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Hochwasserkatastrophe: Baubranche fordert von Politik neue Priorisierung bei Bauprojekten

  • Nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz und NRW hat in vielen Orten der Wiederaufbau begonnen.
  • Um mehr Kapazitäten für die Bauarbeiten im Katastrophengebiet zu haben, soll die Politik alte Aufträge verschieben, fordert die Baubranche.
  • Außerdem werden Anwohner viel Geduld und Zeit brauchen.
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Hannover. Als am 14. Juli 2021 die Fluten des Hochwassers den Kreis Ahrweiler unter Wasser setzten, war das Ausmaß der Zerstörung nicht absehbar. Inzwischen ist klar, dass mindestens 460 Gebäude von den Wassermassen mitgerissen wurden, mehr als 3000 sind beschädigt. Laut Kreis sind das über 70 Prozent aller Gebäude. Hinzu kommen starke Schäden an Straßen, Brücken und Bahngleisen. Doch nicht nur der Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz ist in weiten Teilen zerstört. Auch in anderen Landkreisen sowie in Teilen von Nordrhein-Westfalen haben Unwetter und Hochwasser eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Die Aufräumarbeiten laufen in vielen Landkreisen, vereinzelt auch schon der Wiederaufbau. Die Baubranche macht Mut: „Ein Bauunternehmen hält regulär 15 bis 20 Prozent seiner Kapazitäten für Notfälle frei“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes, Felix Pakleppa. „Für die Akuthilfe in den Katastrophengebieten kann damit ein großer Beitrag geleistet werden“, erklärt er gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Doch der Wiederaufbau wird Jahre dauern. Ähnliche Hochwassersituationen, wie etwa in Sachsen, hätten gezeigt, dass die Schäden erst nach drei bis fünf Jahren vollständig behoben seien. „Wir können nicht alle Reparaturen in den nächsten drei Monaten vornehmen“, gibt Pakleppa zu bedenken.

Wiederaufbau nach Hochwasser braucht Zeit

Wenngleich viele Hausbesitzer darauf dringen, dass ihr Haus möglichst schnell wieder bewohnbar ist, werden Wiederaufbau und Sanierung viel Zeit benötigen. „Viele Wohnhäuser brauchen mindestens ein Jahr, bis sie trocken sind und saniert werden können“, schätzt Pakleppa die Situation ein. „Man muss den Anwohnern jetzt daher leider sagen, dass sie viel Geduld brauchen.“ Er verweist auf die Jahrhundertflut in Sachsen und warnt: „Wenn man zu früh mit der Sanierung beginnt, tritt später übrig gebliebenes Wasser aus dem Mauerwerk heraus und man muss zwei- oder dreimal sanieren.“

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Die Baubranche boomt schon seit Jahren und hat sogar während der Corona-Pandemie ein Umsatzwachstum erzielen können. Nur im Bereich Straßenbau gab es einen Umsatzrückgang von 6,6 Prozent in 2021, weil in der Corona-Pandemie viele Kommunen ihre Investitionen zurückgefahren haben. Die freien Kapazitäten im Bereich Straßenbau nutzen Firmen jetzt zum Wiederaufbau zerstörter Straßen in Hochwassergebieten. Bereits in den Tagen sind zahlreiche Baubetriebe aus vielen Bundesländern mit Baggern, Kränen und Trinkwassertanks in Krisengebiete gefahren, um unentgeltlich bei den Aufräumarbeiten zu helfen. „Wir haben uns mit den Krisenstäben in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen abgestimmt, um zielgerichtet dort zu helfen, wo Hilfe besonders nötig ist“, erläutert Pakleppa im Gespräch mit dem RND. „Die Baufirmen in den betroffenen Regionen arbeiten mit viel Leidenschaft daran, Infrastruktur und Wohnhäuser instand zu setzen.“ Es sei schließlich für viele ein großer emotionaler Moment, die Heimat wieder aufzubauen.

