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Leihmutterschaft boomt in der Ukraine: Was passiert im Krieg mit den Frauen und Babys?

Schon durch die Corona-Pandemie gab es in der Ukraine Probleme mit der Übergabe von Babys von Leihmüttern: Hier warten im Juni 2020 in einem Hotel am Stadtrand von Kiew Dutzende Leihmutterbabys wegen der geschlossenen Grenzen auf die Abholung durch ihre ausländischen biologischen Eltern.

In der Ukraine boomen Leihmutterschaften – weil sie dort nicht nur legal sind, sondern auch die Feststellung der rechtlichen Elternschaft der Wunscheltern unkompliziert abläuft. Es ist weltweit eines der wenigen Länder, in denen das so ist. Kein Wunder, dass es dort einige Agenturen für Leih­mutterschaften gibt, so wie das Unternehmen Delivering Dreams von Susan Kersch-Kibler, die 25 Jahre in Kiew lebte. Heute führt sie die Geschäfte aus New Jersey in den USA, ist aber auch noch regelmäßig vor Ort. Den Traum vom Baby können sich die Wunscheltern dort ab 44.000 Euro ermöglichen - gezahlt wird in den verschiedenen Schwangerschaftsstadien, das meiste zur Geburt. Die Leihmütter bekommen 19.000 Euro davon.

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Susan Kersch-Kibler gründete die Leih­mutteragentur Delivering Dreams in der Ukraine.

Susan Kersch-Kibler gründete die Leih­mutteragentur Delivering Dreams in der Ukraine.

Nun, wo Krieg in der Ukraine herrscht, bangt auch Kersch-Kibler um ihre Leihmütter und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Mit insgesamt 28 Leihmüttern arbeitet sie in der Ukraine zusammen, 14 seien derzeit schwanger, wie sie dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) erzählt. Zudem hat sie zwölf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in dem Land, das gerade von Russland angriffen wird.

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Kurz vor dem Gespräch erfährt sie, dass eine der Leihmütter zwei Wochen zu früh in den Wehen liegt. Kersch-Kibler plant, kurzerhand nach Polen zu fliegen, wo auch die Wunscheltern hinkommen wollen, und mit ihnen in die Ukraine zu reisen und bei oder nach der Geburt des Babys dabei zu sein. Obwohl Kersch-Kibler alles tut, um ihren Leihmüttern und Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu helfen und täglich mit ihnen in Kontakt steht, fühle sie sich oft hilflos, sagt sie mit gebrochener Stimme, den Tränen nahe.

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Frau Kersch-Kibler, wo ist denn die Leihmutter, die gerade in den Wehen liegt, überhaupt?

Susan Kersch-Kibler: Sie ist in Lwiw. Ich versuche jetzt schnell meine Flüge zu organisieren, sodass ich früher dorthin kann als eigentlich geplant. Ich werde es vermutlich nicht rechtzeitig zur Geburt schaffen, aber ich versuche es.

Fliegen Sie immer in die Ukraine, wenn ein Baby einer Ihrer Leihmütter auf die Welt kommt?

Nein. Aber es sind außergewöhnliche Umstände.

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Wie wird das in Kriegszeiten funktionieren mit der Übergabe des Kindes an die Wunscheltern?

Die meisten Eltern planen gerade, nach Polen zu kommen und dort zu warten bis kurz vor der Geburt. Dann wollen sie die Grenze überqueren. Die meisten Eltern wollen dabei sein, wenn das Kind geboren wird. Man kann es natürlich nicht immer genau vorhersagen, aber wir sagen ihnen, wann der vorhergesagte Geburtstermin ist und wann sie am besten kommen sollten. Die Dokumentation nach der Geburt mit den Botschaften klappt fantastisch. Theoretisch, nur mit Blick auf die Dokumente, könnte man das Kind noch am selben Tag aus der Ukraine mitnehmen. Aber es wäre nicht gesund und im Interesse von keinem, mit einem Neugeborenes direkt auf Reisen zu gehen. Wir warten vermutlich ein paar Tage und überqueren die Grenze dann mit dem Baby wieder.

Ist es nicht zu gefährlich für Sie und auch die Wunscheltern, jetzt in die Ukraine zu reisen?

Es kommt darauf an, was man als zu gefährlich bezeichnet. Das Land ist im Krieg. Zurzeit gibt es keine Angriffe im Westen. Wir haben auch noch zwei Mitarbeiter in Kiew, aber der Rest unseres Team ist im Westen, größtenteils in Lwiw.

Was ist mit Ihren anderen Leihmüttern, wo sind die gerade?

