Four Seasons-Hotel in Madrid ist fertig: Eine Geschichte von Lärm und Chaos

  • Der Bau eines Luxushotels in ihrer Altstadt machte den Madridern jahrelang vor allem Ärger.
  • Jetzt ist es endlich fertig – mitten in der Coronakrise.
  • Das Ergebnis könnte die Bürger der Stadt doch noch versöhnlich stimmen.
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“Wir sind ein Hotel für Madrileños,” sagt der Direktor. “Wir wollen, dass dies die Wohnstube wird von Madrid.” Das sind große Worte, die der Schweizer Adrian Messerli lächelnd ausspricht. Man möchte sie ihm gerne glauben. Sechs Jahre lang war diese Wohnstube Staub, Lärm und Chaos. Ground Zero, sagten die Anwohner. Mitten in der Altstadt, gleich hinter der Puerta del Sol, mussten sie eine Großbaustelle ertragen wie für einen neuen Regierungspalast oder einen Hauptbahnhof, die dann aber schließlich zu einem Hotel heranwuchs: einem Four Seasons, dem ersten Spaniens. Vor ein paar Tagen hat es geöffnet, und jetzt können die Madrider nachschauen, ob sich der Ärger gelohnt hat.

Man kann sich eine Stadt als wilden Garten denken, als eigenwilligen Organismus, dem ordnende Hände mühsam Form zu geben versuchen. Kein Stadtplaner konnte voraussehen, dass sieben benachbarte historische Bankgebäude in der Madrider Innenstadt im Laufe der Jahrzehnte durch Fusionen und Zukäufe in den Händen einer einzigen – der Banco Santander – enden würden und dass sich diese Bank im Jahr 2004 eine eigene “Finanzstadt” in einem Vorort bauen und ihre Altbauten verlassen würde.

Womit sich eine Jahrhundertgelegenheit für Immobilieninvestoren auftat. Da lagen Zehntausende Quadratmeter Bürofläche brach, etwas heruntergekommen, verbaut, verwohnt, verschachtelt, aber zum Träumen schön gelegen. In Gehweite der Puerta del Sol, dem Herzen der Stadt. In einem Viertel voller Prachtbauten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dem es zuletzt etwas an Vitalität gebrach, weil Bankhäuser wenig Leben in die Stadt bringen. Es war eine großartige Gelegenheit nicht nur für Investoren, sondern für ganz Madrid.

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Regionalpräsident mit Ausrede für Großzügigkeit

Die Dinge laufen dann nie so glatt, wie man es gerne hätte. Die Banco Santander zögerte mit dem Verkauf, und als sie sich endlich mit einem Interessenten einig wurde – dem Baukonzern OHL –, war inzwischen die Finanzkrise über Spanien hereingebrochen und die heimische Immobilienblase geplatzt. Die Madrider Regionalregierung nahm die Krise zum Vorwand, um dem Investoren in Sachen Denkmalschutz (vermindert) und Bauvolumen (vergrößert) entgegenzukommen – was vor allem der verkaufenden Bank nutzte, die deswegen einen höheren Preis für ihre sieben leerstehenden Altbauten nehmen konnte.

Als das Geschäft 2013 unter Dach und Fach war, sagte der damalige konservative Regionalpräsident Ignacio González (der seitdem aus anderen Gründen ein halbes Jahr in Untersuchungshaft saß): “Der einzige Weg, unser historisches Erbe zu bewahren, ist es, die ökonomische Verwertung zu ermöglichen.” Grundsätzlich ist das nicht falsch, war in diesem Fall aber eine Ausrede für administrative Großzügigkeit, von der kleinere Bauherren nur träumen können.

Metrostation musste wegen Neubau für 15 Monate schließen

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OHL nahm sich vor, aus den sieben Bankhäusern ein Luxushotel mit Ladenpassage zu machen, wofür es die Altbauten komplett entkernte und mit neuem Inhalt füllte. Sowas erschüttert die Denkmalschützer, die in alten Häusern mehr als schöne Fassaden sehen. Der Chef des mit dem Neubau beauftragten Architekturbüros, Carlos Lamela, ein Star seines Gewerbes, gab sich aber ganz selbstbewusst: “Alles, was der Besitzer und wir für wertvoll erachten, wird erhalten”, sagte er vor Baubeginn. Den Gedanken, dass es außer seiner noch eine ordnende Hand in Form der Denkmalschutzbehörde geben könnte, ließ er beiseite.

Die Bauarbeiten begannen 2014, und von dem, was hinter den mit Planen verhängten Gerüsten geschah, bekamen die Madrider nichts mit als Lärm und Dreck. Die benachbarte Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, ein gewöhnlich zu wenig beachteter Schatz unter den Madrider Museen, klagte über Staub in ihren Ausstellungsräumen und einen Riss in einer Herkules-Farnese-Skulptur, den sie den Erschütterungen durch die schweren Baumaschinen nebenan zuschrieb. Anfang vergangenen Jahres musste ein an der Baustelle vorbeiführender, ebenso erschütterter Metrotunnel für vier Monate schließen, die dazugehörige Metrostation sogar für eineinviertel Jahr. Nur Ärger hatten die Madrider mit diesem Neubau hinter alten Mauern.

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Noch ist nicht alles fertig im Four Seasons Madrid

Jetzt ist er fertig, und das Ergebnis ist: vornehmlich ein großes Glück für Madrid. Die Fassaden strahlen, wie sie wahrscheinlich nie gestrahlt haben, und dahinter ist zumindest ein Teil des wichtigsten der sieben Gebäude – nach seinem Erstbesitzer “Equitativa” genannt – auch im Inneren wunderbar als Hotelvestibül mit Cafeteria neuerstanden. Darüber liegt die Royal Suite, wo einst die Bankdirektoren ihr Büro hatten, zuletzt Ana Botín, die heutige Banco-Sandender-Chefin. Der Schriftsteller Andrés Trapiello beschreibt in seinem literarischen Tagebuch “La cosa en sí” ein Treffen mit Botín in jenem Büro, das so groß ist, dass Trapiello die Bankdirektorin darin “manchmal aus den Augen verlor”. Die 400 Quadratmeter dürfen sich demnächst Könige und Magnaten für 20.000 Euro die Nacht leisten.

Noch ist nicht alles fertig im Four Seasons Madrid, von den 200 Zimmern sind vorerst 57 zu beziehen, in den anderen wird noch an letzte Details Hand angelegt. Viele Gäste kommen sowieso noch nicht in diesen Corona-Zeiten. Jetzt ist es “ein Hotel für Madrileños”, wie Hoteldirektor Messerli sagt. Und die kommen. Das Dachrestaurant hinterm Glockenturm, der die Fassade der Equitativa krönt, ist auf Wochen ausgebucht.

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