Karneval auf der Couch: Erinnerung an Gangelt ist noch wach

  • In Köln bereitet sich die Polizei auf einen partybefreiten Karneval vor, denn die Umzüge fallen in diesem Jahr aus.
  • Währenddessen forscht man in Gangelt immer noch, wie sich in der Gemeinde das Coronavirus vor einem Jahr im ersten Hotspot ausgebreitet hat.
  • Dort fällt auch der Karneval in diesem Jahr aus.
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Köln. Am Donnerstag ist Weiberfastnacht, doch Schunkeln, Singen, Bützen (Küssen) – all das ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Der Straßenkarneval ist abgesagt. Grundsätzlich rechne man deshalb mit einem sehr viel ruhigeren Verlauf als sonst, sagte am Mittwoch ein Sprecher der Kölner Polizei. „Wir gehen davon aus, dass sich die ganz große Masse an die Schutzrichtlinien hält.“

Gegen private Karnevalspartys werde man konsequent einschreiten. Die Polizei will im gesamten Kölner Stadtgebiet präsent sein, insgesamt allerdings mit deutlich reduzierten Kräften. Während sie in den Jahren nach der „Kölner Silvesternacht“ mit bis zu 1500 Beamten im Einsatz war, werden es diesmal nur ungefähr 300 sein. Weiberfastnacht gilt traditionell als der problematischste Karnevalstag – in normalen Jahren strömen dann Hunderttausende Touristen in die Stadt.

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Vor etwa genau einem Jahr wurde der kleine Ort Gangelt im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen deutschlandweit bekannt.  © Reuters
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Karneval ohne Alkohol in Köln

In Köln ist es an Karneval im gesamten Stadtgebiet verboten, Alkohol im öffentlichen Raum zu konsumieren. An bestimmten Hotspots darf auch kein Alkohol verkauft werden. Das Ordnungsamt werde alle Verstöße gegen die Corona-Regeln wie auch gegen das Alkoholverbot „konsequent ahnden“, teilte die Stadt mit.

Das Innenministerium in Düsseldorf wies darauf hin, dass die nordrhein-westfälischen Polizeibehörden auf die Karnevalstage vorbereitet seien. Die Zahl der Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei seien verstärkt worden, um auf unerwartete Entwicklungen schnell reagieren zu können.

Gangelt wurde über Nacht zum Corona-Hotspot

Noch immer frisch sind die Erinnerungen an den vergangenen Karneval in Gangelt im Kreis Heinsberg, wo vor einem Jahr nach den Feiern einer der ersten Coronavirus-Hotspots entstanden ist. Die alarmierende Nachricht lautete: zwei Erkrankte mit Covid-19 im Krankenhaus Erkelenz. Guido Willems erinnert sich. „Wir haben seinerzeit sofort gehandelt“, sagt er über die Reaktion des Krisenstabs im Kreis Heinsberg. Ab dem nächsten Tag, es war Aschermittwoch, waren Schulen und Kindergärten geschlossen. Die Nachricht verbreitete sich rapide über Chatgruppen. Dann wusste die ganze Republik Bescheid.

Eine Karnevalssitzung am 15. Februar in dem zu Gangelt gehörenden Örtchen Langbroich-Harzelt gilt als Urknall der Pandemie in NRW. Die beiden Corona-Kranken hatten daran teilgenommen. Singen, Schunkeln und fehlender Luftaustausch begünstigten Ansteckungen. Zwölf Tage später gab es 20 bestätigte Covid-19-Fälle in dem Kreis an der niederländischen Grenze, etwa tausend Menschen waren sicherheitshalber in Quarantäne. Dann kam die Wissenschaft: Der Bonner Virologe Prof. Hendrik Streeck untersucht die Verbreitung des Virus in Gangelt, einem der ersten bekannten Coronavirus-Hotspots in Deutschland.

Guido Willems wurde mitten in der Pandemie Bürgermeister von Gangelt

Damals war Guido Willems noch Büroleiter des Landrats. Im September wurde der junge Politiker zum Bürgermeister seines Heimatorts Gangelt gewählt. Das Coronavirus bestimmt wie überall noch den Alltag der Kleinstadt mit 13.000 Einwohnern. Aktuell sei man auf einem guten Weg mit den Fallzahlen, berichtet Willems. „Wenn man die Studie von Prof. Streeck hochrechnet, müssten wir im letzten Jahr bis zur Studie 1800 Infizierte in der Gemeinde Gangelt gehabt haben“, sagt der 39-jährige CDU-Politiker. Er hält diese hohe Zahl für nicht unwahrscheinlich. Offiziell gab es damals 350 Erkrankte.

Beim Blick zurück wird deutlich, wie wenig man wusste über das Virus. Auch Willems litt nach Karneval unter Geschmacksverlust und Kopfschmerzen. Heute weiß man, es sind typische Symptome. „Mit den Erkenntnissen, die man damals hatte, wartete man auf Fieber und Husten“, erinnert sich der Bürgermeister. Er arbeitete weiter.

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Gangelt war der Lockdown im Miniaturformat

Im Nachhinein erscheint das Geschehen wie eine Miniaturausgabe des späteren bundesweiten Lockdowns. In den Supermärkten begannen Hamsterkäufe, Mehl wurde rationiert, Nudeln knapp und vor der Apotheke bildete sich eine Schlange. Fernsehteams kamen zuhauf, die Bewohner fühlten sich überrollt. Dann verlagerte sich das Medieninteresse. Der Landrat wurde zum Sprachrohr.

Durch seine Facebook-Botschaften in rheinischem Klartext ist Landrat Stephan Pusch inzwischen eine bundesweite Berühmtheit. In Talkshows sitzt der CDU-Politiker neben Ministerpräsidenten und sagt, was er denkt. „Papa Pusch“ stellt sich hinter seine Mitarbeiter, wenn sie am Telefon beschimpft werden, und fordert ein Ende des Distanzunterrichts. Der 52-Jährige mit dem freundlichen Blick nutzt die Gestaltungskraft der Kommunalpolitik. Sein Kreis hat eine Viertelmillion Einwohner, etwa so viele wie Gelsenkirchen.

In Gangelt fällt in diesem Jahr der Karneval aus

Auf der berühmten Kappensitzung in Gangelt feierten wohl mehrere Coronavirus-Infizierte mit. Das meinen Virologe Streeck und der Bürgermeister. „Wir werden mehrere Infizierte gehabt haben, egal auf welcher Sitzung“, sagt Willems. Der Karnevalsverein Langbröker Dicke Flaa, um dessen Sitzung es geht, schweigt. Für Interviews, Reportagen oder Statements stehe der Verein nicht zur Verfügung, erklärt Sprecher Stefan Keulen. Aber das Haus der Geschichte in Bonn hat sich einen Bierkranz und Getränkebons von der Veranstaltung gesichert. Sie sollen symbolisch für den Beginn der Pandemie in Deutschland stehen.

Die tollen Tage sind dieses Jahr auch in Gangelt abgesagt. „Der Karneval fällt aus, in der Gemeindeverwaltung wird brav durchgearbeitet“, sagt der Bürgermeister.

RND/dpa

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