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Psychologe nach Kindergartenmord in Viersen: “Bei ihnen geht es eher um Überforderung”

  • In einer Kita in Viersen soll eine 25-jährige Erzieherin ein zweijähriges Kind getötet haben.
  • Als Motiv vermutet der Psychiater und Gerichtsgutachter Norbert Nedopil eine Mischung aus Überforderung und psychischen Problemen.
  • In ähnlich gelagerten Fällen unterscheiden sich die Motive zwischen Männern und Frauen laut Nedopil massiv: Männer töteten eher aus Wut und Rache, Frauen aus Überforderung.
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Hannover. Professor Norbert Nedopil ist einer der renommiertesten deutschen forensischen Psychiater. Unter anderem erstellte er Gutachten über Gustl Mollath und Beate Zschäpe. Von 1992 bis 2016 leitete er die Forensische Psychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien sein Buch “Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in der Seele von Verbrechern”.

Herr Nedopil, in Viersen hat eine 25-jährige Erzieherin – laut den bisherigen Ermittlungen der Polizei – eine Zweijährige getötet. Bereits zuvor soll sie in anderen Einrichtungen mehrere Kinder misshandelt haben. Ist Ihnen ein solcher Fall schon mal begegnet?

Nein, mir ist kein Fall bekannt, in dem eine Erzieherin, eine weibliche Erziehungsperson, in einer Kita ein Kind getötet oder auch verletzt hat. Aber ich habe natürlich Erfahrung mit Menschen, die erstens ihre Kinder getötet haben, zweitens Schutzbefohlene getötet haben und drittens mit Müttern, die ihre Kinder getötet haben.

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Was lässt sich zum möglichen Motiv bei einer solchen Tat sagen?

Zunächst kann man überlegen, was eine Frau, die Schutzbefohlene malträtiert und tötet, von einem Mann unterscheidet. Bei Männern geht es weit häufiger um Rache, Verärgerung, eine narzisstische Größenidee, in dem Sinne: Ich zeige, wer der Stärkere ist.

Und bei Täterinnen?

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Geht es eher um Überforderung, um mangelnden Rückhalt, um ein Ausgeschlossensein aus dem näheren Umfeld, zum Beispiel dem Kollegenkreis. Immer wieder ausgegrenzt zu werden, versetzt zu werden, keine berufliche Heimat zu finden – das erleben Frauen viel mehr als Aggression als Männer und reagieren ihrerseits aggressiv.

“Sie hat den Druck zu sehr gespürt”

Sie haben eine solche Täterin begutachtet? Können Sie ein Beispiel nennen?

In einem konkreten Fall ging es zum Beispiel um eine Krankenschwester, die Patienten misshandelt, aber nicht getötet hat. Sie wurden bewusstlos, und weil das zweimal passiert ist, ist es aufgefallen. Es gab da deutlich eine Überforderungssituation. Sie hat einerseits den Druck zu sehr gespürt, sich aber andererseits nicht getraut zu sagen: Ich schaffe das nicht.

In dem Fall in Viersen galt die Frau schon in der Ausbildung als ungeeignet. Ihr wurde mehrmals gekündigt, sie fand weder zu den Kolleginnen und Kollegen noch zu den Kindern einen Draht.

Das stützt diese Vermutung, genau. Der Beruf der Erzieherin und der Krankenschwester sind ja in diesem Punkt auch vergleichbar: Es sind beides belastende Jobs, in denen man sich den jeweiligen Anforderungen schlecht entziehen kann, weil sie permanent auf einen einprasseln.

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“Emotional labil”

Was kein Grund sein kann, gegenüber Patienten oder Kindern aggressiv zu werden.

Natürlich nicht. Aber nehmen Sie den Vorfall, als die Frau einen Überfall auf sich vorgetäuscht hat.

Sie hat im vergangenen Jahr gegenüber der Polizei vorgegeben, von einem Unbekannten mit einem Messer angegriffen und verletzt worden zu sein, tatsächlich aber hatte sie sich selbst verletzt.

Genau. Offenbar war die Frau nicht in der Lage, Überforderungen offen aussprechen zu können, sonst hätte sie nicht zu diesem untauglichen aufmerksamkeitsheischenden Mittel gegriffen. Das Zweite ist, dass es wohl jemand ist, der tendenziell emotional labil ist, mit Gefühlen, selbst nicht zu genügen, zu kämpfen hat, sich leicht überfordert fühlt und emotional überschießend reagiert. Das wären jedenfalls meine Hypothesen.

“Die war schon immer ein bisschen seltsam”

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Warum ist es für das Umfeld – Kolleginnen und Kollegen oder in diesem Fall auch Eltern –so schwer, Alarmzeichen und Hinweise richtig zu deuten?

Weil solche Taten sehr selten sind und bereits der Verdacht extrem schwerwiegend wäre. Es ist in der Tat so, dass im Nachhinein viele sagen: Die war schon immer ein bisschen seltsam. Aber der Großteil sagt: Das war im Bereich dessen, was man normalerweise sieht, und wir hätten das nicht von ihr erwartet.

Welche Lehren kann man aus so einem Fall ziehen?

Es ist sehr früh für Schlussfolgerungen, da sollte man sicher das Ende der Ermittlungen abwarten. Es ist sicher richtig, für eine Arbeitsatmosphäre zu sorgen, in der jede und jeder Überforderung offen aussprechen kann. Hilfreich wäre es auch, wenn man in Arbeitszeugnissen Kritisches auch explizit ansprechen darf. Man darf ja derzeit nicht schreiben: Sie scheint in ihrer Rolle als Kindergärtnerin überfordert zu sein. Wenn man da ehrlich sein dürfte, wäre das sicher für solche Fälle am hilfreichsten.

RND


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