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Lockerungen, Neid, Rebellion: Wie werden die letzten Meter der Pandemie?

  • In der Corona-Pandemie zeigt sich ein Licht am Ende des Tunnels. Vorher könnte es aber noch einmal ungemütlich werden.
  • Im Sommer dürfte ein Großteil der Bevölkerung geimpft sein, der andere noch nicht. Die einen bekommen ihre Grundrechte zurück, die anderen müssen noch warten.
  • Halten wir das aus? Ein Gedankenspiel.
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Hannover. Beginnen wir diesen Text unterhalb der Gürtellinie. Der Moderator Jan Böhmermann verglich die aktuelle Phase der Corona-Pandemie kürzlich in seinem Podcast „Fest & Flauschig“ mit einer langen Autofahrt, bei der man ganz dringend zur Toilette müsse. Und am schlimmsten sei der Druck eigentlich am Ziel, wenn man bereits direkt vor seiner Haustür stehe.

Zuvor hatte Böhmermann mit seinem Kollegen Olli Schulz die fragwürdige Aktion #allesdichtmachen zahlreicher Schauspielerinnen und Schauspieler kritisiert. Ein Beispiel dafür, dass es selbst auf den letzten Metern noch mal gehörig krachen kann. Doch auch auf die nächsten Wochen lässt sich der Vergleich übertragen.

Es scheint so, als sähe man nach anderthalb Jahren Lockdown, selbst genähten Blümchenmasken, Einkaufswagenpflicht, stundenlangen Ministerpräsidentenkonferenzen, immer wieder zaghaften Lockerungsversuchen, völlig eskalierenden „Querdenker“-Demos und immer mehr abgedrifteten Prominenten tatsächlich so etwas wie das berühmte Licht am Ende des Tunnels.

Deutschland kommt mit dem Impfen inzwischen gut voran, die Inzidenzen sinken, Bundesländer verkünden erste Lockerungen für Geimpfte und Genesene sowie generelle Lockerungen für Einzelhandel, Gastronomie und Tourismus. Sollte uns jetzt keine besonders fiese Mutation einen Strich durch die Rechnung machen, haben wir es vielleicht wirklich bald geschafft. Die Vorfreude ist groß, all das macht Mut.

Doch der Schein könnte trügen. Denn vor dem greifbaren Ende dürfte es noch einmal ungemütlich werden.

Ab jetzt wird’s noch mal ungemütlich

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Das Land steuert nicht nur auf das vermeintliche Ende einer Pandemie zu, sondern auch auf eine Phase, die uns nervlich vor enorme Herausforderungen stellen wird. Denn das, was heute noch eher theoretisch als „Impfneid“ diskutiert wird, ist dann allgegenwärtig. In wenigen Wochen wird ein Großteil der Bevölkerung bereits geimpft sein, der andere aber noch nicht.

Wie lange diese Übergangsphase dauern wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Von der Verfügbarkeit des Impfstoffs etwa, von der Impfstoffvergabe durch Haus- und Betriebsärzte, aber auch von uns selbst. Vielleicht dauert diese unangenehme Phase nur ein paar Tage, vielleicht mehrere Wochen.

Die Phase könnte kommen, und man sollte sich zumindest seelisch darauf vorbereiten. Zudem könnte es auch gesund­heitlich noch einmal brenzlig werden, wie Beispiele aus anderen Ländern zeigen.

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Merkel sieht bei Corona „Licht am Ende des Tunnels“
0:59 min
Kanzlerin Angela Merkel hat sich erfreut über die Entspannung des Corona-Infektionsgeschehens im Land geäußert.  © dpa

Phase eins: Die Rebellion der Jungen?

Spielen wir das Szenario und seine Risiken einmal gedanklich durch: In einer ersten Phase, bundesweit schon ab dem Wochenende, werden die Grundrechtseinschränkungen für Geimpfte aufgehoben. Das sind zu diesem Zeitpunkt vor allem ältere Menschen, derzeit fast 30 Prozent der Bevölkerung, die einander künftig wieder treffen dürfen, für die keine Ausgangssperren mehr gelten, die keinen Corona-Test beim Friseur benötigen.

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Aus virologischer und rechtlicher Sicht ist der Schritt logisch, psychologisch ist er heikel: Denn gerade die Jungen, die nun anderthalb Jahre für Ältere und andere Risikogruppen zurückgestanden haben, stehen nun auch beim Impfen ganz hinten in der letzten Reihe. Im besten Fall werden sie in den kommenden Wochen nur etwas argwöhnisch auf die Älteren und deren zurückgewonnene Grundrechte blicken und einfach weiter abwarten, im schlimmsten Fall sehen wir eine Art Rebellion.

Anzeichen dafür hat es in den vergangenen Wochen häufiger gegeben. Medien zeigten im März und April Bilder sogenannter „Corona-Partys“, etwa in Hamburg oder Saarbrücken. Bilder, die weniger wie ein lustiges Zusammentreffen leichtsinniger Teenager aussahen, sondern wie eine Form des Protests. Ein symbolträchtiges Zeichen dafür, dass man nun aber wirklich keine Lust mehr auf den ganzen Mist hat.

