Mütend sein ist auch keine Lösung

  • Die Wortneuschöpfung „mütend“ verbreitet sich im Netz, weil sie den Gemütszustand eines ganzen Landes beschreibt.
  • Doch „mütend“ ist das falsche Gefühl zur falschen Zeit, meint Matthias Schwarzer.
  • Ein Gegenvorschlag zur Resignation.
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Hannover. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache hat in seinem Neologismenwörterbuch rund 1200 Wörter aufgelistet, die während der Corona-Pandemie entstanden sind. Zu lesen sind darin Wortneuschöpfungen wie „coronabedingt“, „Wirrologe“ und „Zellstopfhamster“. Eines steht noch nicht drin, aber das dürfte sich sicher bald ändern: „mütend“.

Die Essener Notfallärztin Carola Holzner verwendete das Wort vor ein paar Tagen in einem viel beachteten Facebook-Post – wer genau es erfunden hat, ist nicht bekannt. Ihr Gefühl beschreibt die Ärztin so: Sie sei müde vom Lockdown und wütend auf alles andere: das Theater um die Impfstoffe, immer neue „Inzidenzbremsen“ und das „politische Rumgeeiere“.

Es fehle nicht nur ein sichtbares Ende, sondern auch „ein Konzept. Und zwar eines, was alle auch verstehen. Wir können nur Entscheidungen mittragen, die wir auch nachvollziehen können. Die nicht nur Sinn haben, sondern auch sinnvoll kommuniziert werden. Die Leute wissen einfach nicht mehr, was sie glauben sollen“, schreibt Holzner. Kürzlich habe Ihr Sohn sie gefragt, wann denn „Corona endlich vorbei“ sei. Sie habe nur geschwiegen, weil sie es nicht wisse. All das mache „mürbe“ und vor allem „mütend“.

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Die „Mütendkeit“ verbindet uns alle

Im Netz trifft das Wort einen Nerv, allein Holzners Facebook-Post wurde 75.000 Mal geteilt und 10.000 Mal kommentiert. „Mütend“ beschreibt schließlich den Gemütszustand eines ganzen Landes. Es ist ein Gefühl, auf das sich alle einigen können, egal in welcher Lebenssituation man gerade steckt. Ob allein, ob mit Kindern und Familie, als jemand, der wegen Corona keine Partys mehr feiern kann, als jemand, der durch Corona seine Existenz verlor, als jemand, der wegen der Pandemie mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, ja sogar der ein oder andere selbsternannte „Querdenker“ sollte sich mit dem Wort identifizieren können.

Das ist auf eine Art schon fast wieder schön, weil die „Mütendkeit“ uns alle verbindet. Gleichzeitig strahlt „mütend“ jedoch auch eine unendliche Hoffungslosigkeit aus, die die Sache nur noch schlimmer macht.

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Es lohnt sich, der Frage nachzugehen, wie es überhaupt zu diesem Zustand kommen konnte. Die einfache Antwort liefert Carola Holzner, die komplizierte finden wir vielleicht in uns selbst. Denn tatsächlich wurde unser heutiger Zustand bereits vor einem Jahr mehrfach vorausgesagt.

Die Situation war vorhersehbar

Schon damals warnten Expertinnen und Experten beispielsweise vor Zankereien und Gerechtigkeitsfragen bei der Impfstoffvergabe. Man wusste bereits sehr früh, dass all das anstrengend werden würde, und die schlimmste Phase haben wir noch vor uns. Und zwar, wenn ein Großteil der Bevölkerung bereits geimpft ist, der andere aber noch nicht und wir erstmals ernsthaft über Impfprivilegien diskutieren werden. Zur gleichen Zeit machten andere deutlich, dass uns die Pandemie noch lange begleiten wird – und nicht nur (wie viele damals noch glaubten) bis zum Sommer 2020.

Provokant formuliert könnte man sagen, man hätte all das kommen sehen können, und man hätte sich geistig darauf einstellen müssen. Doch wir taten das genauso wenig, wie die politischen Entscheider, denen wir heute Inkompetenz vorwerfen. Der Zustand „mütend“ ist die logische Konsequenz.

