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Kissenschlacht und roter Tee: Der traurige Abschied von der Jugendherberge

  • Die deutsche Jugendherberge hat alles erlebt: Liebesdramen und Heimwehattacken, Peinlichkeiten und Poesie.
  • Für Millionen Pubertanten auf Klassenfahrt war sie der Abenteuerspielplatz ihrer Jugend. Nun steckt sie in einer tiefen Krise – auch wegen Corona.
  • Häuser müssen schließen, der Zauber verweht. Imre Grimm erinnert sich an die alte Stockbettenidylle.
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Es gibt diese Orte, deren Zauber sich nicht auf den ersten Blick entfaltet. Ein spärlich möbliertes Achtbettzimmer. Zerkratzte Holztüren. Mit schwarzem Edding bemalte Bettpfosten (“Sandra liebt Hakan”). Die Schränke riechen nach fünf Jahrzehnten Schmutzwäsche. Von den Tischtennisschlägern im Keller hängt der Gummibelag in Fetzen herab. Und die Wolldecken auf den Betten sehen aus, als sei erst kürzlich ein Eremit darin gestorben.

Allein schon das Wort: Jugendherberge. Niemand spricht so. Kein Mensch, der jung ist, sagt “Jugend”. Und “Herberge”? Klingt das nicht nach der biblischen Weihnachtsgeschichte? Nach feuchtem Stroh und schnaubenden Ochsen bei Lukas im zweiten Kapitel? “Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge …” Das Wort beschwört Bilder einer stabilen Küchenhilfefachkraft im weißen Kittel herauf, die Kannen voll jenem organzersetzenden Gebräu aus in Salpetersäure aufgelösten Erdbeer-Hubba-Bubbas auf den Tisch knallt, das unter dem verharmlosenden Namen “roter Tee” über seine wahre Zerstörungskraft hinwegtäuscht. Bis heute ist der Verdacht nicht ausgeräumt, dass jener “rote Tee” gar kein Tee war, sondern ein geheimes Zauberserum, das die Erinnerung an Fußpilz und Tröpfelduschen auslöschen sollte.

Diesem Ort wohnt ein Zauber inne

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Und doch wohnt diesem spartanischen Ort, der wie kein zweiter für frugale Mahle und durchgekachelte Gemeinschaftsduschen steht, ein Zauber inne. Das liegt nicht an der Erinnerung an maschinengeschnittenes Pappgraubrot und patinöse Mortadellascheiben, deren Ränder sich nach Stunden auf einer Altmetallplatte schwitzend hochwölben. Das liegt daran, dass es eine Jugendherberge war, in der Millionen deutsche Adoleszenten charakterprägende Abenteuer erlebten.

Die deutsche Jugendherberge war Liebeshöhle und Teilzeitcasino, sie war Eheanbahnungsinstitut und Zentralstelle für Weltverbesserung. Sie war Abenteuerspielplatz und Schutzraum vor den Zumutungen der Erwachsenenwelt. Kein Komfort? Scheißegal. “Man ist jung, solange man sich für das Schöne begeistern kann und nicht zulässt, dass es vom Nützlichen erdrückt wird”, hat der Dichter Jean Paul geschrieben. Da spielt es keine Rolle, dass der ganze Haufen Kinder nach einer Woche roch wie ein sauerstoffarmes Binnengewässer.

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Die Krise der Jugendherbergen ist älter als die Corona-Pandemie

Den Jugendherbergen geht es nicht gut. Wegen der Corona-Krise fallen tausende Klassenfahrten und Studienreisen aus. Julian Schmitz, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH), spricht von einer “existenzbedrohende Krise, wie sie der Verband in seiner bewegten Geschichte noch nie erlebt hat”. Gelinge des dem DJH nicht, die Politik davon zu überzeugen, “dass auch wir als gemeinnütziges Unternehmen dringend Unterstützung brauchen”, stehe hinter dem Fortbestand der Jugendherbergen in Deutschland “ein sehr großes Fragezeichen”. Sicher ist für Schmitz: “Aus eigener Kraft können wir es nicht schaffen.”

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Doch die Krise der Jugendherbergen ist älter als die Corona-Pandemie. Vor zwanzig Jahren gab es fast 650 Jugendherbergen in Deutschland. Heute sind es noch knapp 450. Fast zehntausend Betten gingen seither verloren. Viele Häuser haben sich längst verabschiedet vom alten Stockbettenklischee. Sie sind keine Orte der Entsagung mehr, sondern moderne, barrierefreie Gasthäuser mit kostenlosem WLAN und Zimmern mit Bad und WC, mit Bistro, Tagungssälen, Segelschule, Waldyoga, Grillhütte, Klettergarten, Baumhäusern und Bällebad. Aber die Konkurrenz durch günstige Hostels und stylishe Sparhotels wächst. Und die Vorurteile sitzen tief.

Es gibt jetzt auch Kamillentee!

Die Herbergen wehren sich fröhlich gegen die alten Klischees vom spartanischen Alltag unter der Knute eines herrischen Herbergselternpaares. Das Jugendherbergswerk wirbt im Internet keck für “Hagebuttentee 2.0”: Natürlich gebe es weiterhin auch Hagebuttentee in der Jugendherberge, heißt es auf einer imagefördernden Internetseite. “Aber wer Lust auf Kräutertee, verschiedenste Früchtemischungen oder Kamille hat, wird ebenfalls fündig.” Kamille! Na dann. Es geht voran.

