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Kaufrausch am Black Friday: Warum Konsum-Bashing heute unangebracht ist

  • Es ist wieder „Black Friday“ und unser Autor fragt sich: Wer soll das alles kaufen?
  • Zur Wahrheit gehört aber auch: Dieser Blick ist gefärbt und extrem privilegiert.
  • Warum Konsumkritik heute unangebracht ist.
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Hannover. Haben Sie sich schon mal vom Konsum erschlagen gefühlt? Mir ging das vor zwei, drei Jahren so, als sich das Weihnachtsfest näherte und ich eines meiner Geschenke vom vergangenen Jahr noch immer unbenutzt in einer Ecke meiner Wohnung wiederfand. Ein Sandwich-Toaster. Offenbar die allerletzte Geschenkoption für einen Typen, der wirklich alles schon hat und nichts mehr braucht.

In dem besagten Jahr bin ich zu einer Einsicht gekommen und habe eine goldene Regel aufgestellt: Fortan keine Weihnachtsgeschenke mehr. Es reicht endgültig. Meine Familie hat damals glücklicherweise verständnisvoll auf diese Entscheidung reagiert, die Weihnachtsvorbereitungen gestalten sich seither für alle Beteiligten auch deutlich entspannter.

Mein E-Mail-Postfach hingegen reagiert auf meine Bemühungen zu mehr Minimalismus weniger verständnisvoll. Heute ist wieder einer dieser Tage, an dem ich das Gefühl habe, in einer Flut von Ramsch zu ertrinken. Das Stichwort heißt „Black Friday“.

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Wer soll das alles kaufen?

Wobei, Moment – das ist ja schon das erste Kuriosum. Denn „Black Friday“ wird der „Black Friday“ in den inzwischen 25 Spam-E-Mails seit dem frühen Morgen nur selten genannt. Bei Ebay beispielsweise heißt der Tag aller Tage etwa „Cyber Friday“. Apple vermeidet den Begriff komplett und nennt ihn auf seiner Website nur „viertägiges Shopping-Event“ (wie kreativ). Ein großer Ferienhausanbieter, dessen Newsletter ich abonniert habe, nennt seinen Tag des Konsums „Super Friday“, dessen Angebote ich mir „noch heute schnappen“ soll. Und andere haben gleich eine ganze „Black Week“ oder noch schlimmer: einen „Black November“.

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Das setzt mich ganz schön unter Druck, zumal ich nicht nur per Mail zugeschmissen werde. Auch installierte Apps, die das ganze Jahr über schweigsam blieben, bimmeln mich plötzlich an und weisen mich auf diverse Superrabatte hin. Ebay schickt gleich noch ein Feuer-Emoji mit, so heiß ist das alles. Man kann an dieser Stelle schon mal die Frage stellen: Wer soll das eigentlich alles kaufen?

Besonders prekär in diesem Jahr: Der Black-Friday-Hype findet auch in der Offlinewelt statt. Ein großes Einkaufszentrum aus dem Ruhrgebiet hat am Donnerstag eine Pressemitteilung an Medienvertreter geschickt, um auf ein ganz besonderes Superspreading-Event hinzuweisen: Von einem „spektakulären Startschuss für das Weihnachtsgeschäft“ ist da die Rede, einem tollen Rabatttag, der in einem schlecht belüfteten Einkaufszentrum immer noch „viel besser als im Internet“ sei – schließlich könne der Kunde da auch mal am Parfüm riechen (und die Aerosole gleich mit einatmen). Geniale Idee.

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Legendär sind inzwischen seit Jahren die Internetvideos aus den USA, die zeigen, wie Menschen zum Black Friday ganze Rolltore zerstören, um als Erster in den Elektronikmarkt zu stürmen, um irgendeinen reduzierten Fernseher mitzunehmen. Auf dass uns solche Bilder in diesem Corona-Jahr hoffentlich erspart bleiben.

Konsumkritik ist ein Luxusding

Nun wäre allerdings reines Black-Friday-Bashing an dieser Stelle zu kurz gedacht. Denn, Sie werden es kaum glauben: Auch ich habe mir schon mal einen Schnapper am Black Friday gegönnt. Zudem geschieht Konsum- und Kapitalismuskritik auch immer aus einer privilegierten Position heraus.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg schrieb beispielsweise am Morgen auf Twitter: „Kauft kein Zeug, das ihr nicht braucht“, das sei nicht gut für die Umwelt. Das radikalere Umwelt-Pendant „Extinction Rebellion“ ruft derweil gar zum „Block Friday“ auf: „Rebellieren statt konsumieren“. Und natürlich haben sie recht: Ein großer Teil des Ramsches, den wir am Black Friday shoppen, landet wieder auf irgendeiner Müllhalde, verschwendet Ressourcen, hinterlässt Plastik.

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Zur Wahrheit gehört aber auch: Es gibt genügend Leute, die das ganze Jahr über ausschließlich Dinge kaufen, die sie wirklich brauchen – weil sie sich darüber hinaus schlichtweg gar nichts anderes leisten können. Für sie ist der Black Friday der einzige Tag im Jahr, an dem ein bisschen Luxus erlaubt ist. Ein Tag so wichtig wie ein Schnäppchenladen – und manche sparen sogar das ganze Jahr darauf hin.

Der Black Friday verändert sich sowieso

Der Blick auf den Black Friday als unverständliches Konsum-Event aus den USA ist also ein gefärbter Blick. Ein überheblicher Blick. Bewussten Konsum kann sich eben nicht jeder leisten. Und das Gefühl, zeitweise genau von diesem Konsum erschlagen zu sein, ist ein Luxusproblem. Mal ganz abgesehen davon, dass es schlichtweg unsinnig ist, seine Konsumkritik immer nur pünktlich auf den letzten Freitag im November zu legen. Denn angebracht wäre sie auch die restlichen 364 Tage im Jahr.

Im Übrigen scheint sich das Verhältnis der Konsumenten zum Black Friday ohnehin zu wandeln. Eine ganz aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts GfK sagt voraus, dass der Black Friday in diesem Jahr von einer exzessiven Konsumparty deutlich abweichen wird. Statt Dingen, die wir gar nicht brauchen, erwarten die Forscher, dass sich viele Verbraucher eher neue, nützliche Dinge fürs Homeoffice zulegen werden, auch Waschmaschinen, Küchenmixer, Putzmittel und Fitnessgeräte für die einsamen Lockdown-Stunden daheim stünden hoch im Kurs.

Auch hier scheint Corona also wieder einmal etwas zum Positiven verändert zu haben. Und vielleicht gilt das ja auch langfristig für unserer Verhältnis zum Konsum. Wünschenswert wäre es allemal.

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