Der Beginn der Pandemie wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, sich auf die neue Situation einzulassen. Nein, die Situation überhaupt als „neu“ zu begreifen, wäre der erste Schritt gewesen. Wir fanden es jedoch viel angenehmer, daran zu glauben, dass das alles nur eine Phase ist und schon irgendwann die alte Normalität zurückkehren würde, wenn wir nur ein bisschen Geduld aufbrächten.

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Zum Beginn der Beteiligungskampagne für das Wahlprogramm der CDU hat der Parteivorsitzdende eine Erneuerung angekündigt.  © Reuters

Alles andere als gesund

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Im Frühsommer 2020, als Grenzen genauso wieder geöffnet wurden wie die Großraumbüros, glaubten wir, alles sei überstanden. Die Fußbodenmarkierungen in Supermärkten und Tankstellen, die Gehrichtungen vorgaben, wirkten wie Relikte als längst vergangenen Zeiten. Wir buchten Urlaube und planten Hochzeiten, schmiedeten Pläne für die Zukunft – nur um dann zu merken, dass eben doch nicht alles wieder normal ist.

Diesen Fehler begehen wir noch immer. Wir glauben, die ganze Sache sei längst gegessen, hätten wir nur ein paar kompetentere Ministerpräsidenten in diesem Land. Wir jammern uns kollektiv in einen „mütenden“ Zustand, der alles andere als gesund ist. Wir fluchen und drängeln und treiben unsere Mitmenschen gleich mit in den Wahnsinn. Und während die einen nach Öffnungen schreien und die anderen nach einem richtig harten Lockdown, resignieren wir einfach, weil uns das längst alles zu anstrengend geworden ist.

Gegessen ist die Sache derweil noch lange nicht – und allerspätestens jetzt wäre eine gute Gelegenheit, nach einem angemessenen Umgang mit der Situation zu suchen. Die alte Normalität, die wir uns so sehr herbeisehnen, ist noch in weiter Ferne, womöglich kommt sie in der altbekannten Form nie wieder zurück. Und weiterhin darauf hinzufiebern, macht uns nur noch „mütender“.

Aufbruchsstimmung als Übergangslösung

Sicherlich wäre eine entschlossenere Politik ein Schlüssel zu weniger „Mütendkeit“, aber der Zweitschlüssel liegt bei uns. Einige wenige Menschen haben in den vergangenen Monaten ihren Frieden mit der neuen Situation gefunden. Sie entdeckten durch die Einschränkungen neue Hobbys, weil andere nicht mehr möglich waren. Sie entdeckten neue Orte vor ihrer eigenen Haustür, weil andere nicht mehr erreichbar waren. Sie arrangierten sich mit einem Leben, dass man nicht mehr planen kann, und das man einfach so hinnehmen muss. Man kann das als Störfaktor begreifen, aber auch als einen Weg aus einem jahrelangen Trott.

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Auch im größeren Rahmen war das vor einem Jahr zu spüren: Die Musikbranche wurde zeitweise ziemlich kreativ – erinnern Sie sich beispielsweise noch an die Autokonzerte? Unterhaltungskünstler starteten Instagram-Livestreams und Podcasts und Herr Müller von nebenan entdeckte das Gärtnern für sich.

Diese Aufbruchstimmung hat nicht lange gehalten, weil wir sie für eine Übergangslösung hielten. Dass Corona auch längerfristig ein anderes Leben bedeutet, wollen wir damals wie auch heute heute nicht an uns heranlassen.

„Mütend“ sein ist keine Lösung

Natürlich ist all das leichter gesagt als getan, denn während diese Zeilen geschrieben werden, zerbricht irgendwo irgendjemand an dieser verflixten Situation. Am Ende des Tages führt aber trotzdem kein Weg dran vorbei: „Mütend“ sein ist keine Lösung, so verständlich das Gefühl auch sein mag.

Carola Holzner fordert die Politik im letzten Satz ihres vielbeachteten Facebook-Posts auf, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, statt Parteipolitik und Wahlkampf zu betreiben.

Was sie nicht schreibt: Auch wir als Gesellschaft brauchen ein neues Konzept für diese Zeit. Das Akzeptieren der Situation, das Akzeptieren von Unsicherheiten, gegenseitiges Unterstützen, gegenseitiges Mutmachen. „Muterstützen“ statt „mütend“ sein. Sonst schaffen wir das nie.

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