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Promiorganisation gegen sexuelle Belästigung: Time’s Up in der Krise

  • Die Organisation Time’s Up wollte mit Sexismus und Missbrauch am Arbeitsplatz aufräumen.
  • Seit 2018 wurden dafür 24 Millionen US-Dollar Spendengelder eingesammelt.
  • Doch nun stolpert die Promistiftung über Verbindungen zum Ex-Gouverneur von New York, dem ausgerechnet Missbrauch vorgeworfen wird.
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Time’s Up: Dieser Schriftzug prangte während der Award-Season 2018 auf Handtaschen, an Handgelenken und auf Mänteln der Schönen Hollywoods. Die Zeit ist vorbei. Das schienen die Frauen und Männer Hollywoods mit ihren Auftritten auf den roten Teppichen still in die Kameras der Paparazzi zu schreien. Die Zeit ist vorbei, sagten sie mit ihren Bändern und Schriftzügen. Die Zeit sollte vorbei sein für Männer wie Harvey Weinstein, dem mehrere Frauen sexuelle Übergriffe, Missbrauch und Vergewaltigung vorwarfen. Die Zeit sollte vorbei sein für Männer, die in Hollywood, aber auch in anderen Branchen, ihre Macht ausnutzten, um Frauen zu bedrängen, auszunutzen, missbrauchen.

Doch nun scheint die Zeit für die Organisation Time’s Up, die sich vor drei Jahren als Reaktion auf die #metoo-Bewegung gegründet hatte, vorbei zu sein. Vergangene Woche trat die Präsidentin Tina Tchen, eine ehemalige Mitarbeiterin im Büro von Michelle Obama, zurück, nachdem Verbindungen zwischen dem Aufsichtsrat und dem Ex-Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, bekannt wurden, dem sexueller Missbrauch von inzwischen elf Mitarbeiterinnen vorgeworfen wird. Und nicht nur Verbindungen: Eine Time’s-Up-Anwältin soll ein Statement zu diesem Fall mit Cuomos Anwaltsteam abgeglichen. Darüber berichten die „New York Times” und die „Washington Post”. Nun steht Time’s Up vor der Frage: Auflösung oder Neustart? Wie konnte es soweit kommen?

Hollywood zeigte auf den roten Teppichen ihre Unterstützung mit Time's Up an. © Quelle: picture alliance/AP Photo
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Time‘s Up will zu Anwälten verhelfen

Noch immer titelt die Webseite „We are changing the world” (Wir ändern die Welt). Denn Time’s Up ist, unterstützt von Gründungsmitgliederinnen wie Schauspielerin Reese Witherspoon („Legally Blonde“) oder Seriengenie Shonda Rhimes („Grey‘s Anatomy“, „Bridgerton“) mit hehren Zielen gestartet. Auf der einen Seite kamen bis heute über 24 Millionen US-Dollar an Spenden zusammen, um Frauen nach Missbrauchsvorfällen am Arbeitsplatz finanziell beim Gang vors Gericht zu unterstützen – einerseits bei Anwaltskosten, andererseits aber auch durch die Beratung von PR-Firmen.

Während #metoo in ihren Gründungsjahren viel prominente Unterstützung durch die bekannten Gesichter Hollywoods erhalten hat, waren es aber Zeichen der Solidarität aus anderer Ecke, die der Bewegung eine langfristige Tragweite verliehen hat. So haben sich in einem offenen Brief 700.000 Landwirtschaftsarbeiterinnen, meist lateinamerikanischen Ursprungs, an die Unterhaltungsindustrie gewandt, Solidarität mit den bedrängten Frauen gezeigt und exemplarisch von eigenen Erfahrungen berichtet. Nun offenbarten die Landarbeiterinnen, wie abhängig sie von ihren meist männlichen Chefs seien und dass diese die Situation auch teilweise ausnutzten. So waren es vielleicht die prominenten Namen Hollywoods, die der Stiftung zur Popularität verhalfen. Doch die Tatsache, dass viele Frauen überall im Land Erfahrungen mit Sexismus und Missbrauch in der Arbeitswelt teilten, dass Frauen um ihren Job bangen mussten oder müssen, wenn sie über Missbrauch sprechen, ermöglichte Time‘s Up eine Organisation zu werden, die nicht nur in Hollywoods Kreisen verkehrt, sondern auch Einfluss auf die Politik nimmt.

