Ein Jahr #OutInChurch

Raus aus dem Schattendasein: „Habe nie gedacht, dass für mich kein Raum in der Kirche ist“

Der Theologiestudent Julius Kreiser hatte mit der Initiative #OutInChurch sein öffentliches Coming-out als bisexuell.

Der Theologiestudent Julius Kreiser hatte mit der Initiative #OutInChurch sein öffentliches Coming-out als bisexuell.

„Don‘t ask, don‘t tell.“ Das gilt seit einem Jahr für Julius Kreiser nicht mehr. Er kann jetzt befreiter über seine Bisexualität sprechen, sagt er. Vor genau einem Jahr hatte der 23-jährige Theologiestudent mit der Initiative #OutInChurch sein öffentliches Coming-out. 125 Mitarbeitende der katholischen Kirche outeten sich damals als queer und forderten das Ende der Diskriminierung von LGBTQI+-Menschen. Mittlerweile haben sich viele mehr der Initiative angeschlossen.

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„Meine Bisexualität war vorher ein Thema, über das ich kaum mit meinen Kommilitonen gesprochen habe“, sagt Kreiser, der an der Universität Tübingen studiert und gerade ein Auslandssemester in Wien macht. „Man weiß ja nicht, wer das dann erfährt“, erinnert sich Kreiser im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) an die Zeit zurück. Denn fürs Queersein konnte man schließlich bis vor Kurzem als Angestellte oder Angestellter der katholischen Kirche gekündigt werden, so besagte es das kirchliche Arbeitsrecht.

Julius Kreiser ist seit Anfang an bei der Initiative #OutInChurch dabei. Er will nach seinem Studium eine Ausbildung zum Pastoralreferenten machen.

Julius Kreiser ist seit Anfang an bei der Initiative #OutInChurch dabei. Er will nach seinem Studium eine Ausbildung zum Pastoralreferenten machen.

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Erster Erfolg von #OutInChurch: Eine neue Grundordnung

Mittlerweile gibt es eine neue Grundordnung in der katholischen Kirche in Deutschland. Die meisten Bistümer setzen sie bereits um – noch fehlende sollen schon bald folgen. Ein Erfolg, der zu großen Teilen auf #OutInChurch zurückgeht. „Da haben wir mit der Initiative großen Druck aufgebaut und die katholische Kirche reagiert wie so oft leider nur auf Druck“, sagt dazu Rainer Teuber, einer der Mitbegründer von #OutInChurch, der selbst in einer homosexuellen Ehe lebt. Er sei stolz darauf, dass die Grundordnung nun von den diskriminierenden Passagen befreit worden sei, sagt er dem RND. Doch es stünden noch weitere Forderungen aus, wie etwa das Erlauben von Segnungsfeiern für queere Menschen sowie eine Schuldanerkenntnis und Schuldaufarbeitung durch die Kirche.

Der homosexuelle Katholik Rainer Teuber ist Mitbegründer der Initiative #OutInChurch.

Der homosexuelle Katholik Rainer Teuber ist Mitbegründer der Initiative #OutInChurch.

Queere Menschen gab es natürlich auch schon vor #OutInChurch in der katholischen Kirche. Doch sichtbar waren sie oft nicht. Aus Angst, die Konsequenzen für ihre Art zu lieben zu spüren zu bekommen. Auch Student Kreiser hat sich vor dem öffentlichen Coming-out Gedanken gemacht: „Ich habe schon eine Zukunftsangst gespürt und hatte ein bisschen Sorgen.“ Er will nach dem Studium eine Ausbildung zum Pastoralreferenten machen, ist bereits im sogenannten Bewerberkreis. „Es ist natürlich etwas anderes, ob ich einer Vertrauensperson von meiner Bisexualität erzähle oder es vor allen öffentlich mache. Da macht man sich schon angreifbarer.“

Über einen Kirchenaustritt dachte der Student nie nach

Dennoch entschied der junge Mann mit den blonden, zurückgebundenen Haaren und dem Nasenpiercing sich dafür, den Schritt zu gehen. „Ich möchte nicht für eine Kirche arbeiten, für die meine Sexualität ein Problem ist“, sagt er. Ob er deshalb jemals übers Austreten nachgedacht habe? „Nein.“ Die Antwort kommt schnell.

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#OutInChurch: 125 Mitarbeitende der katholischen Kirche outen sich als queer

In einer beispiellosen Aktion haben sich 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der katholischen Kirche als queer geoutet.

„Ich habe nie gedacht, dass für mich kein Raum in der Kirche ist“, sagt Kreiser. „Es gibt Räume für queere Menschen in der Kirche, gerade in den Jugendverbänden, aber auch in vielen Gemeinden.“ Sie seien nur nicht so sichtbar gewesen. So habe er sich in der Katholischen jungen Gemeinde (KJG) schon für sexuelle Vielfalt eingesetzt, als ihm noch gar nicht bewusst gewesen sei, dass er selbst auch nicht hetero ist. „Das habe ich erst so 2019, 2020 festgestellt“, berichtet er.

Seine Bisexualität verschweigen wollte er nicht

Den auf den ersten Blick einfacheren Weg, seine Bisexualität zu verschweigen, wollte er nicht gehen. „Natürlich ist es als bisexuelle Person einfacher, einen Teil der Geschichte wegzulassen und so zu tun, als wäre man Hetero“, sagt er. Doch genau das wolle er nicht. Bereits im Juli 2021, etwa ein halbes Jahr vor Öffentlichwerden der Initiative #OutInChurch habe er auf dem Tübinger Christopher Street Day eine Rede gehalten, bei der er seine Bisexualität öffentlich bekannte, erzählt er. „Mit der Doku ein halbes Jahr später haben es dann aber natürlich viel mehr Menschen mitbekommen.“

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Die ARD veröffentlichte gleichzeitig mit dem Coming-out der damals 125 Kirchenmitarbeitenden den Film „Wie Gott uns schuf“, in dem auch Kreiser kurz zu sehen ist und der mittlerweile unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Am selben Tag hat mir noch ein Professor geschrieben, dass er großen Respekt vor meiner Entscheidung hat.

Bisexueller Student Julius Kreiser

„Am selben Tag hat mir noch ein Professor geschrieben, dass er großen Respekt vor meiner Entscheidung hat“, erzählt der 23-Jährige über diesen Tag vor genau einem Jahr. „Er hat außerdem angekündigt, dass er das Thema in einem unserer Seminare kurz ansprechen wird.“ Auch sonst hätten sich viele bei ihm gemeldet, in der Woche danach habe er bestimmt 70 Nachrichten bekommen, zum Teil von Menschen, von denen er lange nichts gehört habe.

#OutInChurch ist für den Studenten mehr als sein Coming-out

Doch #OutInChurch ist für den Studenten mehr als nur sein persönliches Coming-out. „In Deutschland kann sich die Kirche jetzt nicht mehr dem Diskurs über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt verschließen“, ist er sich sicher. „Das ist wichtig für eine Kulturänderung in der Kirche.“ Die neue Grundordnung sei bereits ein Erfolg, aber auch das hinter der Diskriminierung liegende System müsse überwunden werden.

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Um Aufarbeitung der Diskriminierung noch strukturierter anzugehen, will die Initiative einen Verein gründen. Am kommenden Wochenende treffen sich alle Beteiligten erstmals persönlich in Köln. Wegen der Pandemie lief die ganze Gründung vor allem virtuell. „#OutInChurch kann zu einer dauerhaften Struktur für Reformprozesse in der katholischen Kirche werden“, glaubt Kreiser. Das Coming-out war nur der erste Schritt.

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