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Nach Gewalttat im Oberlinhaus: Zeuge spricht vor Gericht von „struktureller Gewalt“

Im April dieses Jahres stehen vor dem Oberlinhaus Blumen und Kerzen zum Gedenken an die Opfer.

Potsdam.Im Prozess wegen der Tötung von vier Schwerstbehinderten im Potsdamer Oberlinhaus haben am Dienstag mehrere Zeugen von schlechten Arbeitsbedingungen in dem diakonischen Pflegeheim berichtet. „Hätte ich da täglich gearbeitet, hätte ich die Angehörigen angerufen, dass sie die Polizei rufen“, sagte ein ehemaliger Kollege der Angeklagten aus. Der 51-jährige Altenpfleger warf der Hausleitung „strukturelle Gewalt“ vor. Wer den Mund aufgemacht habe, sei versetzt worden. Beschwerden seien mit dem Hinweis quittiert worden, andere Bewerberinnen und Bewerber stünden Schlange.

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Die Gewalttat im Potsdamer Oberlinhaus Ende April sorgte deutschlandweit für Entsetzen. Mit einem Messer soll die Angeklagte in der diakonischen Einrichtung in Potsdam vier schwerstbehinderte Menschen getötet und eine weitere Frau schwer verletzt haben.

Schlechter Personalschlüssel im Oberlinhaus

Der Zeuge hatte sechs Jahre lang im Rahmen eines sogenannten Minijobs an Wochenenden mit der Angeklagten Ines R. im Oberlinhaus gearbeitet. Sie sei mit ihrer Zuverlässigkeit und Umsicht eine „perfekte Kollegin“ gewesen, sagte er vor dem Potsdamer Landgericht aus. Aus Angst vor Kündigung habe er sich geweigert, auf ihre Anregung hin eine Überlastungsanzeige zu unterzeichnen.

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Andere Kollegen der Angeklagten berichteten vor Gericht, der Personalschlüssel habe sich in den Monaten vor der Tat drastisch verschlechtert. Statt mindestens drei Mitarbeiter pro Schicht seien von November 2020 an häufig nur zwei im Einsatz gewesen. „Es war eine Katastrophe“, sagte Elisabeth H..

Angeklagte vor der Tat am Ende ihrer Kräfte

Überdies sei es normal gewesen, bis zu sieben Tage ohne Unterbrechung zu arbeiten. Trotz Überlastungsanzeigen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei mit der Begründung, es seien nicht ausreichend finanzielle Mittel dafür da, keine Leasing-Kräfte hinzugezogen worden. Die Angeklagte habe mehrfach darauf hingewiesen, dass sie nicht mehr könne, zuletzt zwei Wochen vor der Tat.

Die ehemalige Pflegedienstleiterin Kerstin G. sagte, die Hausleitung habe von psychischen Problemen der Angeklagten gewusst. Sie widersprach damit Aussagen Verantwortlicher der Einrichtung. Diese hatten am ersten Prozesstag angegeben, keine Kenntnis davon gehabt zu haben, dass die Angeklagte Ines R. sich 2018 mehrere Wochen in einer Klinik für psychosomatische Erkrankungen behandeln ließ.

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Der Pfleger Gino Z. sagte vor Gericht aus, er habe die Angeklagte kurz vor der Tat im Dienst in sehr schlechter Verfassung gesehen: „Sie meinte, sie kann nicht mehr, selbst nach dem Urlaub.“

Mittlerweile ist sogar Supervision möglich

Eine Wirtschaftshilfe und weitere Pfleger berichteten, dass aktuell wieder mehr Mitarbeitende auf der betroffenen Station im Einsatz seien, anstatt zwei bis drei pro Schicht vier bis fünf. Auch Supervision sei mittlerweile möglich.

Die Gewalttat im Potsdamer Oberlinhaus Ende April sorgte deutschlandweit für Entsetzen. Zum Auftakt des Prozesses hatte die angeklagte langjährige Mitarbeiterin über ihre psychischen Beeinträchtigungen und Personalmangel in der diakonischen Einrichtung berichtet. Die 52-Jährige muss sich wegen Mordes und weiterer Straftaten verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus. Für Donnerstag ist der Ehemann der Angeklagten als Zeuge geladen.

RND/epd

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