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Baubranche fordert von der Politik, Aufträge neu zu priorisieren

Damit die Baufirmen schnell vor Ort helfen können, müssen bestehende Aufträge umgeschichtet werden, fordert die Baubranche. „Kommunen, Länder und der Bund müssen sich an einen Tisch setzen und ihre Bauvorhaben neu priorisieren“, so Pakleppa. Wenn etwa die Sanierung einer Landstraße noch einige Monate aufgeschoben werde, schaffe dies Kapazitäten für den Wiederaufbau in den Katastrophengebieten. „Die Baufirmen brauchen die Sicherheit, durch die Arbeiten im Katastrophengebiet nicht ihre anderen Aufträge zu verlieren.“

Der Branchenverband rechnet damit, dass der Baubedarf durch das Hochwasser für eine zusätzliche Nachfrage bei Baustoffen sorgen wird. „Das treibt die Preise kurzfristig weiter nach oben.“ Allerdings erwartet die Branche keine deutlich höhere Materialknappheit. Nur der große Mangel an Trocknungsgeräten mache sich derzeit bemerkbar.

Umsiedlungen beim Wiederaufbau bedenken

Eine weitere Lehre aus dem Jahrhunderthochwasser in Sachsen: Häuser werden beim Wiederaufbau nicht immer an der gleichen Stelle errichtet werden können. Dem RND sagt Pakleppa: „Wenn wir jetzt beim Wiederaufbau Umsiedlungen und Renaturierungen vornehmen, kann das möglicherweise in Zukunft Hochwasserschäden verhindern.“ Außerdem gelte es nun, Häuser auch hochwassersicherer zu machen. Das bedeute zum Beispiel, keine Stromanlagen in Erdgeschossen oder Kellern und keine Fußboden- oder Ölheizung einzubauen.

Die deutschen Versicherer rechnen infolge der Flutkatastrophe in Deutschland mit noch höheren Schäden als bisher. „Wir gehen jetzt von versicherten Schäden zwischen 4,5 Milliarden und 5,5 Milliarden Euro aus“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Jörg Asmussen, laut Mitteilung am Dienstag in Berlin. Er gehe davon aus, dass dieses Jahr insgesamt zum schadensträchtigsten Jahr seit 2002 werde.

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Fortschritte bei Aufräumarbeiten nach Hochwasser

In den rheinland-pfälzischen Hochwassergebieten gibt es bei den Aufräumarbeiten weitere Fortschritte. Nachdem zwei Tage gezielt Müll und Unrat rausgefahren wurden, zeige sich ein „erstes Vorankommen“, sagte ein Polizeisprecher in Koblenz am Dienstag. Dennoch würden immer wieder Bereiche entdeckt, wo noch viel zu tun sei. „Das wird noch eine ganze Zeit lang dauern“, sagte der Sprecher. Immer wieder würden beispielsweise Autos unter Schlamm und Geröll gefunden werden.

Wie eine Sprecherin der Technischen Einsatzleitung im Kreis Ahrweiler am Dienstag berichtete, wurden bisher rund 47.000 Tonnen Müll abtransportiert. Die Aufräumarbeiten liefen weiter, das Technische Hilfswerk (THW) sowie die Bundeswehr seien noch im Einsatz.

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Ausmaß der Hochwasserzerstörung weiter unklar

Die Kreisverwaltung Ahrweiler ist schon seit Tagen im Einsatz, um die vom Hochwasser beschädigten Gebäude zu begutachten. Auch am Dienstag und Mittwoch gibt es Begehungen in mehreren Stadtteilen von Ahrweiler, heißt es von der Kreisverwaltung. Sie arbeitet unter anderem mit der Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz, dem TÜV Rheinland und der Vereinigung der Prüfingenieure RLP zusammen, um die Hochwasserschäden vor Ort einzuschätzen.

Provisorische Telefonleitungen in Teilen von Rheinland-Pfalz

Gleichzeitig baut die Deutsche Telekom das Mobilfunk- und Festnetz unter anderem im Kreis Ahrweiler wieder auf. Wie ein Telekom-Sprecher sagte, dauere es mehrere Monate, bis die Leitungen wieder auf herkömmliche Art verlegt sind. „Momentan gibt es teilweise gar keine Straßen mehr, an denen Gräben für Leitungen ausgehoben werden könnten“, sagte er.

In Teilen des Ahrtals hat der Krisenstab den Individualverkehr bis Freitag weitgehend stillgelegt. Von 10 bis 18 Uhr dürfen demnach nur Berechtigte in diese Orte mit einem Fahrzeug einfahren. Berechtigt seien Anwohner, Einsatzkräfte sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Verwaltungsbehörden und der Müllabfuhr.

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