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Per Rohrpost in die Ferien: Sind unterirdische „Hyperloop“-Kapseln die Zukunft des Reisens?

  • In Überschalltempo durch Tunnel rasen: Milliardär Richard Branson und Tesla-Gründer Elon Musk träumen schon lange vom Reisen per Rohrpost.
  • Beide melden jetzt erste Erfolge: Branson testete in Nevada mit Erfolg den ersten bemannten „Hyperloop“ und Musk baut in Las Vegas ein Tunnelsystem für Teslas.
  • Können Tunnel den Verkehrskollaps verhindern?
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Es ist ein alter Traum von Science-Fiction-Schwärmern, der auch die Tech-Milliardäre der Gegenwart elektrisiert: Menschen, die in metallenen Kapseln in Überschalltempo durch unterirdische Tunnel rasen. Im Fernduell der Visionäre liegt Virgin-Gründer Richard Branson nun hauchdünn vor Tesla-Chef Elon Musk: Bransons Firma Virgin Hyperloop One hat in der Wüste von Nevada mit Erfolg die erste Testfahrt mit Passagieren absolviert.

Mit knapp 170 Stundenkilometern rasten die Mitarbeiter Josh Giegel und Sara Luchian – angeblich Freiwillige – quasi als Humancargo in einer magnetisch angetriebenen Transportkapsel in 15 Sekunden durch eine 500 Meter lange Röhre. Ohne Luftwiderstand im Vakuum sind hohe Geschwindigkeiten möglich. „Mit dem erfolgreichen Test haben wir den Geist der Innovation gezeigt, die die Art und Weise verändern wird, wie Menschen überall in der Zukunft leben, arbeiten und reisen werden“, ließ sich Branson zitieren. Die für den Test genutzte Zweisitzerkapsel diente lediglich dazu zu demonstrieren, dass diese Art des Reisens sicher genug sei. Virgin Hyperloop plant einen kommerziellen Betrieb bis 2030. Die Strecke zwischen New York und Washington D.C. würde nur etwa 30 Minuten dauern – ein Jet braucht doppelt so lange. Für den kommerziellen Betrieb plant Virgin Kapseln mit 28 Sitzplätzen.

Freiwillig gemeldet: Hyperloop-Technologievorstand Josh Giegel (l.) und Sara Luchian, die Leiterin des Bereichs Passagierkomfort bei Virgin Hyperloop, an Bord der Superhochgeschwindigkeits-Kapsel des Hyperloop-Transportsystems. Sie nahmen an der ersten bemannten Testfahrt teil. © Quelle: Virgin Hyperloop/PA Media/dpa
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Wettlauf um die schnellste menschliche „Rohrpost“

Urheber der erneuerten Idee vom Rohrpostreisen ist Allzweckvisionär Elon Musk. Der Mann, der seine Pläne stets mit ordentlich Druckluft verkauft, steht gleich nebenan von Bransons Testgelände ebenfalls vor einem Durchbruch – in Las Vegas. Musks Firma mit dem ironischen Namen The Boring Company („Das bohrende/langweilige Unternehmen“) hat erste Testfahrzeuge durch seinen neuen „Las Vegas Loop“ geschickt – ein 48,6 Millionen Dollar (44 Millionen Euro) und 1,4 Kilometer langes Tunnelsystem tief unter der Spielermetropole, das bis zu 4400 Konferenzbesucher pro Stunde über das Messegelände transportieren soll. So wird aus einem 15-Minuten-Fußweg ein unterirdischer 90-Sekunden-Trip.

Musks Technik freilich funktioniert deutlich konventioneller als die ursprüngliche Vision – dafür ist sie bereits marktreif: Über Rampen fahren leicht modifizierte Tesla-Fahrzeuge der Reihen Model 3s und Model Xs hinunter in eine Röhre. Der erste Bauabschnitt hat drei Stationen. Sicherheitshalber ist vorerst noch ein Fahrer an Bord. Und statt mit Überschalltempo fahren die Teslas mit maximal 60 Stundenkilometern. Dafür ist die Fahrt kostenlos. Das US-Magazin TechCrunch berichtet freilich, dass in einer der Stationen wegen brandschutzrechtlicher Bestimmungen höchstens 800 Personen pro Stunde abgefertigt werden könnten. Das würde die Kapazität erheblich beschneiden.

Las Vegas war am schnellsten: Die erste Stadt, in der Elon Musks The Boring Company das „Loop“-System gebaut hat, ist Amerikas Spaßhauptstadt. © Quelle: Las Vegas Imre Grimm
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Nevada als Spielplatz für Tech-Visionäre – das passt. Amerikas Spaßhauptstadt Las Vegas, der „hellste Stern am Neonfirmament der Postmoderne“ (Historiker Mike Davis), steht symbolhaft für den landestypischen Can-Do-Spirit und investiert aktuell Milliarden in eine Zukunft jenseits des Glücksspiels, in Stadien, Entertainmentarenen, riesige neue Resorts, Showpaläste, Shopping Malls.

