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Köln? Düsseldorf? Mainz? Den besten Karneval feiern wir im Münsterland!

  • Karneval im Rheinland ist Ihnen zu laut, zu bunt, zu groß?
  • Unser Autor stellt Ihnen eine reizende Alternative vor.
  • In seiner Heimat, dem Münsterland, feiert man traditionell mit Trecker, Kuh und Blasorchester – und jeder Menge weiterer Eigenarten.
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Münster. Wir müssen über Karneval sprechen. Und ich sage es ganz deutlich: Vergessen Sie das Rheinland. Vergessen Sie Köln. Fahren Sie bloß nicht nach Düsseldorf. Und Mainz? Das ist doch sowieso nix Halbes und nix Ganzes.

Ich möchte Ihnen heute ein verlockendes Angebot machen. Ich möchte Ihnen eine Region vorstellen, in der die närrischen Karnevalstage noch mit Liebe zelebriert werden. Hier ist alles ein bisschen kleiner und feiner – aber hier dürfen auch Kuh und Pferd mitfeiern (sofern sie denn wollen).

Begleiten Sie mich auf eine närrische Reise in meine wundervolle Heimat. In eine wunderschöne, aber völlig verkannte Karnevals-Hochburg Deutschlands: das Münsterland.

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Mit dem Trecker zum Juka

Wir beginnen unsere Reise im 1500-Seelenort Brochterburg, dessen Namen ich aus Datenschutzgründen frei erfunden habe. Schon frühmorgens an Rosenmontag, wenn das Rheinland noch seinen Kamelle-Rausch ausschläft, beginnt für Landwirt Ludger Schulze-Buddelkotte (ebenfalls frei erfunden) die Arbeit. Voller Vorfreude schlüpft er in das arg verqualmte Greta-Thunberg-Kostüm, das ihm seine Frau Renate zum Glück am Vorabend noch mal gebügelt hat, zupft den Kragen zurecht und betrachtet sich zufrieden im Spiegel. Es kann losgehen.

Ja, die Rollen sind noch klar verteilt hier in Brochterburg – und das ist auch gut so. Der Garten der Schulze-Buddelkottes ist frisch gestutzt für die närrischen Gäste am Nachmittag, der Trecker voll mit Diesel betankt, und das Frühstück steht bereits auf dem Tisch. Renate Schulze-Buddelkottes penible Organisation ist auch bitter nötig, denn ihr Gatte hat gleich einen wichtigen Termin: Er wird mit seiner Maschine beim Juka erwartet – dort soll er den Karnevalswagen ziehen.

Der Juka (Abkürzung für Jugendkarneval) ist übrigens nicht frei erfunden – ihn gibt es im Münsterland tatsächlich. Er ist so etwas wie die konservative, etwas radikale Jugendorganisation des Karnevalsvereins. Seine Mitglieder sind meist ziemlich jung, sehen aber seit den letzten Landjugendpartys schon lange nicht mehr so aus. Ob Tilman Kuban jemals im Juka war? Wir werden es nie erfahren.

Gaby Köster in der Merzweckturnhalle

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Der Juka hat von Dorf zu Dorf verschiedene Funktionen. Hier in Brochterburg stört er vor allem die traditionellen Karnevalssitzungen mit seinem exorbitanten Alkoholkonsum und seinen kreativen Zwischenrufen. Nach jedem “dreifachen Helau” grölt der Juka noch einmal betrunken einen ganz eigenen Schlachtruf. Zum Beispiel: “Hopskedi Peng Peng”. Oder irgendein Tiergeräusch. Das ist so wunderbar progressiv, dass die alteingesessenen Karnevalisten dies nur mit einem Kopfschütteln würdigen.

