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Mysteriöse Orcaangriffe auf spanische Segelboote: „Wir sind alle ein wenig ratlos“

  • Nahe der Straße von Gibraltar nehmen Orcas seit Monaten Segelboote aufs Korn.
  • Behörden zählen bereits 66 Angriffe durch Schwertwale.
  • Für das Phänomen fehlt bislang jede Erklärung.
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Madrid. Die Familie freute sich über den Anblick: Sie war auf großer Tour mit ihrem Segelboot vor der Südwestküste Spaniens unterwegs, als sie einen Schwertwal – oder Orca – auf sich zukommen sah. Ein wunderschönes Tier, schwarz und weiß, mit spitzer Rückenflosse, die seiner Art den Namen gab. Ein Fleischfresser, aber kein Feind des Menschen. Doch die Freude über die unverhoffte Begegnung währte nur kurz. Der Schwertwal kam nicht nur zur Begrüßung vorbei, sondern machte sich sofort über das Ruderblatt des Zwölfmeterbootes her. Die französische Familie an Bord erlebte angstvolle Minuten und musste ihre Reise vorerst abbrechen, um ihr Boot im nahen Hafen von El Puerto de Santa María reparieren zu lassen. Das geschah Anfang August.

Die Geschichte, erzählt von der Lokalzeitung „La Voz de Cádiz“, ist eine von vielen dieses Sommers. 66 Walattacken auf kleine Segelboote zählt die spanische Seenotrettung bisher in diesem Jahr. Der Tatort ist die Gegend um die Straße von Gibraltar, meist die Bucht von Barbate. Zur Sicherheit hat die spanische Regierung einen etwa 30 Kilometer langen Küstenstreifen zwischen Punta Paloma und dem Kap Trafalgar (wo 1805 die berühmte Seeschlacht stattfand) für kleine Segelboote mit einer Kiellänge unter 15 Metern gesperrt. Aber es gibt weitere Zwischenfälle: die vorerst letzten vier am Dienstag. Man kann ja nicht das ganze Meer sperren.

Extrem bedrohliche Erfahrung

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Erste ähnliche Fälle gab es im Sommer vergangenen Jahres vor der Küste Galiciens im Nordwesten Spaniens. Im März dieses Jahres kehrte das Phänomen nach Spanien zurück, diesmal im Süden. Keiner weiß, was hinter dem seltsamen Verhalten der Meeressäuger steckt, weil derlei Angriffe zuvor nie verzeichnet worden sind.

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Für die Bootsbesatzungen ist es eine extrem bedrohliche Erfahrung. Die tonnenschweren Tiere könnten ihre Boote mühelos umkippen, was sie bisher allerdings nie getan haben. Wissenschaftler sprechen deswegen auch nicht von „Angriffen“, sondern von „Interaktionen“. Für die Menschen fühlen diese sich allerdings durchaus wie Attacken an. Viele Boote sind danach manövrierunfähig und müssen von der Seenotrettung abgeschleppt werden. Verletzte oder gar Tote hat es allerdings bisher nicht gegeben.

Gewöhnlich ist es auch nicht ein einzelnes Tier, das sich dem Boot nähert, sondern eine Gruppe. Ihr Ziel ist jedoch immer das gleiche: das Ruderblatt. Santi Villagrán, Präsident des Real Club Naútico von El Puerto de Santa María, erzählte der Zeitung „El País“, wie sein Boot am 1. August von fünf Tieren aufs Korn genommen wurde. „Es waren zwei Muttertiere mit ihren Kleinen und vielleicht noch eine dritte Mutter“, berichtete er. Es sei eine dieser Erfahrungen gewesen, „die du noch deinen Enkeln erzählst“.

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„Etwas Ähnliches ist noch nie geschehen“

„Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass es sich um ein Spiel handelt, um einen Lernprozess“, so die Meeresbiologin Pilar Marcos von Greenpeace zur spanischen Ausgabe von „National Geographic“. Höchstwahrscheinlich sei es eine kleine Gruppe zusammenlebender Tiere, die dieses Spiel für sich entdeckt hat. Aber was hat es ausgelöst? Werden die Tiere von Form, Farbe, Bewegung der Ruderblätter angezogen?

„Wir sind alle ein wenig ratlos“, gesteht José Maraver von der Seenotrettung in Tarifa gegenüber „La Voz de Cádiz“. „Wir finden keine gute Erklärung für das, was geschieht.“ Ezequiel Andréu von der Arbeitsgruppe Orca Atlántica, der die Tiere seit vielen Jahren erforscht, ist ebenso überrascht wie alle anderen. „Etwas Ähnliches ist noch nie geschehen. Die Orcas machen gewöhnlich keine Probleme. Ob wir dieses Rätsel eines Tages lösen werden, wissen wir nicht.“

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