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Wenn Eltern um ihre Kinder trauern

Psychologe zum Fall Maddie McCann: „Todesnachricht kann erleichternd sein“

Kate und Gerry McCann halten bei einem Suchaufruf das Foto ihrer Tochter Maddie. Vor 15 Jahren verschwand das Mädchen.

In der Nacht des 3. Mai 2007 verschwindet die fast vierjährige Madeleine „Maddie“ McCann aus einer Ferienanlage in Portugal. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Ihre Eltern, Kate und Gerry McCann, starten eine internationale Suchkampagne, reisen in verschiedene Länder und treten in Fernsehshows auf. Zwischenzeitlich stehen sie sogar selbst unter Verdacht, ihre Tochter getötet und eine Entführung nur vorgetäuscht zu haben. Was macht das mit Eltern?

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Der Psychologe Dr. Stefan Rücker

Der Psychologe Dr. Stefan Rücker

Dr. Stefan Rücker ist Diplom-Psychologe und hat eine Praxis für Paarberatung, Mediation, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) beschreibt er, was in Eltern ausgelöst wird, wenn ihr Kind plötzlich verschwunden ist: „Die naheliegende Reaktion ist der Schock. Aber es gibt andere, manchmal merkwürdige, psychologische Effekte, die der Versuch sind, sich zu schützen“, sagt Rücker. „Das kann zum Beispiel bedeuten, eine Distanz zum vermissten Kind aufzubauen, um sich psychisch abzuspalten. Andere werden handlungsunfähig.“

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Handlungsunfähig werden die McCanns nicht. Auch als die Ermittlungen der Behörden offiziell eingestellt werden, unternehmen die Eltern weiterhin jede Anstrengung, ihre Tochter zu finden. Sie engagieren private Ermittler und sind zwei Jahre nach dem Verschwinden zu Gast in der US-Talkshow von Oprah Winfrey. Darin flehen sie die möglichen Entführer an, ihre Tochter freizulassen. Psychologe Rücker beschreibt das Verhältnis von Paaren in solch einer Ausnahmesituation:

Häufig machen sich Paare wechselseitig Vorwürfe, um die eigene Schuld loszuwerden. Manche Paare halten das nicht aus und zerbrechen daran. Bei den McCanns ist das offensichtlich nicht der Fall. Sie umarmen sich, wirken innig. Möglicherweise haben sie schon eine Resilienz aufgebaut.

Psychologe Stefan Rücker

Die Verdächtigung durch die portugiesische Polizei sei eine zusätzliche Belastung gewesen. „Wenn Eltern in so einer Spitzenbelastung möglicherweise auch noch zu Unrecht beschuldigt werden, für ihren Verlust selbst verantwortlich zu sein, ändert sich die emotionale Qualität. Neben Trauer entsteht Empörung und Wut – und das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Allerdings bleibt die Trauer die wichtigste Emotion, es gibt keine Verlagerung der Gefühle.“

Welche Auswirkungen hat das Verschwinden auf Maddies Geschwister?

Doch nicht nur für die Eltern sei die Situation dramatisch. Denn Maddie ist kein Einzelkind. Am Abend ihres Verschwindens waren auch die damals zweijährigen Zwillinge mit in dem Ferienhaus in Portugal. Heute sind sie im Teeniealter. Fast ihre gesamte Kindheit war das Verschwinden und die Suche nach ihrer Schwester das größte Thema. Das könne für Kinder gravierende Folgen haben, erklärt Rücker: „Bei solchen dramatischen Ereignissen wird das Sicherheitsgefühl von Geschwisterkindern fundamental erschüttert. Das sorgt für Angst. Soziale und emotionale Fähigkeiten können darunter leiden.“

Mittlerweile gibt es in dem Fall einen Verdächtigen – den 43-jährigen vorbestraften Sexualstraftäter Christian B. Den Eltern könne das helfen, betont Rücker: „Menschen brauchen Klarheit, sie leben von Perspektiven. Bisher hatten das die McCanns nicht. Dass es jetzt einen möglichen Täter gibt, nährt die Hoffnung auf Gerechtigkeit, reist aber auch alte Wunden auf“, erklärt er. Doch die Eltern hätten sicherlich auch Angst, dass es nicht zu einer Verurteilung komme und der Täter unbestraft bleibe. Das würde den Schmerz für die Eltern noch erhöhen. „Allerdings lässt sich die Last, die sie jetzt schon seit 15 Jahren tragen, kaum noch steigern.“

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Kate und Gerry McCann betonen, die Hoffnung, ihre Tochter lebend wiederzusehen, nicht aufgegeben zu haben. Deutsche Behörden gehen mittlerweile davon aus, dass Maddie tot ist. In Großbritannien gilt sie hingegen weiterhin als vermisst. Psychologe Rücker erklärt: „Eine Todesnachricht kann für die Eltern erleichternd sein, weil sie wissen, dass ihr Kind nicht mehr gequält oder misshandelt werden kann. Wenn sie Gewissheit haben, können sie einen würdigen Abschluss finden.“

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