Mehr Macht für Frauen durch Netzwerke

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Time’s Up wollte deswegen nicht nur eine Klagewalle auf missbrauchende männliche Machtmenschen loslassen. Durch gezieltes Netzwerken sollten sich Frauen gegenseitig fördern und so langfristig die Positionen einnehmen, die von Männern wie Harvey Weinstein zuvor besetzt waren. Es war die Idee einer gleichberechtigten, besseren Zukunft.

Andrew Cuomo, der damalige Gouverneur von New York, unterzeichnet 2019 umjubelt von Julianne Moore (links) und Tina Tchen (hinten, vierte von links) ein Gesetz, das die Verjährung von Vergewaltigung verlängert. © Quelle: picture alliance/AP Images

Könnte die Stiftung nun genau daran gescheitert sein? Kritikerinnen und Kritiker werfen in amerikanischen Medien der Organisation vor, ihr eigentliches Ziel aus den Augen verloren zu haben, und nur noch die eigenen Verbindung in die Polit- und Unterhaltungselite im Blick gehabt zu haben.

Unterstützung für Cuomo statt für mutmaßliche Opfer

Und diese derzeitige Krise ist symptomatisch für den Vorwurf. Denn gerade um den Ex-Gouverneur Cuomo scharrte sich die Führung, als er 2019 ein Gesetz zur Verlängerung der Verjährungsfrist in Vergewaltigungsfällen in New York unterzeichnete. Die Schauspielerin Julianne Moore klatschte jubelnd, Ex-Präsidentin Tchen riss die Arme hoch. Nachdem Missbrauchsvorwürfe gegen Cuomo publik wurden, zögerte Time‘s Up sich solidarisch mit dem mutmaßlichen Opfer zu zeigen – wie es die Organisation sonst tut. Selbst ein generisches Statement wurde zurückgehalten, weil einige Aufsichtsratsmitglieder die ehemalige Mitarbeiterin für wenig glaubwürdig hielten.

Also viel Schein und wenig Sein? Dagegen sprechen aber die messbaren Erfolge. Die oben genannte Gesetzesänderung bei Vergewaltigungen oder der Einfluss auf Hollywood, mehr Frauen hinter der Kamera zu besetzen und so auch mehr Geschichten mit einer weiblichen Perspektive zu erzählen. Oder eben den Time‘s Up Legal Defense Fund, der mit den gesammelten Spenden finanziert wurde. Hier drückt sich das Engagement für Frauenrechte am Arbeitsplatz in Zahlen aus: Seit 2018 wurden 4800 Frauen an Anwältinnen und Anwälte vermittelt, über 256 Fälle finanziell getragen. Doch braucht man dafür 24 Millionen Dollar? Und ist die Organisation vielleicht zu groß geworden, um schlagkräftig zu sein?

Doch ein Neustart?

Auf eine Presseanfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) zu den Vorwürfen und Zukunftsplänen reagiert die Stiftung mit der Versendung der bereits veröffentlichten Pressemitteilung zum Rücktritt Tchens. Darin lässt Tchen verlauten: „Mir ist besonders bewusst, dass meine Position an der Spitze von Time‘s Up zu einem schmerzhaften und spaltenden Brennpunkt geworden ist, wo genau diese Frauen und andere Aktivistinnen, die zusammenarbeiten sollten, um für Veränderungen zu kämpfen, stattdessen auf schädliche Weise gegeneinander kämpfen.“ Auf konkrete Fragen geht die Pressesprecherin nicht ein. Dennoch scheint sich Time‘s Up eher für eine Neuausrichtung entschieden zu haben. Denn als vorläufige Nachfolge für Tina Tchen wurde die Menschenrechtsaktivistin Monifa Bandele benannt. Sie hat jetzt das Ruder der millionenschweren Stiftung in der Hand. Vor allem aber verfügt sie nicht über die hochkarätigen Verbindungen, wie Tchen, die ehemalige Mitarbeiterin von Michelle Obama, sie besaß.

Sie verfügt vielmehr über jahrelange Erfahrung in der Arbeit mit Non-Profit-Organisationen. Während sich Tina Tchen in Interviews bei den Opfern von Missbrauch entschuldigt, könnte nun also mit Bandele doch noch eine Neuausrichtung gelingen, könnte mehr Arbeit an der Basis und weniger Netzwerken in der politischen Elite umgesetzt werden. Unterstützende Worte kommen von einer der Gründerinnen der #metoo-Bewegung, Tarana Burke: „Time‘s Up ist jung. Das Problem aber ist alt“.

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