Die Modernisierung war in vollem Gange. Jetzt aber fehlt das Geld dafür – auch deshalb, weil die Jugendherbergen wegen ihrer Zugehörigkeit zum Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe und den strengen Finanzierungsauflagen keine Krisenrücklagen bilden durften. Die Kassen sind leer, die meisten der 5000 Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Die Zukunft ist ungewiss: Blick in das Zimmer einer Jugendherberge in Osnabrück. © Quelle: Friso Gentsch/dpa
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Teilzeitanarchie im Schlafsaal

Viele Häuser werden das Jahr 2020 wohl nicht überleben. Im April lag die bundesweite Auslastung aller Jugendherbergen bei gerade einmal einem Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. In Mecklenburg-Vorpommern etwa werden ab November alle Jugendherbergen des Landes geschlossen. Die meisten sind höchstens zu 10 Prozent ausgelastet. Der Betrieb soll dann Ende März 2021 wieder aufgenommen werden – wenn überhaupt. In den anderen Bundesländern sind die meisten Herbergen noch immer geschlossen. Die Zukunft: ungewiss.

Keine Klassenfahrten also. Keine Teilzeitanarchie im nächtlichen Schlafsaal. Nicht nur für die Häuser, sondern auch für ihre potenziellen Gäste entsteht so ein massiver Schaden. Hunderttausenden Schülern bleibt damit ein wichtiger emotionaler Erlebniskokon des gemeinsamen Großwerdens verschlossen. “Wir sind felsenfest der Meinung, dass den Schulen ohne Jugendherbergen etwas verloren ginge”, sagte Knut Stolle vom DJH, der Deutschen Presse-Agentur. “Einige Aspekte des sozialen Lernens sind so kaum zu ersetzen.”

Wichtiger Stresstest für ein Leben außerhalb des “Hotels Mama”

Recht hat er. Und da spielt es keine Rolle, dass “soziales Lernen” manchmal nur ein hübscher pädagogischer Euphemismus für “Quatschmachen” ist. Schüler erleben ohne Klassenfahrten einen kolossalen Erfahrungsverlust. Denn nicht nur Tischdienst ist wichtig und morgendliches Bettenmachen, sondern eben auch gemeinsames Quatschmachen. “Erziehung ist organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend”, hat Mark Twain mal geschrieben. Wo ließe sich das Aufbegehren besser proben als auf Klassenfahrt?

Stresstest für ein Leben in Eigenverantwortung außerhalb des “Hotels Mama”: Schüler auf Klassenfahrt.
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Heranwachsende brauchen Experimentierräume. Sie müssen sich in Freiheit ausprobieren dürfen. Kaum ein Ort eignete sich dafür besser als die hundertfach gebohnerten Flure einer klassischen Jugendherberge. Es ist ein erster wichtiger Stresstest für ein Leben in Eigenverantwortung außerhalb des “Hotels Mama”, eine Lehrstunde in Selbstständigkeit. Das galt genau so für die rund 50 Herbergen und Wanderquartiere in der DDR. Klassenfahrten müssen sein – auch wenn viele Lehrer den Stress, die Verantwortung und durchdrehende Helikoptereltern scheuen.

111 Jahre alt ist diese Idee einer günstigen Jugendunterkunft, geboren aus dem Freiheitsdrang des Wandervogels und der Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die der kalten Industrialisierung und der preußischen Gemütsdiktatur eine romantisierende Rückkehr zur Natur entgegensetzten, eine eigene Idee vom freien, selbstbestimmten Leben mit “Affen”-Rucksack und Wandergitarre abseits des engen Korsetts der Erwachsenenwelt. “Bewahre dir in deiner Seele eine einladende Jugendherberge”, riet der Aphoristiker und Hochschullehrer Michael Marie Jung.

Mit Taschenlampe unter der Bettdecke

“A-Zerlatschen” am Waldrand und Stockbrot am Lagerfeuer: Ein Schild weist auf eine Jugendherberge hin. © Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dp

Eine Jugend ohne Herberge – es wäre ein herber Verlust. Wo sonst sollte man sich erstmals auf das dünne Eis der Liebe vortasten, angefeuert von den Kumpels und abschätzig gemustert von den Klassenbeautys? Hier lernten wir, dass man für Tischtennis-Rundlauf nicht mehr braucht als ein Frühstücksbrettchen. Hier saßen wir im Schein der Taschenlampe unter der Bettdecke, um mit klecksendem Füller holprige Liebeslyrik an Becky zu verfassen, die wir uns dann doch nicht zu übergeben trauten. Hier schlichen wir nachts liebestrunken kichernd in den Mädchentrakt, nur um dort – tja: stumm auf der Bettkante zu sitzen und nicht zu wissen, wie es jetzt weitergeht.

Und hier saßen wir abends am Feuer und erzählten von Abenteuern. Von einem Harung, jung und schlank, zwo, drei, vier, sss-tata, tirallala, der auf dem Meeresgrunde schwamm, und von den blauen Bergen. Und von Bolle, der reiste jüngst zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel, dort verlor er seinen Jüngsten ganz plötzlich im Gewühl. Ja, der Bolle. Nicht mal ’ne Butterstulle hat man ihm reserviert, dem armen Kerl. Und wir waren froh, dass wir das nasse Fichtenholz mit Birkenrinde doch noch irgendwie zum Brennen gekriegt hatten, während wir in der “Mundorgel” nach Liedern mit höchstens zwei Gitarrenakkorden blätterten.

Heimlich Skatspielen mit dem Mathelehrer

Kissenschlacht im Schlafsaal. Autoquartett nach dem Abendbrot. “A-Zerlatschen” am Waldrand. Stockbrot am Lagerfeuer. Und nachts heimlich Skatspielen mit dem Mathelehrer. Es sind Erinnerungen, die jedes Kind verdient. So wie wie bei uns vor langer Zeit. Damals, als Quirinius Statthalter in Syrien war.

RND



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