Nach dem Lockdown zurück ins Leben? Nein, danke!

  • Nach dem Lockdown lockt das Leben.
  • Unsere Autorin hat keine Angst vor Begegnungen und der Umarmung der Gesellschaft.
  • Sie hat nur keine Lust darauf.
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Da ist es wieder, das Leben. Es rauscht unten an der Straße vorbei, es nistet sich ein, draußen vor den Cafés und Restaurants. Es schreit vom Freibad herüber. Der Sommer ist nach seinem verpassten Einsatz auch angekommen, und die heißen Tage fallen zusammen mit den ersten neuen Post-Lockdown-Zusammenkünften, mit Lockerungen, geöffneten Läden und Treffen mit einer Personenanzahl, bei der man weiter zählen muss als bis zwei.

Und in dieser ganzen Hitze liegt das Versprechen, dass es jetzt wieder losgeht, aber wirklich. Auf jeden Fall. Jetzt wird geimpft und dann sind alle wieder frei. Das war es jetzt mit der Isolation, mit den gestreamten Theatervorstellungen und digitalen Ausstellungen, mit Homeoffice und den Treffen, wenn, dann überhaupt nur draußen.

Und ich sitze im Noch-Homeoffice, ich höre mir das Leben da draußen an und nicke höflich bei dem Versprechen eines euphorischen Sommers, bei dem wir uns alle ständig umarmen werden, ständig rauschende Fest feiern, auf Konzerte gehen. „Wenn das alles vorbei ist“ war so ein klassischer Satz, mit dem sich viele auf die Zeit nach dem Lockdown einschworen. Ich sagte „ja, ja“ und dachte „nee“. Denn ich habe zwar keine Angst davor, wieder Leute zu treffen, wieder am öffentlichen Leben teilzuhaben, wieder mit der Gesellschaft in Kontakt zu stehen. Ich habe einfach keine Lust darauf.

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„Guilty Pleasures“ waren Überlebenstaktik

Für mich war der Lockdown eine Zeit des Eskapismus. Und zwar einer der guten Sorte. Reisen konnte ich nicht, aber verschwinden, mich in Wäldern bei Spaziergängen verlieren, in Bücher und Serien abtauchen. Fernsehen ohne gesamtgesellschaftliche Relevanz war kein „guilty pleasure“, also kein vergnügliches Laster, sondern Überlebenstaktik. Wenn ich kitschig triefende Serien wie „Outlander“ oder Schnellschuss-Sitcoms wie „Brooklyn Nine Nine“ gesehen, mich damit den schönen und leicht oberflächlichen Dingen zugewandt habe, war ich resilient und nicht einfach nur anspruchslos.

Die Tage vergingen in Schönheit in unserer eigenen kleinen Bubble mit der Kleinstfamilie. Vater, Mutter, Kind. Der Flur in der Wohnung wurde zu Rennbahnen umgebaut, Tisch und Stühle zum Ufocockpit. An freien Tagen ging es schon raus in die Welt, aber nur an Orte, an denen keine – oder möglichst wenige – Menschen sind. Wälder, Gebirgszüge, Seeufer. Gegenüber dem ständig dräuenden Chaos in der Wohnung ließen wir gewisse Milde walten, denn uns störte es nicht – und andere bekamen es nicht zu sehen. Wir schwelgten in kultivierter Verwahrlosung und fühlten uns ganz wohl in unserem Alleinsein.

Zu dritt ist man weniger allein

Doch wir waren ja nicht allein. Wir waren, und sind, zu dritt. Klar, wir hatten keine der großen Sorgen während des Lockdowns, über die zu Recht immer wieder berichtet wurde. Keiner war krank, das Kind noch klein. Wir mussten nicht mit schulpflichtigen Kindern neben der Arbeit noch Lehrerin und Lehrer spielen. Und als die Kita wieder losging, konnten wir den Nachwuchs zumindest meistens in die Notbetreuung schicken.

Es war auch nicht so, als wäre es nur großartig gewesen. Ostern, Weihnachten, Ostern. Das alles zu Hause, Besuche der Eltern digital, Pakete statt Bescherung. Das kennt jeder. Genauso hat es mich genervt.

