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Lebensgefährliche Kälte und Corona: Schwere Zeiten für Obdachlose

Der Kältebus der Johanniter bietet Obdachlosen Hilfe an: Einsatz in Hannover im November 2020.

Wenn der Kältebus kommt, wird es für kurze Zeit warm. Ehrenamtliche Helfer etwa der Johanniter und Malteser unterstützen Menschen auf den Straßen mit ihren Fahrzeugen. In der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover etwa statten die rund 35 ehrenamtlichen Helfer der Johanniter per Bus 50 bis 60 Menschen dreimal pro Woche mit heißen Getränken, warmen Speisen und Isomatten sowie Decken und wärmender Kleidung aus. Die Zahl der Bedürftigen wachse, heißt es. In Bremen gibt es schätzungsweise 600 Obdachlose, in Oldenburg 360, in Hannover ungefähr 300. Aktuell verschärft nicht nur die Wettersituation mit Schnee und Eiseskälte die Probleme.

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„Es ist natürlich ein harter Winter“, sagte Sylke Heun, Sprecherin des Johanniterverbands Hannover, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Zum einen, was die Wetterlage mit den tiefen Minusgraden betrifft, die ja während der nächsten Tage anhalten werden. Aber auch Corona tut ein Übriges dazu und verschärft die Situation.“

Problem: Die Fußgängerzonen sind in Pandemiezeiten menschenleer

So seien viele Örtlichkeiten, an denen sich Menschen ohne Obdach normalerweise kurzzeitig aufwärmen können – Cafés oder Kaffeestuben – derzeit geschlossen. „Außerdem fallen für viele, die in den Fußgängerzonen sitzen, die Spenden weg, mit denen sie sonst bedacht werden.“ Denn dort fehlt derzeit jeglicher Publikumsverkehr. Auch Tagesunterkünfte seien in den letzten Wochen coronabedingt oft geschlossen gewesen oder hätten nur einen kleinen Teil an Menschen aufnehmen können. Corona macht die Einsamsten noch einsamer.

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Notunterkünfte wurden eingerichtet – in Hannover beispielsweise in der Marktkirche. Zehn Menschen ohne Obdach können dort bis zum Wochenende Zuflucht vor der Kälte finden, wie die evangelische Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann dem Evangelischen Pressedienst (epd) mitteilte.

Mit alldem ist nicht allen Menschen geholfen. Manche entscheiden sich trotz der Übernachtungsangebote für einen Aufenthalt im Freien. Einige würden sich – so Heun – bei der Kälte unter so vielen Decken und Schichten wie möglich verkriechen – was bei den eisigen Temperaturen eine große Gefahr berge. Um hier helfen zu können, hat die Johanniter-Unfallhilfe an den drei Einsatztagen zusätzlich von 14 bis 20 Uhr eine Servicerufnummer (0800) 0848488 eingerichtet, unter der besorgte Bürger Schlafplätze oder Treffpunkte von Obdachlosen melden können. Das Kältebusteam kann diese Orte anfahren und Hilfe anbieten. In Norddeutschland ist in den kommenden Tagen mit zweistelligen Minustemperaturen zu rechnen.

Angebote werden wegen der anhaltenden Kälte erweitert

Auch der Kältebus der Malteser ist in Hannover unterwegs. „Wir haben einen sehr guten Andrang“, berichtete Kyra Kluck, Sprecherin der hannoverschen Malteser. Aufgrund der Wetterlage soll das Angebot nun noch erweitert werden. „Der Kältebus fährt derzeit von montags bis freitags – von verschiedenen Organisationen. Das Angebot soll nun wegen der tiefen Minusgrade auch am kommenden Wochenende bedient werden.“

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Klirrenden Kälte: Appelle an Obdachlose, sich in Notunterkünfte zu begeben

Auch in anderen Städten Deutschlands wurde die Winterhilfe für Obdachlose verstärkt. Frankfurt verlängert die Öffnungszeiten der Winterübernachtung in der B-Ebene der U-Bahn-Station Eschersheimer Tor mit 150 Schlafplätzen von 20 Uhr (statt 22 Uhr) bis 12 Uhr mittags (statt 10.30 Uhr). Die 80 Personen, die die klirrend kalten Nächte dennoch draußen verbringen, werden Nacht für Nacht mit dem Frankfurter Kältebus besucht – und erhalten jederzeit das Angebot, in eine Obdachloseneinrichtung gefahren zu werden.

Für manche kommt die Hilfe in buchstäblich letzter Sekunde: In Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen bemerkte ein Bürger einen hilflosen Obdachlosen, der nicht mehr ansprechbar schien. Dank eines schnellen Notrufes konnte der Mann gerettet werden. Seine Körpertemperatur war bereits auf 34 Grad gesunken, laut Notarzt hätte er die nächste Nacht nicht überlebt, wie die Polizei berichtete. Unter anderem in Köln oder Oldenburg waren im Januar allerdings auch Fälle von erfrorenen Obdachlosen bekannt geworden.

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Viele Städte appellierten eindringlich an Obdachlose, sich angesichts der klirrenden Kälte in die Notunterkünfte zu begeben, und an Passanten, hilflose Personen zu melden. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) betonte, in NRW müsse niemand auf der Straße schlafen.

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Zugewanderte haben Angst, durch die Quartiere „offiziell“ zu werden

Warum Obdachlose speziell für sie reservierte Unterkünfte trotz der Temperaturen meiden? Zum einen liege das an der Angst, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken, sagte Andreas Sellner von der nordrhein-westfälischen Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Zum anderen seien viele aus Osteuropa zugewanderte Menschen darunter, die sich sorgten, Deutschland verlassen zu müssen, nachdem sie erst einmal „offiziell“ in Notunterkünften aufgenommen worden seien.

RND/al/epd/dpa

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