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Liga der Pleitegeier: Chinas Fußball liegt sportlich und ökonomisch brach

  • Noch 2015 hatte Generalsekretär Xi Jinping das Großprojekt „Fußballmacht“ zur Chefsache erklärt.
  • Doch davon ist China weit entfernt, in der heimischen Liga gehen die Clubs inzwischen reihenweise pleite.
  • Auch für ausländische Stars ist die „Chinese Super League“ deutlich unattraktiver geworden.
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Shanghai. Nach dem überraschenden 4:0 liegen sich die in grün-weiß gekleideten Fans jubelnd in den Armen. Im „Haxnbauer“ in Shanghai, einem Wirtshaus mit Hirschgeweihdeko, Maßkrügen und Kellnerinnen in Dirndl, haben sich an diesem Samstagabend Dutzende Fußballenthusiasten zum „Public Viewing“ getroffen. Doch auf der Leinwand läuft keineswegs die heimische „Chinese Super League“ (CSL), sondern Ballsport aus dem Westen: Borussia Mönchengladbach gegen Eintracht Frankfurt.

Auch der 21-jährige Lu kann sich ausschließlich für die deutsche Bundesliga und die spanische „La Liga“ begeistern. Chinesischer Fußball sei eben alles andere als cool, sagt der hagere Wirtschaftsstudent mit der randlosen Brille: „Die Mädchen stehen eher auf die groß gewachsenen Basketballer, chinesische Fußballer sind nicht so beliebt. Und auch meine Verwandten können nicht so recht verstehen, dass man über eine Stunde lang ein Fußballspiel schaut, bei dem oftmals kein einziges Tor fällt.“

Beim Public Viewing läuft Bundesliga statt Chinese Super League. © Quelle: Fabian Kretschmer
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Traum von der großen Fußballnation ist ausgeträumt

Wenn am Dienstag die neue Saison der CSL beginnt, hält sich die Euphorie merklich in Grenzen. Der heimische Ballsport liegt wirtschaftlich und sportlich brach, der Traum von der großen Fußballnation ist längst ausgeträumt. Wie zum Sinnbild für den tragischen Status Quo muss die CSL ohne den letztjährigen Champion auskommen: Der Jiangsu FC aus Nanjing wurde aufgelöst, nachdem sich der Sponsor zurückgezogen hat. Rund ein Dutzend weiterer Vereine aus den oberen drei Ligen sind in der letzten Saison ebenfalls pleite gegangen – immerhin weniger als noch 2019.

„Keiner von denen macht Geld. Das rächt sich natürlich irgendwann“, sagt ein deutscher Sportfunktionär, der in China einen Jugendverein leitet. Sportlich kickten die Chinesen unter ferner liefen, weit abgeschlagen hinter den benachbarten Fußballligen in Südkorea und Japan. „Dabei hast du unter den Zwölfjährigen genauso viele Talente in China wie etwa auch in Deutschland“, sagt der Sportfunktionär, der anonym bleiben will. Dann jedoch setze der akademische Druck ein: Im hochkompetitiven Bildungssystem erlauben nur die wenigsten Eltern ihren Sprösslingen, eine Fußballerlaufbahn zu verfolgen.

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Dabei hatte Generalsekretär Xi Jinping, selbst ein leidenschaftlicher Fan des runden Leders, noch 2015 das Großprojekt „Fußballmacht“ zur Chefsache erklärt. Bis spätestens 2050 werde man innerhalb der Weltspitze mitmischen können, hieß es. Doch nun, sechs Jahre später, ist das Reich der Mitte von jener Vision weiter entfernt denn je.

Zwar haben Dutzende Unternehmen, vorwiegend aus der Immobilienbranche, mit stolzen Geldsummen Vereine aufgekauft. Doch dabei hatten die meisten von ihnen weder eine langfristige Strategie noch Ahnung von Sportmanagement. Stattdessen ging es vor allem darum, den politisch verordneten Willen durch vorauseilenden Gehorsam zu erfüllen. Der Eintritt in die chinesische Fußballliga, so lautete das Kalkül, würde Gefälligkeiten und Netzwerke unter den führenden Parteikadern erkaufen.

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Gehaltsobergrenze für ausländische Fußballer

Dutzende „Fußball-Expats“ aus Südamerika und Europa wurden jedoch durch die absurd hohen Löhne angelockt, die Brasilianer Hulk und Oscar zählten zu den prominentesten von ihnen. Doch eine mittlerweile vom Staat herausgegebene Gehaltsobergrenze für ausländische Spieler von maximal 3 Millionen Euro pro Jahr hat die internationale Anziehungskraft der CSL deutlich verblassen lassen.

Doch zumindest vorübergehend kreierte die Investitionswut der Chinesen einen regelrechten Hype. Dutzende ausländische Vereine – vom FC Bayern bis zu Manchester United – haben sich mit Bürozweigstellen in der Volksrepublik niedergelassen. Man möchte Merchandise verkaufen, durch Jugendarbeit Einnahmen kreieren und irgendwann einmal einen chinesischen Spieler heranzüchten.

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In der Branche spricht man vom sogenannten Yao-Ming-Effekt: Als der 2,29 Meter große Basketballspieler Yao Ming Ende der 90er-Jahre in die NBA wechselte, sorgte dies für eine Goldgräberstimmung sondergleichen: Die Fernsehrechte schossen in die Höhe, Trikotverkäufe gingen durch die Decke und die Jugend begeisterte sich plötzlich für Basketball. China ist immerhin ein Markt von 1,4 Milliarden potenziellen Konsumenten.

Als es beim Fußball verheißungsvoll aussah, wurde Peter Stebbings 2017 nach China entsandt. Der einzige akkreditierte Sportjournalist berichtet für die Nachrichtenagentur AFP über den Fußballsport in der Volksrepublik. Im 26. Stock einer Anwaltskanzlei zieht der Brite bei einem „After-Work-Event“ ein durchwachsenes Fazit: „Als ich vor vier Jahren hier ankam, dachten die Leute noch, die chinesische Liga sei eine Bedrohung für die Premier League. Mittlerweile frage ich mich manchmal: Worüber schreibe ich hier überhaupt noch?“

Frauennationalmannschaft als Hoffnungsschimmer

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Und dennoch, sagt Stebbings, solle man nicht zu kritisch mit den chinesischen Fußballambitionen ins Gericht gehen. Noch stünde es am Anfang, der Aufbau von nachhaltigen Strukturen brauche einen langen Atem. Frühestens in 20 Jahren werde man wohl nennenswerte Resultate erzielen können.

Bis dahin jedoch wird das Interesse der Jugend wohl weiter abflachen. „Für meine Eltern war das Schauen von chinesischen Fußballspielen noch ein willkommener Zeitvertreib nach einer anstrengenden Arbeitswoche“, sagt der 32-jährige Angestellte eines Pharmaunternehmens in Shanghai. Doch er selbst sei über die Europa- und Weltmeisterschaften zum Fußball gekommen, den Zustand der heimischen Liga hält er für hoffnungslos: „Es gibt ein gängiges Sprichwort: Fußball ist Fußball, aber chinesischer Fußball ist etwas ganz anderes“, sagt er.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es jedoch sehr wohl: Die Frauennationalmannschaft hat sich jüngst nach einer vielversprechenden Leistung auf dem Platz für die Olympischen Sommerspiele in Tokio qualifiziert.

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