Und doch war vieles geordneter: Man konnte zu jedem Besuch Nein sagen – und manchmal musste man es sogar. Das soziale Leben war ein ruhiges Nacheinander. Ein Treffen mit einer Person, dann erst mal Pause. Den Geburtstag feiern? Daran musste ich gar nicht erst denken, ich konnte ihn gemütlich aussitzen. Ich stieg ein bisschen aus der Gesellschaft aus, Teilzeit quasi, ohne gleich einen radikalen Schnitt zu machen. In meiner sozialen Welt musste ich nur bis drei zählen – und das war beruhigend übersichtlich. Es waren weniger Gedanken im Kopf, weniger Termine, weniger Erwartungen, weniger Kopfzerbrechen, ob all das so richtig ist, was ich tue.

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Café? Shoppen? Theater? Ich will nicht

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Und jetzt? Seit ein paar Wochen könnte ich wieder ins Café gehen, ins Theater sogar, shoppen, zum Friseur. Aber ich tat es nicht, wollte nicht, will nicht. Während andere schon wieder mit den Füßen scharren, Urlaube in ferne Länder planen und das „Wenn es wieder geht“ in ein „Jetzt geht es wieder“ tauschen, will ich das Smartphone, dieses ständig offene Tor zum Rest der Gesellschaft, ganz weit hinten unter dem Sofa verstecken. Am besten in den Ritzen zwischen die Sitzpolster, sodass ich das Brummen vom Vibrieren auch nicht mehr höre. Wenn unverbindliche Anfragen auftauchen, ob man sich nicht mal wieder treffen könne, auf einen Kaffee, auf dem Spielplatz, dann ignoriere ich die Antwort so lange, bis jemand ein Datum vorschlägt.

Also einfach zu Hause bleiben? Klappe zu, Affe tot? Wenn ich in den Büchern gucke, die sich während des Lockdowns auf dem Boden stapeln, scheint das keine gute Idee zu sein. Kokosnussfan August Engelhardt etwa, Protagonist in Christian Krachts „Imperium“, erliegt unter der pazifischen Sonne seinem geschwächten Immunsystem mit einem vernebelten Geist. Igor in „Der unsichtbare Apfel“ von Robert Gwisdek verliert sich komplett in seinem Gedankenpalast und abstrusen Ideen, in die er sich in seiner einsamen Kammer hingegeben hat. Dann ist da noch der Aussteigerfilm „Into the Wild“, wenn man mal über den Bücherrand hinausschaut, in dem Christopher McCandless erst in der Einsamkeit die Schönheit der Welt erfährt, dann aber die falsche Pflanze futtert.

Ich muss jetzt wieder

Soll eine Geschichte mal gut ausgehen, kann man sich hingegen auf die klassische Heldenreise beziehen: Dort mag ein Held zwar auf einem einsamen Pfad wandeln, auf sich selbst zurückgeworfen sein, doch in den meisten Fällen führt ihn ein Mentor zur Selbsterkenntnis. Am Ende meistert der Held – oder die Heldin natürlich – seine Aufgaben, findet sein wahres Ich und zu seinem Platz in der Gesellschaft. Und zusammen ist sowieso alles besser, das predigen zumindest Harry Potter, Frodo Beutlin und auch Katniss Everdeen. Nur mithilfe der Gefährten bezwingen sie die Bösewichte. Außer es handelt sich um eine Tragödie, dann: siehe oben.

Meine Aufgabe ist zum Glück nicht heroisch. Meine Aufgabe besteht aus Alltagsbewältigung oder Glücklichsein, je nachdem, welche Messlatte man anlegt. Für beides brauche ich andere Menschen offenbar nicht so sehr wie ich dachte. Smalltalk beim Friseurbesuch, gemeinsames Schwitzen im Büro, Gespräche mit Halbfremden, bei denen man sich nachher gar nicht mehr so sicher ist, worüber man eigentlich geredet hat. Trotzdem steigert sich jetzt der Takt der Begegnungen, der Radius der Bewegungen. Willkommen, neue Normalität. Daran muss ich mich jetzt wohl wieder gewöhnen.

Das „Jetzt geht es wieder“ der anderen ist mein „Ich muss jetzt wieder“.

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