht pauschalisieren. Ich glaube vielmehr, dass sich einige Muslime oder Gläubige grundsätzlich fragen: Was will uns Gott mit dieser Pandemie sagen? Man lernt durch die Pandemie viele Dinge neu schätzen, zum Beispiel einen Kinobesuch oder Verwandtschaftsbesuche. Ich hoffe, dass uns das auch danach noch erhalten bleibt.

Worauf freuen Sie sich in diesem besonderen Ramadan?

Auf die Zeit mit meiner Familie. Wir kochen abends immer zusammen – ich bin traditionell der Suppen-Mann und seit neuestem auch der Bäcker. Wir sind eine kleine Minderheit aus dem Kosovo, Goranen, und normalerweise treffen wir im Sommer immer die ganze Familie dort. Ich freue mich, dass das vielleicht im Spätsommer, wenn genug geimpft wurde, wieder klappt.

Können sich dadurch, dass der Ramadan im Lockdown in der Öffentlichkeit weniger sichtbar ist, wieder Ressentiments verstärken?

Ressentiments wird es wie die ewig Gestrigen immer geben. Aber gerade habe ich das Gefühl, dass sich die breite Gesellschaft einfach nicht für den Ramadan interessiert. Wenn Politiker in den sozialen Medien zum Start einen fröhlichen Ramadan wünschen, gibt es normalerweise massenhaft Kommentare. Jetzt sehe ich aber kaum negative Reaktionen.

Was stört Sie, wenn Nicht-Muslime über den Ramadan diskutieren?

Es wird oft infrage gestellt, ob es gesund oder nicht gesund ist, wenn man beim Ramadan den ganzen Tag nichts isst oder trinkt. Aber das ist mir persönlich ziemlich egal. Das kann jeder für sich einschätzen, zumal es ja auch ausdrückliche Ausnahmeregelungen gibt. Kranke, Kinder, Alte, Schwangere oder Reisende müssen nicht fasten.

Für mich ist das große Problem ein anderes: wenn manche Menschen nicht anerkennen, dass Millionen von Muslime, die hier geboren wurden, zur Schule gehen, studieren, Teil von Deutschland sind. Dass sie uns aufgrund unserer Religion soziale und gesellschaftliche Teilhabe schlicht verweigern wollen. Auch in Sachen Ramadan wird von außen pauschalisiert, essentialisiert und homogenisiert. Muslime werden gleichgemacht, egal ob sie zum Beispiel aus Bosnien oder Ägypten kommen. Wir sind nicht alle gleich und begehen den Ramadan auch nicht gleich.

Wie können solche Pauschalisierungen und Klischees durchbrochen werden?

Pauschalisierungen und Klischees verschwinden, wenn Menschen sich begegnen. Nichts ist durch eine persönliche Begegnung zu ersetzen. Außerdem tut ein Austausch gut, weil man von dem anderen etwas lernen kann. Es gibt viele Initiativen und Vereine, die sich vor allem ehrenamtlich für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft einsetzen. Dieses Engagement ist besonders zu würdigen. Natürlich sind Zusammenkünfte unter Lockdownbedingungen praktisch unmöglich – und digitale Treffen können nur ein erster Anfang sein. Ich bin zuversichtlich, dass auch wieder gute Zeiten kommen werden.

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