Parfümspaziergänge durch Paris: besondere Duftnoten

  • Woraus zieht Frankreich sein Image als Land der Parfümerie?
  • Und was tun unabhängige Boutiquen, um sich von den bekannten Marken abzuheben?
  • Das erklärt die Spezialistin Sophie Irles bei Parfümspaziergängen durch Paris.
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Paris. Sollte eine Frau oder ein Mann den Geruch vom Ende der Welt verströmen – wonach würde sie oder er wohl duften? Vielleicht nach süßlichem Popcorn und Lakritze, denn das Ende der Welt gibt es bislang zum Glück nur im Kino. Dazu passt ein Hauch von Kanonenpulver und für etwas Würze Noten von Kreuzkümmel, Sesam und schwarzem Pfeffer. Genau so stellte sich die „Nase“ der französischen Parfümerie „État Libre d’Orange“ das „Ende der Welt“ vor und packte die entsprechenden Aromen in einen Duft mit diesem Namen. Es ist nicht deren einzige überraschende Kreation: Wer an einer Probe von „Palast-Schlampe“ riecht, wittert Noten eines Pudertäschchens voller Schminkutensilien, „Jasmin & Cigarette“ ist eine rauchige und zugleich blumig duftende Hommage an Marlene Dietrich.

Während ihre Tourteilnehmer fasziniert an den Flakons riechen, steht Sophie Irles lächelnd daneben. Die 33-jährige Französin bietet mit ihrem Unternehmen Rendez-Vous Parfum thematische Spaziergänge durch Paris an, von denen einer durch das historische Marais-Viertel verläuft. Dieses sei aufgrund seiner Vielzahl an unabhängigen Läden eine wahre „Spielwiese“ für Parfümliebhaber, so Irles.

Sophie Irles bietet mit ihrem Unternehmen Rendez-Vous Parfum thematische Spaziergänge durch Paris an. © Quelle: Birgit Holzer
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In diesem Corona-Jahr lief ihr Geschäft allerdings stockend, so wie das der Parfümerien und generell der Kosmetikindustrie. Im ersten Halbjahr 2020 verzeichnete die Branche in Frankreich, die sonst einen Jahresumsatz von rund 40 Milliarden Euro macht, einen Rückgang von rund 10 Prozent. Denn Kunden, die kaum mehr aus dem Haus gehen, verwenden weniger Produkte für ihre Körperpflege. Dem Marktforschungsinstitut NPD zufolge wurden bis Ende August in Frankreich nur 300 neue Parfüms lanciert gegenüber 400 in den anderen Jahren im selben Zeitraum. Nun setzt gerade auch die Parfümindustrie große Hoffnungen in das Weihnachtsgeschäft, denn edle Düfte gehören zu den populärsten Geschenken unter dem Tannenbaum.

Parfümindustrie hofft auf das Weihnachtsgeschäft

Wettmachen kann das die Ausfälle seit März aber wohl nicht, sagt Benjamin Almairac, Gründer der Parfümerie Parle moi de Parfum. Die Düfte kreiert sein Vater Michel, einer der berühmtesten Schöpfer der Branche in Frankreich. „In Normalzeiten sind hier sehr viele Touristen unterwegs, die wir natürlich schmerzlich vermissen.“ Der junge Mann steht in seiner modern-minimalistisch eingerichteten Boutique und stellt stolz seine Palette vor: Männerdüfte, Frauendüfte, schwere, leichte, würzige, frische.

Benjamin Almairac, Gründer der Parfümerie Parle moi de Parfum © Quelle: Birgit Holzer
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Irles zufolge können sich kleine, unabhängige Läden oft interessantere Kreationen erlauben als die großen Häuser, die sehr viel Geld in ein Parfüm investieren – auch für Marketing, Werbung mit Stars oder die Verpackung: „Heraus kommen Produkte, die den Geschmack der breiten Masse ansprechen sollen. Experimente wären zu riskant.“ Fast alle großen Hersteller seien übrigens Modemarken – ob Dior, Gucci oder Hugo Boss. Beschenkte der französische Modeschöpfer Paul Poiret als Pionier seine Kundinnen mit einem Parfüm, so erkannte Coco Chanel zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Potenzial in der Erweiterung ihres Angebotes um Düfte. Eine geniale Idee, so Irles: „Denn ein Parfüm ist günstiger als ein Luxuskleidungsstück, aber es transportiert dieselbe Welt.“

Duft von État Libre d’Orange soll an Schweiß, Sperma, Blut und Spucke erinnern

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Das Image von Frankreich als das Land der Parfüms schlechthin geht vor allem auf die Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zurück. Der mächtige französische Königshof strahlte damals auf ganz Europa aus und in dem Viertel um den Louvre als königlicher Residenz entstanden etliche Luxushotels und -boutiquen, darunter auch jene von Parfümeuren, die ihr Rohmaterial oft aus Südfrankreich bezogen. Vor allem in Grasse in der Provence entwickelte sich der Berufszweig des Parfümeurs. Auch die Hauptfigur Grenouille in Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ begibt sich von Paris aus nach Grasse, um noch mehr über Duftgewinnungsverfahren zu lernen. Heute befindet sich in Versailles mit dem Institut „Isipca“ zudem eine der bedeutendsten Schulen für Parfümerie- und Kosmetikberufe der Welt.

Aber der Markt vervielfältig sich – das zeigt eben auch das Beispiel von État Libre d’Orange und dessen provokantestem Duft, der an vier Körperflüssigkeiten erinnern soll: Schweiß, Sperma, Blut und Spucke. Für alle, die sich garantiert von der Masse abheben wollen.

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