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  • Karnevalsverbot: Abschied vom Karneval und anderen Veranstaltungen vorerst einzig richtige Entscheidung

Schluss mit lustig: Karnevalsverbot wäre die einzig richtige Entscheidung

  • Gesundheitsminister Jens Spahn will die Karnevalssaison ausfallen lassen.
  • Die einzig richtige Entscheidung, kommentiert unser Autor.
  • Er meint: Es wird dringend Zeit, sich auf unbestimmte Zeit von derartigen Veranstaltungen zu verabschieden.
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Hannover. Ein gutes halbes Jahr leben wir nun mit der Pandemie – und der Wunsch nach einer Normalität, nach einem Zurück in dieses alte Leben vor März 2020 ist groß. Und so beginnen wir wieder, nach Mallorca zu fliegen, uns die Masken immer weiter unter die Nase zu ziehen und wilde Partys in der Berliner Hasenheide zu feiern – nur um einige Wochen später festzustellen, dass rein gar nichts normal ist. Die Corona-Infektionszahlen steigen wieder.

So mancher dürfte dennoch dem Winter entgegengefiebert haben. Mit ein bisschen Glück hätte es ja klappen können: eine sorglose Karnevalssaison, mitten in der Pandemie. Vielleicht hätte sich das Thema bis dahin erledigt gehabt. Oder man hätte einfach was mit Abstand und Masken gemacht. Oder mit Plexiglasscheiben. Oder mit kleineren Veranstaltungen. Hätte vielleicht irgendwie geklappt. Und die ganzen Umzüge sind ja sowieso draußen.

Am Dienstag haben jedoch auch diese Hoffnungen einen Dämpfer erhalten. Gesundheitsminister Jens Spahn will die nächste Karnevalssaison – Jecken und Narren sprechen eher von der Karnevalssession – ab dem 11. November ausfallen lassen. In einer Telefonkonferenz des Gesundheitsausschusses sagte Spahn laut Teilnehmern: “Ich war selbst Kinderprinz und komme aus einer Karnevalshochburg. Ich weiß also, wie wichtig Karneval für viele Millionen Deutsche ist. Aber: Ich kann mir Karneval in diesem Winter, mitten in der Pandemie, schlicht nicht vorstellen. Das ist bitter, aber so ist es.”

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Corona und der Karneval – eine besondere Beziehung

In den sozialen Netzwerken regte sich am Dienstag unmittelbar Protest. Auf der Facebook-Seite des RND beispielsweise bezeichnet ein Kommentator die Entscheidung als “Verbotskeule”. Stattdessen hätte man alternative Konzepte entwickeln können. Ein anderer bezeichnet das geplante Verbot als “dumm” und als nicht differenziert genug. Karnevalszüge seien schließlich ungefährlich, da sie im Freien stattfänden. Auch von Karnevalsverbänden gibt es Kritik.

Doch das ist zu kurz gedacht – denn der Karneval ist keine Veranstaltung wie jede andere. Oder anders gesagt: Eine Karnevalssaison mitten in der Pandemie wäre die reinste Katastrophe. Gerade wenn man bedenkt, dass Corona und der Karneval bereits eine gemeinsame Geschichte haben.

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Erinnern wir uns zurück an den Februar 2020. Im Örtchen Gangelt im Kreis Heinsberg werden Ende des Monats ungewöhnlich viele Corona-Infektionen verzeichnet. Am 6. März führt das Robert-Koch-Institut (RKI) den Kreis als “besonders betroffenes Gebiet”. Und wenig später wird der Kreis Heinsberg in ausländischen Medien gar als “deutsches Wuhan” bezeichnet.

Deutschlands erstes Superspreading-Event

Als Grund für den Ausbruch gilt heute eine Kappensitzung des Karnevalsvereins Langbröker Dicke Flaa mit rund 300 Teilnehmern und offenbar einem infizierten Ehepaar. Wenige Tage später findet im Kreis Heinsberg und andernorts im Rheinland der Straßenkarneval statt. Am 24. und 25. Februar wird schließlich bei dem Ehepaar das Coronavirus festgestellt. Am 9. März stirbt im Kreis Heinsberg der erste Mensch in Deutschland an Covid-19.

Gangelt im Kreis Heinsberg gilt heute als Epizentrum des Virus in Deutschland – und der Karneval als Brandbeschleuniger. Die Sitzung in Gangelt ist das, was heute als Superspreading-Event bezeichnet werden dürfte. Und sie zeigt eindrücklich auf, was passiert, wenn das Virus völlig außer Kontrolle gerät.

Und Gangelt ist nur Gangelt – ein Örtchen mit 12.000 Einwohnern. Blicken wir nur einige Kilometer nördlich, Richtung Düsseldorf und Köln. Nicht auszudenken, wenn sich der dortige Straßenkarneval, die Kneipenexzesse und die Feiern zum Superspreading-Event entwickeln würden.

Verabschieden wir uns vom Karneval

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Eine Karnevalssaison inmitten der Pandemie wäre schlicht verantwortungslos – selbst dann, wenn man dafür Hygienemaßnahmen erarbeiten würde. Karneval ist kein Event, bei dem man einfach die Tische auseinanderstellen, Plexiglasscheiben aufstellen oder mit Masken gegenarbeiten kann. Karneval ist Exzess. Und dass Abstandsregeln nicht in Verbindung mit Alkohol funktionieren, haben nicht zuletzt Fälle auf Mallorca gezeigt.

Oder anders ausgedrückt: Der Karneval ist ein Brauchtum, von dem wir uns auf unbestimmte Zeit verabschieden müssen. Das Warten auf ein Ende der Pandemie, die verzweifelte Sehnsucht nach Normalität führt zu nichts. Niemand weiß, wann es einen Impfstoff oder ein Medikament geben wird. Das dreifach kräftige Helau, das hemmungslose Feiern am Ballermann, in Fußballstadien und auf Festivals – all das darf gern in guter Erinnerung bleiben. Aber es ist schlichtweg nicht pandemiekompatibel.

Wir müssen lernen, damit umzugehen. Auch wenn am Karneval, am Fußball, am Ballermann Erinnerungen und Existenzen hängen. Einem Leben von früher hinterherzutrauern macht die Sache nicht besser. Es macht das Ganze nur noch schlimmer.

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