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Wir haben alle schwangeren Leihmütter nach Lwiw gebracht, schon Wochen vor dem Krieg. Sie wollten das nicht, weil sie nicht das Gefühl hatten, in Gefahr zu sein, und nicht dachten, dass irgendwas passiert.

Aber Sie haben es schon geahnt?

Ja. Die Wunscheltern waren wegen der Nachrichten sehr besorgt. Also dachten wir, es sei in jedermanns Interesse, die Leihmütter in Lwiw zu haben, nur für den schlimmsten Fall. Aber auch schon vorher, im November und Dezember, haben wir sichergestellt, dass alle Unterlagen unserer Leihmütter in der Klinik in Lwiw waren. Für den Fall, dass etwas passiert. Sie sind jetzt alle da und aktuell sicher. Wir hatten Glück. Weil wir sie schon so früh dorthin gebracht haben, im Januar schon, konnten wir gute Apartments für sie mieten. Jetzt ist dort alles überfüllt, weil alle in den Westen eilen.

Aber das Land werden die Leihmütter nicht verlassen?

Nein. Sie wollen die Ukraine nicht verlassen. Ihre Familien und ihr Zuhause sind dort. Männer im kampffähigen Alter dürfen das Land nicht verlassen. Und die Frauen wollen ihre Ehemänner nicht zurücklassen. Es gibt einen weiteren Grund, der mit den Wunscheltern zusammenhängt, warum wir sie nicht aus der Ukraine bringen wollen: Wenn die Leihmütter das Kind in einem der Nachbarländer auf die Welt bringen, hätten die Wunscheltern keine Rechte an dem Kind. Die Leihmutter wäre dann auch rechtlich die Mutter. Wenn sie es aber in der Ukraine gebären, können die Wunscheltern als Eltern auf der Geburtsurkunde stehen, ohne die Erwähnung der Leihmutter oder des Samenspenders, falls einer involviert war. In Ländern wie Polen oder Ungarn ist Leih­mutterschaft komplett illegal.

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Wie viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben Sie, und wie geht es denen aktuell?

Wir haben zwölf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Sie sind totale Helden. Viele Menschen in der Ukraine sind geflüchtet, und viele Unternehmen haben ihre Mitarbeiter im Stich gelassen. Aber sie bleiben und sammeln Dokumente ein und haben einfach Wunder vollbracht. Sie haben Sachen aus Kiew rausgebracht, sie helfen unseren Klienten, kümmern sich darum, dass es den Leihmüttern gut geht und sie ruhig bleiben.

Sie können also trotz des Kriegs noch arbeiten?

Es ist sehr stressig. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Kiew verbringen viel Zeit im Luftschutz­bunker. Es ist unfassbar, was sie trotzdem noch an Arbeit machen. Also ja: Sie arbeiten noch. Es gibt Tage, an denen sie sehr aufgebracht sind. Einer unserer Mitarbeiter hat gerade einen engen Freund im Kampf verloren. Es gibt niemanden von meinem Team und auch von den Leihmüttern, der nicht irgendwen in seinem Umfeld durch den Krieg verloren hat. Es ist absolut schrecklich. Aber viele Leute in der Ukraine wollen trotzdem nicht flüchten, weil sie stolz sind, Ukrainer zu sein, und für ihr Land kämpfen wollen. Auch die Geflüchteten, die das Land verlassen, weil sie kein Zuhause mehr haben, werden wiederkommen.

Sie können aber weiterhin Kontakt mit Ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen haben?

Ja, wir haben ein komplettes Verbindungs­prozedere eingerichtet. Zum Glück wurde die Kommunikation bisher nicht unterbrochen. Aber wir haben auch Satellitentelefone, falls das Internet abgeschaltet wird. Wir haben das schon vor Monaten organisiert – in der Hoffnung, dass wir es nicht brauchen werden.

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Wie können Sie denn am besten in dieser Situation aus den USA helfen?

Das meiste ist Kommunikation. Gerade helfe ich zum Beispiel den Eltern des Kindes, dessen Leihmutter gerade in den Wehen liegt, in die Ukraine zu kommen. Es geht auch viel ums Beruhigen. Wenn Menschen ein Kind per Leih­mutterschaft bekommen, ist das nicht ihre erste Wahl. Diese Leute haben In-vitro-Fertilisation probiert, teilweise Adoption, sie haben alles versucht und konnten keine Kinder bekommen. Das ist ihre letzte Lösung. Zu sehen, dass eine Frau ihr Kind in einer Gefahren­situation austrägt, ist schrecklich für sie. Also versuchen wir, so viel wie möglich mit ihnen zu kommunizieren, sodass sie verstehen, dass ihre Leihmutter in Sicherheit ist. Wir machen Zoom-Calls, bei denen sie mit einem Übersetzer mit der Leihmutter sprechen können, und schicken Bilder.