Von Israel lernen

Möglicherweise sehen wir derartige Proteste in den kommenden Wochen häufiger, vielleicht aber auch nicht. Bleiben sie aus, könnte die Impfpriorisierung aber mindestens zu Leichtsinn führen: Da die Risikogruppen jetzt geschützt sind, muss man auch weniger Rücksicht nehmen, so womöglich der gefährliche Trugschluss. Das könnte zu steigenden Corona-Infektionen unter Jüngeren führen und im schlimmsten Fall zu schweren Verläufen und zahlreichen Fällen von Long Covid, die eine ganze Generation beschäftigen werden.

Ein derartiges Szenario hat sich bereits in Israel bemerkbar gemacht, einem Land, das beim Impfen bereits deutlicher weiter ist als Deutschland. Bereits im Februar war hier der Großteil der älteren Bevölkerung durchgeimpft, was sich umgehend in den Krankenhäusern bemerkbar machte: Plötzlich lagen auf den Intensivstationen vor allem ungeimpfte jüngere Menschen, zum Teil mit extrem schweren Verläufen.

Das Virus zirkulierte stärker denn je zuvor bei den Jüngeren. „Wir sind hier Zeugen von Tragödien, und es gibt nichts, was diese Verschiebung erklären kann, außer dem Impfstoff“, so eine israelische Ärztin im Februar gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Auf den Coronavirus-Stationen in allen Krankenhäusern seien ältere Patienten durch jüngere ersetzt worden. Oder um es mit den Worten des Klinikpersonals zu sagen: mit Menschen, „die gesagt haben: ‚Das wird nie passieren.‘“

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Drosten warnte schon im Februar

Auch der Virologe Christian Drosten hatte bereits Anfang des Jahres vor einem derartigen Szenario im „Spiegel“ gewarnt: „Wenn die alten Menschen und vielleicht auch ein Teil der Risikogruppen geimpft sein werden, wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden.“

Zugleich warnte er vor steigenden Fallzahlen unter Jüngeren: „Wenn sich ganz viele junge Menschen infizieren, dann sind die Intensivstationen trotzdem wieder voll und es gibt trotzdem viele Tote.“

Erste Anzeichen für diesen gesellschaftlichen Druck sind schon jetzt spürbar. Mehrere Bundesländer hatten am Dienstag Öffnungsschritte im Einzelhandel, in der Gastronomie und dem Tourismus angekündigt, sofern die Inzidenz in den Regionen unter 100 liegt (zum Vergleich: Es gab Zeiten, da lag die Schwelle für derartige Lockerungen noch bei Inzidenzen wie 50 oder gar 35). Diese Lockerungen gelten im Übrigen nicht nur für Geimpfte, sondern für alle. Das könnte brenzlig werden.

Phase zwei: Setzen sich Drängler durch?

Mindestens genauso ungemütlich könnte die Phase zwei der Impfstrategie werden. In wenigen Wochen, mutmaßlich ab Juni, könnte die Impfpriorisierung gänzlich fallen. Konkret würde das bedeuten: Ab dann werden nicht mehr nur Risikogruppen geimpft, sondern alle – oder überspitzt ausgedrückt: diejenigen, die sich am cleversten zum Impftermin drängeln.

Das könnte beispielsweise Arztpraxen vor massive Probleme stellen. Lokalmedien berichten schon heute von Ärztinnen und Ärzten, die, wie auch ihr Personal, von Patienten beschimpft werden, weil sie aktuell noch nicht jedem einen Impftermin anbieten können. Andere arbeiten mindestens bis an die Belastungsgrenze, von blockierten Telefonleitungen, einem „gewaltigen Ansturm“ und „totaler Überlastung“ ist die Rede. All das geschieht bereits jetzt Anfang Mai, man möchte sich kaum ausmalen, wie die Situation in den Praxen im Sommer aussehen wird.

Ebenso ist absehbar, dass ausgerechnet diejenigen als Erstes geimpft werden, die, wie so häufig, am lautesten schreien, die Dutzende Ärzte durchtelefonieren, ihre Kontakte spielen lassen und keine Hemmungen haben, für ihr eigenes Wohlergehen in die Vollen zu gehen. Wer sich das nicht traut und ganz regulär auf seinen Impftermin wartet, hat das Nachsehen und blickt auf weitere Wochen des Corona-Frusts.

Welche Rolle der soziale Status spielt

Auch auf anderen Ebenen ist das problematisch: Carline Mohr, Leiterin des Newsrooms der SPD, schnitt im aktuellen RND-Podcast Geyer & Niesmann etwa die Frage der sozialen Ungerechtigkeit an. Allein schon das Wissen, wo und wie überhaupt geimpft werde, sei ein Privileg, das nicht alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen hätten, so Mohr.

