Loveparade-Prozess ohne Urteil: Eine ewig offene Wunde

  • Fast zehn Jahre nach der Katastrophe mit 21 Toten hat das Landgericht Duisburg das Mammutverfahren an diesem Montag eingestellt.
  • Zweieinhalb Jahre Gerichtsverhandlung enden ohne Urteil.
  • Das mag juristisch nachvollziehbar sein – für die Angehörigen der Opfer und die bis heute Traumatisierten bedeutet es einen Schrecken ohne Ende.
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Es hätte im Sommer passieren können, nun ist es wohl bloß ein paar Wochen vorgezogen worden: Die Einstellung des Loveparade-Prozesses kommt nicht überraschend. Trotzdem trifft sie viele hart. 21 Menschen sind bei der Massenpanik am 24. Juli 2010 in Duisburg totgetrampelt, erstickt oder zerquetscht worden. Junge Menschen haben ihre Freunde sterben sehen, Eltern haben ihre Kinder verloren, Kinder ihre Eltern. Weil aus einer Spaßparade ein Unglück wurde, von dem nun niemand je sagen können wird, wer genau Schuld daran hatte – und ob überhaupt.

Mit Blick auf die Verjährungsfrist für den Tatvorwurf der fahrlässigen Tötung, die im Juli eingetreten wäre, hatte die Staatsanwaltschaft am Duisburger Landgericht Anfang April gefordert, das Verfahren einzustellen. Das ist nachvollziehbar: Durch die Corona-Pandemie konnte wochenlang nicht weiter verhandelt werden. Es wären wichtige Wochen gewesen. Es hätte um ein Gutachten eines Verkehrs- und Großveranstaltungsexperten gehen sollen, 3800 Seiten lang und so komplex, dass es ohne mündliche Verhandlung praktisch unbrauchbar ist. Zwar liegt es den Verfahrensbeteiligten schon seit Dezember 2018 schriftlich vor, unabdinglich aber sind die Schwerpunkte, die der Gutachter vor Gericht selbst gesetzt hätte, sowie die Fragen, die die Nebenkläger dazu hätten stellen können.

Welche Risiken waren wem schon bei der Planung der Loveparade bekannt? Welche ist man wissentlich eingegangen? Wer hat was gewusst, oder nicht genau geprüft, oder billigend in Kauf genommen? Dass all diese Fragen – zumindest juristisch – für immer unbeantwortet bleiben, ist für Opfer und Angehörige so schmerzlich wie eine offene Wunde, die niemals heilen kann.

Es ging den Beteiligten viel mehr um diese Aufklärung als um eine Verurteilung, das betonte auch Jürgen Widera, Vorstand der Stiftung Duisburg 24.7.2010, immer wieder. Besonders bitter erscheint das nun für endgültig erklärte offene Ende vor dem Hintergrund, dass die Kammer es noch Anfang April als “wahrscheinlich” bezeichnet hatte, dass den Angeklagten “die ihnen vorgeworfene Tat nachgewiesen werden könnte”, wenn die Hauptverhandlung ohne zeitliche Beschränkung fortgesetzt werden könnte.

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Kein Urteil im Loveparade-Prozess – moralisch schwer vermittelbar

Hätte man nicht einen Weg finden können, finden müssen, trotz Pandemie weiterzuverhandeln? Auch andere Prozesse sind – unter strengen Auflagen – fortgeführt worden. Die Justiz in Deutschland stand nicht still. Bei einem der aufwendigsten Strafverfahren der Nachkriegsgeschichte ist es nicht nur juristisch äußerst unbefriedigend, dieses Kapitel nach 184 Verhandlungstagen ohne Urteil schließen zu müssen. Es ist vor allem auch moralisch schwer vermittelbar.

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Die Gedenkstelle für die Opfer der Loveparade. An dieser schmalen Treppe quetschten sich die Menschen entlang, schätzungsweise bis zu sieben auf nur einem Quadratmeter. Die meisten der Opfer starben an dieser Stelle. © Quelle: Fabian Strauch/dpa

Siebeneinhalb Jahre hatten Geschädigte und Angehörige auf den Prozess warten müssen. Die Ermittlungen waren aufwendig, die erste Version der Anklage wurde damals abgewiesen. Weder der damalige Oberbürgermeister von Duisburg, Adolf Sauerland, noch der Chef der Veranstaltungsfirma, McFit-Gründer Rainer Schaller, wurden juristisch zur Verantwortung gezogen. Als von Dezember 2017 an dann zehn Mitarbeiter der Stadt Duisburg und des Veranstalters Lopavent vor Gericht standen, wurde die Hoffnung, die Verantwortlichen auch konkret zur Verantwortung ziehen zu können, bald enttäuscht.

Die Verfahren gegen sieben von zehn Angeklagten wurden bereits im Februar 2019 wegen vermutlich geringer Schuld ohne Auflagen eingestellt. Gegen die anderen drei stand damals schon eine Einstellung gegen Geldauflagen zur Debatte. Dass ein Angeklagter das ablehnte mit der Begründung, er wolle nicht auf sein Recht auf Freispruch verzichten, musste auf Hinterbliebene wirken wie Hohn.

Der Schmerz der Angehörigen hört niemals auf

Der Nebenklageanwalt Julius Reiter kritisierte die Einstellung der Verfahren. Die Geschädigten und die Angehörigen seien “maßlos enttäuscht”. Er will darauf drängen, “dass eine weitere Untersuchung oder jedenfalls Befragung des Gutachters im Landtag des Landes Nordrhein-Westfalen stattfinden kann”. Ein schwacher Trost für all jene, die tiefes Vertrauen in den Rechtsstaat haben oder vielmehr: hatten. Dass es für den Verlust eines Menschen keine Genugtuung geben kann, ist den meisten wohl klar. Dass das Trauma der Massenpanik von Duisburg sie so oder so ein Leben lang begleiten wird, wissen die Betroffenen auch. Für viele bleibt die Supermarktschlange Auslöser für Panikattacken.

Trotzdem hätten Antworten geholfen, Ruhe gegeben. Linderung. “Liebe hört niemals auf”, steht in sieben Sprachen auf der rostroten Gedenktafel an jener Treppe, wo die meisten Menschen im Gedränge starben. Die Liebe hört niemals auf – das Gleiche gilt für den Schmerz.

RND

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