„Die größte Herausforderung für Vegas ist der Transport der Menschen”, sagte Steve Hill, Chef der mächtigen Tourismusbehörde, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). 2,1 Millionen Menschen leben in der Mojave-Metropole – 46 Millionen Besucher kamen im Jahr 2019. Corona hat die Stadt schwer gebeutelt, aber im Neuerfinden ihrer selbst hat sie Erfahrung. „Vor 30 Jahren musstest du zum Spielen und Sportwetten nach Vegas fahren“, sagt Hill. „Das ist vorbei. Heute darf jeder in 48 Bundesstaaten spielen. Vor 30 Jahren haben wir noch ein knappes Gut verkauft. Heute verkaufen wir Gänsehaut.“

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„Firmen können in Nevada tun, was sie wollen“

„Historisch gesehen hatte Nevada immer den Anspruch, Dinge möglich zu machen“, sagt Hill weiter. „Die meisten anderen Regierungen zögern – wir nicht. Ob Staat, Universitäten, Unternehmen: Wir suchen permanent nach schnellen, aber verantwortungsvollen Lösungen. Als Elon Musk seine Tesla-Fabrik in Nevada plante, fragte sein Team bei einem Meeting, wie lange es wohl dauert, eine Baugenehmigung zu bekommen. Er bekam sie noch am selben Tag.“

Das heißt: Das Erbe der Pionierjahre in Las Vegas, als die Mafia die Strippen zog, ist eine Wer-wagt-gewinnt-Haltung, bei der Wirtschaft und Politik an einem Strang ziehen. Früher war dieses Buddysystem der kurzen Laufwege durch und durch korrupt. Heute ermöglicht es schnelle Entscheidungen. „Las Vegas verkörpert wie keine amerikanische Stadt eine Mischung aus unstillbarer Sehnsucht und unerschütterlichem Optimismus“, schreibt Sally Denton in ihrem Vegas-Klassiker „The Money and the Power“. Bei Hill klingt das so: „Firmen wissen hier, dass ihnen der Staat nicht in die Quere kommen wird. Sie können tun, was sie wollen.“

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© Quelle: Las Vegas Imre Grimm

Für europäische Ohren mag das bedenklich klingen, aber Hill, Branson und Musk halten Systeme wie den „Loop“ oder den „Hyperloop“ für die Zukunft des urbanen Menschentransports – und die Lösung für den globalen Verkehrskollaps. „Derzeit entwickeln wir ein größeres Fahrzeug, das mehr als 16 Passagiere befördern kann“, teilte die Boring Company dem RND mit. Langfristig will das Unternehmen einen rund 16 Kilometer langen Doppeltunnel von Norden bis Süden durch die Stadt ziehen, dessen letzter Abschnitt zum Flughafen McCann führt. In einer Konzeptgrafik sind 30 Stationen eingezeichnet.

„Magst du Elektronen? Magst du Tunnel?“

Es ist eine ungeklärte Frage für den Städtebau: Lassen sich überhaupt nachträglich kilometerlange Tunnelsysteme im Untergrund unter Städten bohren, unterhalb aller Wasser-, Elektro- und sonstigen Leitungen, U-Bahn-Tunnel, Verkehrstunnel? Ohne jahrelange Innenstadtblockaden wie beim Bau einer U-Bahn? Die Boring Company ist naturgemäß optimistisch: „Der Bau von Tunneln unter der Erde ist nicht komplex, wenn Sie die darunter liegende Infrastruktur studieren und planen und mit den zuständigen Baubehörden und Versorgungsunternehmen zusammenarbeiten“, teilte die Firma mit. Es gebe nur „minimale Bauunterbrechungen“. Es handle sich um eine „spaßige, kostengünstige und Zeit sparende Transportlösung“. Aktuell sucht die Boring Company neue Mitarbeiter. „Magst du Elektronen? Magst du Tunnel?“, heißt es in einer Stellenausschreibung. „Das passt! Wir suchen die talentiertesten Elektrotechniker der Welt, um das Problem des seelenzerstörenden Verkehrs zu lösen.“

Die unterirdischen Rohrsysteme sollen eines Tages ähnlich funktionieren wie die automatisierten Roboterflotten in Hochregallagern: individueller und schneller als eine U-Bahn, sicherer als Flugtaxis – und klimaneutral.

„Die Mittelstation eignet sich auch als Atomschutzbunker“

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Und in Deutschland? Auf der stillgelegten Teststrecke des Transrapid im Emsland wollen die Hochschulen Emden/Leer und Oldenburg für 40 Millionen Euro ein Forschungszentrum für Hyperloop-Technik aufbauen. Auch der Hamburger Hafen liebäugelt mit Hyperloop-Röhren für den Warentransfer. „Das wird sich eines Tages anfühlen wie Warp-Antrieb“, trommelte Musk per Twitter. Und warb scherzhaft für einen Zusatznutzen: „Die Mittelstation eignet sich auch als Atomschutzbunker.“ Branson hat bereits Deutschland im Blick und versprach, die Strecke von Hamburg nach Berlin werde mit dem frisch getesteten „Hyperloop“ nur noch 20 Minuten dauern. Diese Männer bringen uns noch alle unter die Erde.

“Staat, Sex, Amen”
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