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Mordfall von 1979: Tatverdächtiger war „Beschuldigter Nummer eins″

  • 40 Jahre nach dem Mord an einer 15-jährigen Aschaffenburgerin steht ein Bekannter aus ihrer Nachbarschaft vor Gericht.
  • Hätte er früher überführt werden können?
  • Der Durchbruch bei den Ermittlungen gelang der Polizei erst im Sommer 2019.
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Aschaffenburg. Es ist ein einzigartiger Fall, den das Landgericht Aschaffenburg nun verhandelt. Und eine Geschichte, die die Menschen vor Ort heute beinahe genauso bewegt wie vor 40 Jahren, als es passierte: Ein 15 Jahre altes Mädchen wird kurz vor Weihnachten tot im Schlosspark am Main gefunden, erwürgt und entkleidet. Fieberhaft wird nach ihrem Mörder gesucht, nach einem Motiv, einer Erklärung, was am Abend des 18. Dezember 1979 geschah. Vier Jahrzehnte lang gab es keine heiße Spur – hieß es. Bis die „Ermittlungskommission Altfälle“ der Kripo Aschaffenburg ihre Arbeit aufnahm und einen Mann vor Gericht bringt, der damals schon im Visier der Ermittler war.

Im Sommer 2019 kommt dann erst der Durchbruch: Ein 56-jähriger Aschaffenburger wird festgenommen, dringend tatverdächtig, Christiane J. vor 40 Jahren ermordet zu haben. Auf den Mann, der damals in der Nachbarschaft des Mädchens lebte, soll sie am Tatabend nach ihrem Stenografiekurs getroffen sein – ob zufällig oder absichtlich, ist unklar. Zusammen sollen sie in den nahe gelegenen Schlosspark gegangen sein, er soll sie dort in ein Gebüsch gezerrt und ausgezogen haben. Über eine Vergewaltigung steht nichts in der aktuellen Anklage, wohl aber ein wichtiges Detail: Der Täter habe Christiane J. in die rechte Brust gebissen, sie dann erwürgt und ihre Leiche in Richtung Mainufer über die Brüstung 15 Meter in die Tiefe gestürzt. Dort habe er mit einem Holzstück auf das schon tote Opfer eingeschlagen, um sicherzugehen. Am Morgen fand ein Parkwärter die Leiche, ohne Hose und Unterhose.

Tatverdächtiger könne sich nur an wenig erinnern

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Der heute 57 Jahre alte, dringend Tatverdächtige Norbert B. bestreitet all das; er könne sich nur wenig an den Tag im Dezember 1979 erinnern, sagte er am Mittwoch vor Gericht aus, während die Geschwister der Ermordeten ihm gegenübersaßen. Sie sind Nebenkläger in dem Verfahren. Wie viele Jungen aus der Nachbarschaft habe auch er der 15-Jährigen „Zettelchen geschrieben“, die sie aber weder ihm noch anderen Jungs beantwortet habe. Dass er das Mädchen am Tatabend begleitet habe, wie er 1979 bei der Polizei ausgesagt hatte, widerrief Norbert B.. Er habe sich damals als Teenager bloß vor seiner Clique profilieren wollen.

Warum aber geriet Norbert B. erst jetzt unter dringenden Tatverdacht? Wieso konnte er erst jetzt, vier ganze Jahrzehnte später, verhaftet und angeklagt werden? Fakt ist: Der Mann war schon damals „Beschuldigter Nummer eins“, so sagt es ein Polizist als Zeuge aus, der Teil des Teams ist, das alte Kriminalfälle neu untersucht. Er erklärt in seiner vierstündigen Vernehmung und einer 200-seitigen Präsentation, wie die Ermittlungen liefen, damals und heute. Und erklärt: Ein Aktenvermerk habe damals dazu geführt, dass Norbert B. aus dem durchaus großen Kreis der verdächtigen jungen Männer ausgeschlossen wurde. Ein Polizist will ihn nämlich noch kurz vor Ende des Abendkurses der Ermordeten an einem anderen Ort der Stadt gesehen haben. Ob dies tatsächlich so war, wie schnell er hätte am Tatort sein können und warum der Vermerk erst drei Wochen nach der Tat hinzugefügt wurde – all das wurde nie geprüft. Die Spur erkaltete.

Verhandlung vor Jugendkammer - obwohl Täter 57 Jahre alt ist

Erst die Ermittlereinheit für Altfälle zogen Norbert B. wieder in Betracht und taten etwas Entscheidendes, was 1979 niemand tat: Sie ließen die Bissspur an der Leiche mit einem zahnmedizinischen Abdruck von Norbert B. abgleichen. Die technisch verbesserten Möglichkeiten hinzugenommen ergab sich das entscheidende Indiz, das Norbert B. nun überführen könnte. Eine zahnmedizinische Gutachterin soll kommende Woche dazu vernommen werden und Details klären.

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Nicht nur die Tatsache, dass ein Verdächtiger 40 Jahre nach einem Mord vor Gericht kommt, ist in diesem Fall außergewöhnlich, auch die Umstände sind es: Weil Norbert B. zur Tatzeit selbst erst 17 Jahre alt gewesen ist, wird vor der Jugendkammer verhandelt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Weder Medienvertreter noch Zuschauer dürfen im Gerichtssaal dabei sein. Ein Gerichtssprecher fasst in den Pausen den Inhalt zusammen. Zum Angeklagten selbst darf und will er nichts sagen, nur so viel: „Er spricht sehr ruhig.“ Ganz kurz ist der Angeklagte für alle zu sehen, als er am Morgen in den Saal geführt wird: Er trägt Jeans, eine schwarze Jacke, die Kapuze über den Kopf und eine rote Mappe vor dem Gesicht. Wer der Mann ist, wie er aussieht, lässt sich nur erahnen. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und soll ein unauffälliges Leben in Aschaffenburg geführt haben.

Bis zu zehn Jahre Haft möglich

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Was Norbert B. genau sagt, wo und wie er heute lebt, Angaben zu seinem persönlichen Werdegang – all das ist aufgrund der Minderjährigkeit zur Tatzeit auch heute per Gesetz geschützt. Die mögliche Höchststrafe beträgt zehn Jahre Haft. Inzwischen wird auf politischer Ebene diskutiert, ob Angeklagte, die zum Zeitpunkt der Verhandlung längst älter als 18 sind, noch nach Maßgabe des Jugendgerichtsgesetzes behandelt werden sollten. Der bayrische Justizminister Georg Eisenreich (CSU) will einen entsprechenden Vorstoß machen. Das könnte zumindest anderen „Cold Case“-Ermittlungen zugutekommen. Dass Fälle nach Jahrzehnten noch aufgeklärt werden können, ist der Weiterentwicklung der Kriminaltechnik zu verdanken – und dem Ehrgeiz der Ermittler.

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