Nach dem Fall Sarah Everard: Der Heimweg gehört genauso uns

  • In London ist die 33-jährige Sarah Everard Anfang März abends auf ihrem Heimweg verschwunden und tot aufgefunden worden.
  • Wie hätte das verhindert werden können, fragen sich nun viele Britinnen und Briten.
  • Wir müssen auch in Deutschland darüber sprechen, wie viel Furcht Frauen nachts auf den Straßen haben, findet unsere Autorin Geraldine Oetken.
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Hannover. Eine 33-jährige Frau aus England wird nachts auf dem Weg nach Hause überfallen und getötet. Ein Fall, der in den vergangenen Tagen nicht nur die Insel erschütterte - sondern auch im Netz eine Debatte über die Sicherheit von Frauen in der Dunkelheit auslöste. Noch sind viele Details der Geschichte nicht geklärt. Klar ist aber: Nicht nur Frauen in England fühlen sich manchmal unsicher, wenn sie im Dunkeln alleine nach Hause laufen. Es gibt wohl auch in Deutschland kaum eine Frau, die nicht schonmal eine brenzlige Situation geraten ist. Hier möchte ich erzählen, warum auch ich die Leichtigkeit verloren habe, ohne Begleitung den Heimweg anzutreten.

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Ich mag das Nachhausegehen allein eigentlich gern: Man kann versuchen, endlich seine halbbetrunkenen Gedanken ohne den Lärm in der Bar zu Ende zu denken, überlegen, was es zu Hause noch zu snacken gibt. Doch an diesem lauwarmen Abend vor einigen Jahren in einer kleinen Stadt in Italien fährt auf dieser Straße ein Auto langsam heran. Ich laufe auf dem linken Bürgersteig. Sein protziges Auto kreuzt die Fahrbahn, um sich mir zu nähern. Ein Mann, der deutlich älter ist als ich, ich schätze ihn auf um die 50, kurbelt die getönte Fensterscheibe herunter. Und fragt, ob ich nicht einsteigen möchte, bella ragazza, schönes Mädchen. Nein, natürlich nicht. Aber ein Nein reicht nicht: Er fragt weiter, fährt mit dem Auto noch näher an den Bürgersteig heran. Im Schritttempo fährt er auf der falschen Straßenseite neben mir her. Ich bin allein auf der Straße und gehe weiter geradeaus, um mich so weit vom Fenster fernzuhalten, dass er mich nicht festhalten kann. Renne ich jetzt los?

Plötzlich hält der Mann mit seinem Wagen an, steigt aus, kommt auf mich zu. Ich habe keinen Plan, was ich machen soll. Rennen hilft wenig, ich bin sowieso nicht sonderlich schnell. Und ein Pfefferspray wollte ich nie besitzen, weil ich die Idee gruselig fand, immer ein Verteidigungsmittel mitzuschleppen. Das Adrenalin rauscht wieder, wenn ich darüber nachdenke. Doch dann habe ich Glück, einfach Glück: Noch während er sich weiter auf mich zubewegt, biegt eine Gruppe junger Studenten um die Ecke. Sie beobachten uns eine kurze Weile. Ich sage so klar wie möglich: „No, non voglio“ („Nein, ich will nicht“) in meinem brüchigen Italienisch. „Sie will nicht mit, okay“, rufen die Jungs von drüben. Das reicht. Endlich, der Mann zieht wieder ab und verschwindet auf der Landstraße in Richtung San Marino. Ich frage mich heute noch, wo der mich in der Dunkelheit mit hingenommen hätte, wenn er die Chance gehabt hätte.

Ich bin wütend, weil ich die Hilfe von Männern brauchte

Die Jungs bieten an, mich nach Hause zu begleiten. Aber meine Wohnung ist gleich um die Ecke. Und auch wenn sie freundlich sind, will ich jetzt nicht, dass sie wissen, wo ich wohne. „Die Straßen sind nachts gefährlich für junge Frauen“, sagen sie. Danach bin ich die 20 Minuten zu Fuß immer gerannt.

