Mordprozess wühlt Frankreich auf: 20 Jahre Haft für Ex-Soldat

  • Ein junger Soldat verschwindet in einer Gemeinde in Frankreich, die Spur führt zu Nordahl L.
  • Der frühere Hundeführer soll nicht nur den Soldaten getötet haben, auch ein kleines Mädchen zählt wohl zu seinen Opfern.
  • In Frankreich wähnt man sich einem Serienmörder auf der Spur.
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Chambéry. Die Staatsanwaltschaft hatte die Höchststrafe für Nordahl L. gefordert - 30 Jahre Gefängnis. Gut eine Woche lang stand der frühere Soldat in dem französischen Städtchen Chambéry vor Gericht. Im Prozess hat der 38-Jährige gestanden, einen anderen jungen Soldaten getötet zu haben. Allerdings nicht absichtlich, wie er behauptet. Der Prozess bewegt, ja vielleicht auch fasziniert ganz Frankreich. Denn Nordahl L. werden noch weitere Verbrechen vorgeworfen. Immer wieder fällt auch der Begriff Serienmörder - einen Beweis gibt es dafür aber nicht.

Nun ist am späten Dienstagabend nach einer nervenaufreibenden Woche das Urteil gefallen: 20 Jahre Haft für einen Mann, den in Frankreich mittlerweile jeder kennt. Teilnahmslos, so heißt es, soll Nordahl L. die Entscheidung aufgenommen haben. Für ihn ist das Ende dieses Prozesses nur die erste Etappe vor Gericht.

Separater Prozess um den Tod einer Achtjährigen

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„Er lügt, und das ist seine DNA“, sagte der Anwalt der Familie des getöteten Soldaten, Bernard Boulloud, laut französischen Medien, die aus dem Gerichtssaal berichteten. In dem aktuellen Prozess ging es nur um den Mord am jungen Soldaten. Aber der Angeklagte wird auch verdächtigt, in Südostfrankreich ein achtjähriges Mädchen entführt und umgebracht zu haben. In einem separaten Prozess voraussichtlich im kommenden Jahr soll es um den Tod der kleinen Maëlys gehen.

Nordahl L. wurde 1983 in der Nähe von Paris geboren und lebte später in Ostfrankreich. Er war Hundeführer bei der französischen Armee, wurde aber 2005 entlassen, beschäftigte sich mit Hundezucht und soll psychische Probleme gehabt haben. Im April 2017 wurde der 23-jährige Soldat Arthur N. getötet. Erst rund ein halbes Jahr später wird seine Leiche gefunden, ein Wanderer entdeckt die menschlichen Überreste. Mobilfunkdaten bringen die Ermittler schließlich auf die Spur von Nordahl L. - viel zu spät, wie sich bald zeigen wird.

Angeklagter: „Es tut mir leid, Arthur“

Im Prozess gab Nordahl L. zu, Arthur N. getötet zu haben. Er sprach jedoch von einem Versehen - er habe den jungen Mann mit dem Auto mitgenommen, es habe einen Streit um ein gestohlenes Handy gegeben, ein tödlicher Kampf folgte. Die Staatsanwaltschaft sieht das völlig anders. Für Staatsanwältin Therese Brunisso ist das einzig plausible Motiv ein sexuelles. Nordahl L., so argumentiert sie, habe einen Tötungswillen gehabt.

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Die Familie des Opfers saß immer wieder mit im Gerichtssaal, hatte ein riesiges Porträt ihres Sohnes, ihres Bruders vor sich aufgebaut. Es habe ihnen ein gutes Gefühl gegeben, sagte Cécile Noyer, Arthurs Mutter, vor Fernsehkameras. „Er ist immer in unseren Herzen und das kann uns niemand nehmen.“ Auch Nordahl L. äußerte sich im Gerichtssaal, entschuldigte sich bei der Familie: „Es tut mir leid, Arthur.“ Der Anwalt von Nordahl L. ist überzeugt, dass sein Mandant bereits vorverurteilt wurde. In den Medien werde er als Pädophiler, als Serienmörder, ja gar als Monster dargestellt, sagt Alain Jakubowicz, ein bekannter Anwalt in Frankreich.

Zumindest in einem anderen Fall hat Nordahl L. die Ermittler aber zu einer Leiche geführt. Die achtjährige Maëlys verschwand im August 2017, wenige Monate nach dem Tod des jungen Soldaten, von einer Hochzeitsfeier in einer kleinen Gemeinde in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Irgendwann in der Nacht verloren die Eltern ihr kleines Mädchen aus den Augen - sie sollten ihre Tochter nie wieder sehen.

Aufnahmen einer Überwachungskamera und DNA-Spuren bringen die Ermittler auf den ehemaligen Hundeführer. Anfang 2018 führt er sie schließlich zur Leiche des Kindes - auch der Tod des Mädchens sei keine Absicht gewesen, sagte Nordahl L. Berichten zufolge. Doch die Ermittler beschleicht nun noch ein ganz anderer Gedanke: Hat dieser Mann noch etwas mit dem Verschwinden anderer Menschen zu tun? In Frankreich beginnt ein riesiger Medienrummel um den Fall Nordahl L. - der Name ist nun im ganzen Land bekannt. Dem Ex-Militär werden außerdem sexuelle Übergriffe auf Cousinen vorgeworfen.

Alte Fälle werden wieder aufgerollt

Die Ermittler beginnen, Dutzende alte Fälle wieder aufzurollen. Eine Spezialeinheit wird geschaffen, es beginnt eine regelrechte Jagd nach Indizien und Beweisen. In den Fokus rückt etwa der Fall des 18-jährigen Thomas R., dessen Leiche 2015 in der Nähe von Chambéry gefunden wurde. Seine Eltern sind sich sicher: Nordahl L. hat ihren Sohn getötet. Auch in anderen Fällen suchen die Ermittler nach einer Verbindung zu Nordahl L. Doch bis heute konnte keine zwischen dem ehemaligen Soldaten und anderen ungelösten Fällen hergestellt werden.

Ungeklärte oder besonders grausame Mordfälle halten Frankreich immer wieder in Atem. Da ist der schreckliche Fünffach-Mord von Nantes - seit nunmehr zehn Jahren ist ein verdächtiger Familienvater wie vom Erdboden verschluckt. Und erst am Montag starb Michel Fourniret, einer der berüchtigtsten Serienmörder des Landes. „Das Monster der Ardennen“ hatte über Jahre hinweg zahlreiche Mädchen und junge Frauen vergewaltigt und ermordet - blieb aber lange unentdeckt.

Und so wühlt auch der Fall Nordahl L. ganz Frankreich auf, die Anteilnahme am Prozess war riesig. Viele fragen sich: Was verbirgt der 38-Jährige noch? Lauern im Geheimen weitere Schrecken? Und könnte Nordahl L. viele ungelöste Rätsel aufklären? Die Antwort, so sieht es heute zumindest aus, lautet aber wohl: eher nicht.

RND/dpa

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