Kobe Bryant: Aus Neid wurde Bewunderung – ein Nachruf

  • RND-Mitarbeiter Sebastian Heintz über Basketballstar Kobe Bryant, der wie kaum ein Zweiter polarisiert hat.
  • „Auch ich konnte Bryant nicht leiden, er wurde für mich zur regelrechten Basketball-Hassfigur“, schreibt Heintz.
  • Doch irgendwann änderte sich sein Verhältnis zum ehemaligen Basketball-Superstar.
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Es war ein trüber Winterabend in New York. Der Wind peitschte, der Schneematsch vor dem Madison Square Garden war nur lieblos zur Seite gekehrt – irgendwie passend zu einer verkorksten Saison, in der sich die Knicks, das heimische Basketballteam, befanden. Trotzdem herrschte in der wohl berühmtesten Basketballarena der Welt eine besondere Atmosphäre. Kobe Bryant war in der Stadt! Auf den schlechten Plätzen weit oben, fast direkt unter dem Hallendach, da wo ich an dem Abend saß, war der Superstar der L.A. Lakers das beherrschende Thema: Wie viele Punkte wird Kobe den Knicks einschenken, rätselten wir. 40 wie wenige Tage zuvor gegen die Mavericks? Vielleicht sogar 50?

Es blieb das einzige Mal, dass ich Kobe Bryant live sah, begleitet hat er mich trotzdem fast mein ganzes Leben als Basketballfan. 1994 saß ich das erste Mal nachts vor dem Fernseher, verfolgte meine ersten NBA Finals. Zwei Jahre später kam Bryant in die Liga, damals als jüngster Spieler überhaupt. Und während „meine“ Knicks in den Niederungen der Liga verschwanden, begann sein raketenhafter Aufstieg. Gleich in seiner ersten Saison wurde er zum All-Star. Seine ersten drei Titel gewann er Anfang der 2000er, damals noch im Schatten von Lakers-Center Shaquille O’Neal.

Bryant wollte Fans „die Herzen ausreißen“

Vor der Finalserie 2001 gegen Philadelphia – die Stadt, in der er aufgewachsen und wo er zur Highschoollegende geworden war – tönte der damals 22-Jährige, er werde den Fans „die Herzen ausreißen“. Das kam nicht gut an, lange wurde der Superstar danach in seiner alten Heimat ausgebuht – eine Entschuldigung lehnte er auch Jahre später ab.

Auch ich konnte Bryant nicht leiden, er wurde für mich zur regelrechten Basketball-Hassfigur: Der Lakers-Star war von Ehrgeiz besessen, gnadenlos auf dem Court – und die Gegner ließ er seine Überlegenheit immer spüren. Sein Trainer Phil Jackson schrieb 2004 in einem Buch, dass Bryant extrem talentiert sei, aber auch einen „befremdlichen Mix aus Arroganz, Borniertheit und Unreife“ zeige.

Vor allem war Kobe Bryant aber ein Gewinner. Fünf NBA-Titel, wertvollster Spieler der Liga in 2008, 18-maliger All-Star, zweifacher Olympiasieger – es gibt kaum etwas, was er auf dem Basketballparkett nicht erreicht hat. Und auch gegen mein Team ging der Lakers-Star meist als Sieger vom Platz.

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In Bryants Karriere gab es auch Tiefpunkte

Doch in Bryants Karriere gab es auch Tiefpunkte. Da waren Vergewaltigungsvorwürfe und ein drohender Prozess, der 2004 nach einer außergerichtlichen Einigung eingestellt wurde – sympathischer machten ihn die Schlagzeilen nicht. Sportlich lief es ebenfalls nicht immer rund, Mitte der 2000er gelang es den Lakers jahrelang nicht, ein titelreifes Team um ihn herum aufzubauen. Bryant selbst überzeugte freilich fast immer, die Jagd nach persönlichen Rekorden schien für ihn in den Vordergrund zu rücken. Bryant, der Egoist.

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In diese Zeit fiel auch besagtes Spiel in New York, Anfang März 2005. Bryant erzielte an dem Abend 30 Punkte, doch die Knicks gewannen, nach Verlängerung. Siegestrunken verließ ich die Arena, eher begeistert vom Misserfolg des Superstars als vom Erfolg der eigenen Mannschaft.

Doch mit den Jahren änderte sich mein Blick auf Kobe Bryant, immer häufiger überwog die Begeisterung für das, was er auf dem Basketballparkett leistete. Aus Neid wurde Bewunderung der magischen Momente, die er der Sportwelt schenkte. Und auch der Mensch Kobe Bryant wurde für mich nahbarer: Er zeigte sich bei öffentlichen Auftritten mit seiner Familie, er wirkte dankbar für das, was er erreicht hatte, er verlor etwas von seiner Überheblichkeit.

Als sich Bryant im April 2013 bei einem Foul seines Gegners die Achillessehne riss, sich trotzdem noch einmal an die Freiwurflinie schleppte und beide Würfe versenkte, war das symptomatisch: Kobe Bryant, der Kämpfer. Einer, der niemals aufgibt. Noch einmal kämpfte sich Bryant anschließend nach monatelanger Reha zurück auf den Platz, längst angekommen im Herbst seiner Karriere. Die beendete er drei Jahre später hollywoodreif: 60 Punkte erzielte Bryant in seinem letzten Spiel, ein Auftritt wie zu alten Glanzzeiten – ich freute mich für ihn.

Am Sonntag ist Kobe Bryant bei einem Hubschrauberabsturz gestorben, zusammen mit seiner 13 Jahre alten Tochter Gianna. Es war ein trauriger Tag für die Sportwelt – auch für Fans wie mich, die sich lange schwer taten, Bryant zu mögen.