Noch heute frage ich mich: Was für ein Selbstbild muss ein Typ haben, dass er denkt, dass sein dämlich tiefergelegtes Auto irgendjemanden dazu bringt, bei ihm einzusteigen? Ich bin wütend, weil ich auf die Hilfe anderer Männer angewiesen war, um der Situation zu entkommen. Ich bin wütend, weil ich mich später gefragt habe, ob es wirklich nötig war, an diesem Abend die roten Pumps, die dünne schwarze Strumpfhose und das weiße Kleid anzuziehen. Ich weiß noch genau, was ich getragen habe, weil ich mich gefragt habe, ob ich damit nicht selbst die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt habe. Denn hätte ich dieses Outfit nicht getragen, so der Gedanke, hätte der Mann mich vielleicht übersehen. Als könnte ich beeinflussen, wie hirnrissige selbstverliebte Egoisten mit Realitätsverlust agieren. Heute ist mir klar: Nicht ICH war Schuld an dieser Situation - und auch mein Outfit war es nicht. Das Verhalten des Mannes war es.

Dass diese Frage aber viele Leute beschäftigt, zeigte im vergangenen Jahr der 15-minütige Beitrag „Männerwelten“, den Joko und Klaas im Rahmen ihrer gewonnenen 15 Minuten Sendezeit bei ProSieben zeigten. In dem Beitrag wurden diverse Outfits von Frauen gezeigt, die sie trugen, als sie vergewaltigt wurden. Darunter: lange Kleider, weite Hosen, Schlabberpullis. Niemals rechtfertigt ein freizügiges Outfit das Verhalten eines übergriffigen Mannes.

Wieso müssen sich die Frauen einschränken und Sexisten können herumpöbeln?

Vor allem bin ich wütend, weil mich seit diesem Abend die Angst, gegen die ich mich immer gewehrt habe, auf dem Heimweg begleitet. Ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt einfach geweigert, Warnungen meiner Mutter ernst zu nehmen, niemals allein nach Hause zu gehen. Mich an einen Schlüssel in der Hand zu klammern, wie Freundinnen. Oder so zu tun, als würde ich telefonieren, wie meine Schwester.

Die Angst auf dem Heimweg beschäftigt die Öffentlichkeit nach dem Verschwinden und mutmaßlichen Mord der 33-Jährigen in Großbritannien. Wenn ich manche gut gemeinten Tipps zum Verhalten auf dem Heimweg lese, dann werde ich wieder sauer. Warum sollten wir abends nicht allein gehen dürfen? Wieso müssen wir uns Verteidigungsstrategien präventiv zurecht legen, nur weil es kriminelle Idioten gibt, die Frauen nachts belästigen und damit immer den schlimmsten anzunehmenden Fall wie bei Sarah Everard suggerieren?

20 Prozent der Frauen gehen laut einer Studie aus Angst nie allein nach Hause

Leider ist die Angst der Frauen nicht grundlos: Jede Zweite hat laut einer EU-weiten Umfrage aus dem Jahr 2014 bereits sexuelle Belästigung erlebt. In einer Studie des Bundesfamilienministeriums von 2005 gaben ein Drittel aller befragten Frauen an, dass sie sich wenig bis überhaupt nicht sicher fühlen, wenn sie nachts allein im Dunkeln unterwegs waren. Weitere 20 Prozent gaben sogar an, nie allein nach Hause zu gehen.

Welche Lösungen gibt es? Wenn man „nachts“, „Frauen“ und „Heimweg“ googelt, findet man immer noch nur Tipps, darüber, wie sich potenzielle Opfer schützen können. Obwohl das Problem offensichtlich nicht neu ist. Es gibt keine Ergebnisse, die erklären, wie die Wege sicherer gemacht werden können.