Als der Impfstoff Astrazeneca in Berlin für Hausarztpraxen freigegeben wurde, hatte Mohr im Freundes- und Bekanntenkreis beispielsweise gemerkt, wie schnell über Kontakte nach möglichen Impfterminen geforscht wurde. „Kennt ihr jemanden? Kennt ihr noch eine Hausärztin, einen Hausarzt?“, zitiert sie. Mohr selbst bezeichnet das als „gruselig“: Es gebe dann nämlich eine Bevorzugung von eher akademisch geprägten Blasen, „die diese Zugänge haben“.

Ob das tatsächlich zu einem Problem wird, dürfte auch von der Arbeit der Kommunen abhängen. In Köln beispielsweise wurde die Impfpriorisierung in dieser Woche angepasst. Hier hat der Stadtteil Chorweiler derzeit eine Inzidenz von 520. Hier wohnen vor allem finanziell eher schwach aufgestellte Familien in beengten Wohnblocks, während im direkten Nachbarstadtteil Fühlingen beschauliche Einfamilienhäuser stehen. Hier liegt die Inzidenz bei null.

Die Gefahr des Neides

Die Stadt reagierte mit einem mobilen Impfteam in dem Corona-Hotspot. Bürgerinnen und Bürger von Chorweiler konnten sich in den vergangenen Tagen ohne Bürokratie und ohne Anmeldung unkompliziert impfen lassen. Nur Bürgerinnen und Bürger aus Chorweiler, alle anderen wurden wieder nach Hause geschickt. Ein solches Modell könnte das Problem der sozialen Ungerechtigkeit entschärfen – wenn auch andere Kommunen das Problem nicht verschlafen.

In Köln-Chorweiler werden Menschen von mobilen Impfteams geimpft. © Quelle: imago images/Future Image

Es ist also wahrscheinlich, dass für einige Wochen ein Großteil der Bevölkerung neidisch auf einen anderen Teil schauen wird. Auch zwischen einzelnen Bundesländern kann es zu Unterschieden bei den Impferfolgen kommen.

Ein bislang wenig beachtetes Problem könnte dabei auch sein, dass nicht nur Geimpfte, sondern auch von Covid-19 Genesene ihre Grundrechte zurückerhalten. Man kann nur inständig hoffen, dass das nicht als Einladung verstanden wird, sich doch noch auf den letzten Metern mit Corona anzustecken – schließlich hätte man die Sache dann auch hinter sich. Ein ungewöhnliches Szenario angesichts der hohen Risiken, aber ganz auszuschließen ist auch das nicht.

Phase drei: Der Frust der Impfgegner

All diese Szenarien berücksichtigen natürlich, dass die Bevölkerung überhaupt impfwillig ist. Prognosen legen das zwar nahe – doch dass es einen beachtlichen Teil von Impfgegnern in diesem Land gibt, wurde nicht zuletzt durch die „Querdenker“-Bewegung deutlich.

Gut möglich, dass der gesellschaftliche Druck auch radikale Impfgegner zum Umdenken bringen wird. Gut möglich aber auch, dass sich die Bewegung der „Querdenker“ nun noch weiter radikalisiert. Spätestens dann, wenn ihre Unterstützer zu den Letzten gehören, denen bestimmte Grundrechte verwehrt werden.

Schon seit mehreren Monaten verbreiten Impfgegner in den sozialen Medien die haarsträubendsten Verschwörungs­theorien, selbst als noch nicht einmal ein Impfstoff in Aussicht stand. Heute erzählen sie sich über die Netzwerke vor allem Geschichten von möglichen Impfschäden oder verbreiten weiter den Mythos, durch den Impfstoff würden irgendwelche Mikrochips unter die Haut gepflanzt, was bereits zur Genüge widerlegt wurde. Dass die Antiimpfpropaganda in den Netzwerken nun noch einmal volle Fahrt aufnimmt, wäre nicht ungewöhnlich – und im schlimmsten Fall wird sie auch Impfwillige beeinflussen.

Möglich wäre auch, dass sich der Protest an anderer Stelle entladen wird. Wenn Impfgegnern und „Querdenkern“ der Zugang zu Veranstaltungen verwehrt bleibt, sind Eskalationen möglich, vergleichbar mit den zahlreichen Eskalationen von Maskenverweigerern in Bussen und Bahnen. Auch die Lage bei „Querdenker“-Demonstrationen könnte in den kommenden Wochen noch mal deutlich aggressiver werden. Hier war es bereits in den vergangenen Wochen immer wieder zu heftigen Übergriffen, etwa auf Pressevertreter, gekommen.

Option zwei: Ein versöhnliches Ende

Vielleicht tritt von alldem aber auch gar nichts ein. Vielleicht gelingt es unserer Gesellschaft auch, sich auf den letzten Metern der Pandemie noch einmal zusammenzureißen, sich selbst zurückzunehmen, abzuwarten, sich solidarisch zu zeigen, sich für Geimpfte zu freuen, statt neidisch auf sie herabzublicken. Diese Solidarität wie damals, ganz am Anfang der Pandemie, erinnern Sie sich?

Es wäre doch wirklich schön, wenn wir in ein paar Monaten auf diese Zeit zurückblickten und gemeinsam feststellten: Ja, das haben wir eigentlich ganz gut gemeistert.

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