Karnevalssitzungen wie diese gibt es in der närrischen Zeit im Münsterland sehr häufig. Das Highlight, auf das sich alle Karnevalisten jedoch das ganze Jahr vorbereiten, ist natürlich die Prinzenproklamation – die sogenannte PriPro. Hier wird den Gästen das neue, verpflichtend heterosexuelle Prinzenpaar präsentiert – natürlich eingebettet in ein buntes Rahmenprogramm. Der Spielmannszug marschiert mehrfach und sehr laut durch die Mehrzweckturnhalle am Hesselbach, das Brochterburger Blasorchester spielt noch mal die schönsten Lieder von vor dem Krieg – und das Publikum klatscht auf eins und drei.

Es folgen diverse Büttenreden und Sketche, die teilweise 1:1 von Gaby Köster kopiert sind – von Menschen, die eigentlich nicht für die Bühne gemacht sind. Und es ist einfach wunderschön.

Manchmal wird es auch politisch

Oftmals gibt es auch politische Reden. Im Münsterland hat man schließlich immer das große Ganze im Blick. Zum Beispiel den Skandal um den neuen Edeka-Markt, der auf den Brochterwiesen gebaut werden soll. Der bietet einfach wunderbares Material für eine sich nicht reimende Büttenrede, die mit einem dreifachen Helau abmoderiert wird. Und Hopskedi Peng Peng, natürlich.

Köstlich ist natürlich auch das kleine Battle, dass sich die Karnevalisten Jahr für Jahr mit ihrem Nachbardorf liefern. In Brochterburg macht man sich dann über die Hochnäsigkeit der Ochtendorfer lustig – die wiederum scherzen über die Fahrweise der Brochterburger. Dazwischen tanzt das Tanzmariechen. Stets etwas aus dem Takt, aber sie gibt sich wirklich Mühe.

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Und dann gibt es noch Auftritte von Menschen, die Namen wie Helmut Schulze-Bandeltrupp oder Hiltrud Schulze-Quallenbeck tragen (ja, hier heißt einfach jeder Schulze). Auf großer Bühne präsentieren sie die schönsten Wendler-Scherze, die selbst Oliver Pocher nicht lustig genug waren – aber auch sozialkritische Themen, wie etwa die Klimabewegung sowie die Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Nimm 2 statt Kamelle

Sie ahnen es schon: Gegen Büttenreden dieser Art ist ein Putzfrau-Sketch von Annegret Kramp-Karrenbauer beim Stockacher Narrengericht ein feministisches Manifest. Dennoch lachen und applaudieren wir im Münsterland euphorisch mit. Mit diesem ganzen Gender-Gaga haben wir hier sowieso nicht viel zu tun. Das kennt man hier gar nicht, zum Glück.

Nach der Prinzenproklamation folgen bis zum Rosenmontag noch diverse weitere Karnevalssitzungen, wobei das Programm meist unverändert bleibt. Im Karneval herrscht eben, wie auch sonst in der Provinz, Personalmangel.

Und am Rosenmontag ist dann das ganze Dorf auf den Beinen: Unzählige (also etwa fünf) Trecker mit Anhängern tuckern durch den Ort, statt Kamelle wirft man Nimm 2 – wegen der Vitamine.

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Besser als Schützenfest

Habe ich Sie auf den Geschmack gebracht? Natürlich habe ich das. Und ich weiß: Der Karneval im Münsterland ist nicht perfekt. Aber es ist alles, was wir haben. Also nach dem Schützenfest, dem Traktor-Pulling und der Kirmes. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mal vorbei kämen.

Ludger Schulze-Buddelkotte ist inzwischen an der Scheune des Juka angekommen. Das Brochterburger Jugendkomitee hat sich in diesem Jahr ein modernes Motto aus der Internetwelt für seinen Karnevalsparty ausgedacht: die Ice-Bucket-Challenge. Das ist ganz neu hier im Münsterland, dabei kippt man sich für einen guten Zweck Wasser über den Kopf.

Dann hängt Schulze-Buddelkotte den Wagen an. Er nickt den jungen Narren zufrieden zu. “Hopskedi Peng Peng” antworten diese. Und alle wissen, wie glücklich sie sind – hier in unserem Münsterland. Helau!

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