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Stadtplanung kann gegen die Angst helfen, aber nur bedingt

Einen Vorschlag hat das internationale Hilfswerk Plan nach einer nicht repräsentativen Umfrage gemacht: So könnten bei der Stadtplanung die Orte berücksichtigt werden, an denen sich Menschen nachts unwohl fühlen. Manchmal sind es ganz praktische Vorschläge: Statt Funzellampen könnte es in Straßen, auf denen Frauen sich unsicher fühlen, hellere Beleuchtung geben. Eine bessere Einsehbarkeit vermittelt dazu ein höheres Sicherheitsgefühl. Doch hängen diese Maßnahmen an den Entscheidungen der oftmals dauerklammen Kommunen. Und: Es wird immer Wege geben, die trotz großer Einsehbarkeit und hellem Licht gruselig bleiben. Meine Begegnung mit dem übergriffigen Autofahrer war auf einer solchen Straße. Aber ob den Autofahrer wirklich ein bisschen mehr Licht abgeschreckt hätte? Ich mag das bezweifeln.

Denn das Sicherheitsgefühl hängt auch vom Verhalten der anderen Passanten ab. Wenn Sie ein Mann sind: Fragen Sie die Frauen um sich herum, was die auf ihrem Heimweg erlebt haben. Fragen Sie, wie Sie sich verhalten können, was hilft. Und sollten Sie betrunken sein und mit einer Frau auf der Straße dumme Witze machen wollen, verkneifen Sie es sich einfach. Das braucht wirklich kein Mensch. Und so lustig war ihr Witz wahrscheinlich sowieso nicht. Wenn Sie eine Frau sind oder sich mit meiner Erzählung vom Heimweg identifizieren können: Erzählen Sie ihre Geschichte, wenn Sie es können. Schildern Sie, was so einen Heimweg genau unangenehm macht. Sensibilisieren Sie ihr Umfeld. Sind es die Typen, die zu nah an einen herankommen? Sind es diejenigen, die einen lange im Vorbeigehen mustern?

Das Miteinander auf der Straße muss sich ändern

Denn natürlich führt nicht jede Begegnung mit einem Mann nachts auf der Straße zum Unwohlsein. Ich bin auf meinen Heimwegen an unzähligen Männern vorbeigekommen, die ebenfalls ganz entspannt nach Hause gelaufen sind und sich nicht ein bisschen um die Frauen um sich herum geschert haben. Es sind die rüpelhaften Macho-Idioten, die mit ihrem Hinterherrufen, ihrem bis kurz vor dem Platzen aufgeblasenem Ego und ihren sexistischen Sprüchen oder Beleidigungen die Nachtspaziergänge verderben. Und je eher diese Männer verstehen, dass jeder noch so harmlos gemeinte Spruch das Unwohlsein der Frauen auf dem Heimweg für eine lange Weile nährt, desto besser. Darüber muss gesprochen werden – und zwar nicht nur am Frauentag oder wenn wieder eine Frau auf dem Heimweg verschwunden ist. Wenn die Welt nachts weniger gleichberechtigt ist, müssen wir immer wieder und solange darüber reden, bis der Sexismus auch in der Dunkelheit ausgemerzt ist. Während Maßnahmen wie das Heimwegtelefon akut die Angst nehmen, weil Frauen telefonisch auf ihrer Strecke nach Hause begleitet werden, muss sich aber vor allem das Miteinander auf den nächtlichen Straßen ändern.

Für mich ist es jetzt schon länger her, dass ich auf dem Heimweg unangenehm angequatscht wurde. Aber das hat etwas mit dem kollektiven Zuhausebleiben im Lockdown zu tun, mit einem veränderten Alltag. Nicht damit, dass sich das Problem gelöst hätte. Ich will keine Angst haben, wenn ich wieder feiern gehe. Weder in der Bar, noch auf dem Heimweg. Und zwar auch dann nicht, wenn ich wieder die roten Pumps, schwarze Strumpfhosen und das weiße Kleid trage.

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