Wie geht es den Leihmüttern denn aktuell?

Es ändert sich jeden Tag. Vor ein paar Tagen war die Panik groß, alle waren extrem besorgt. Heute habe ich das Gefühl, dass alle etwas ruhiger sind. Zum Teil hat das damit zu tun, dass sie Nachrichten von ihren Familien bekommen haben. Nur zwei der Leihmütter haben ihre Familien mit nach Lwiw genommen. Bei allen anderen sind die Familien noch zu Hause und teilweise in unsicheren Regionen. Wir haben angeboten, sie alle nach Lwiw zu bringen. Aber sie dachten zu dem Zeitpunkt, dass es nicht nötig ist, oder wollten ihr Zuhause nicht zurücklassen. Wir haben dann auch versucht, unsere nicht schwangeren Leihmütter herzubringen, die noch im Prozess des Embryotransfers sind. Aber dann kam der Krieg so plötzlich, dass wir nicht mehr in der Lage waren, sie alle in den Westen zu bringen.

Läuft der Prozess des Embryotransfers bei ihnen noch?

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Nein, wir haben alles für einen Monat unterbrochen, weil wir nicht wissen, was passiert. Sie sind alle in ärztlicher Behandlung, um sicherzustellen, dass sie gesund bleiben. Die Gesundheit der Leihmütter ist das Wichtigste.

Wo kommen denn die meisten Ihrer Klienten her?

Die Eltern, bei denen die Kinder als Nächstes erwartet werden, kommen aus den USA und Kanada. Wir hatten aber auch eine deutsche Familie, die ihr Baby kurz vor Beginn des Krieges geholt hat. Wir haben Kunden von überall in der Welt.

Gerade sind aber keine Wunscheltern in der Ukraine?

Jetzt gerade nicht. Aber die Eltern, bei der die Leihmutter jetzt in den Wehen liegt, buchen jetzt Flüge.

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Haben die keine Angst, in ein Kriegsgebiet zu reisen?

Gerade haben sie so viel Adrenalin, weil ihnen erzählt wurde, dass ihr Baby auf die Welt kommt, da denken sie nicht an Angst, sondern nur daran, was sie jetzt machen müssen. Sie haben keine Zeit nachzudenken. Ich bin sicher, wenn sie auf dem Rückflug sind, wird das alles kommen.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Und wie ist es mit Ihnen: Haben Sie keine Angst?

Ich habe keine Angst. Aber alle um mich herum haben Angst. Meine Familie, meine Eltern sind entsetzt. Ich mache mir Sorgen, dass sie meinetwegen einen Herzinfarkt bekommen. Ich werde jede mögliche Vorsichtsmaßnahme treffen. Ich werde vermutlich weniger Zeit in der Ukraine verbringen, als ich es will. Aus Respekt vor meiner Familie. Aber es bringt mich zur Verzweiflung, dass ich nicht bei den Menschen sein kann, die ich liebe, und es gibt mir das Gefühl, jemand zu sein, der davonläuft. Es fühlt sich an, als wenn ich nicht genug tun kann.

Wie geht es Ihnen persönlich mit dem Krieg? Sie haben selbst 25 Jahre in Kiew gelebt.

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Mein Herz ist gebrochen. Wenn ich darüber nachdenke, muss ich weinen, und bin nicht in der Lage, damit umzugehen. Ich kann nur an die Menschen denken, für die ich sorgen muss, meine Leihmütter, meine Paare, meine Mitarbeiter. Das braucht viel Unterstützung, und ich fühle mich hoffnungslos inkompetent, was die Hilfe betrifft, die ich ihnen geben kann. Es gibt Zeiten, in denen sie mich einfach nur anrufen und schreien wollen. Darüber, wie aufgebracht und verletzt sie sind. Sie fühlen sich sehr alleingelassen vom Westen, dass nicht genug geholfen wird, dass ihre Kinder erschossen werden und die Städte zerbombt. Sie sind so verzweifelt. Es bricht mein Herz. Sie sind sauer, traurig, manchmal können sie nicht mal sprechen. Ich versuche, für sie da zu sein auf jede Art, die ich kann, weil sie alles für mich bedeuten. Sie sind wirklich Helden. Wir hatten so was hier in den USA nie. Wir haben nicht diese Angst, dass eine Bombe morgen unsere Familie umbringen könnte. Mit dieser Angst leben die Menschen in der Ukraine, und ich lebe mit ihnen in dieser Angst. Mein Sohn wurde in Charkiw geboren. Charkiw existiert kaum noch.

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