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Jung und Risikogruppe? Drei Betroffene sprechen über ihr Leben in Coronazeiten

  • Viele denken fälschlicherweise, dass nur alte Menschen zur Risikogruppe des Coronavirus gehören.
  • Doch dem ist nicht so: Auch junge Menschen mit Behinderung sind extrem gefährdet.
  • Wir haben mit dreien über die derzeitige Situation gesprochen.
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Viele junge Menschen denken, dass das Coronavirus nur alten, kranken Menschen gefährlich werden kann. Doch auch junge Menschen mit Behinderungen oder Einschränkungen gehören zur Risikogruppe. Der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen hat in einem Instagram-Post eindringlich darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es ist, dass alle sich daran halten, möglichst auf soziale Kontakte zu verzichten. Außerdem möchte er der jungen Risikogruppe ein Gesicht geben. Wir haben mit drei jungen Menschen gesprochen, die zu dieser gehören.

Schüler Marlon leidet an chronischem Darmversagen und ist auf Desinfektionsmittel angewiesen

Schüler Marlon leidet an chronischem Darmversagen und gehört zur Risikogruppe des Coronavirus. © Quelle: Cathrin Heusch
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Marlon lebt in Berlin. Der 23-jährige Schüler leidet an chronischem Darmversagen, weshalb sein Immunsystem schwach ist und er keine gute Immunabwehr hat. Außerdem wird er durch einen Katheter ernährt, in dem sich schnell Bakterien festsetzen können, die wiederum einen septischen Schock auslösen können. “Ich gehöre zu der Risikogruppe, die bei einer Infektion ganz schnell auf der Intensivstation landen kann”, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) in Bezug auf seine Situation. “Ich bin sehr auf Solidarität angewiesen.”

Was er damit auch meint, ist, dass die Leute, die es nicht dringend brauchen, kein Desinfektionsmittel und keine Atemschutzmasken horten sollen. “Ich bekomme pro Monat normalerweise eine bestimmte Menge an Desinfektionsmittel”, erzählt er, “das sind zwei bis drei Flaschen. Das wurde jetzt um mehr als die Hälfte gekürzt, ich habe diesen Monat nur eine Flasche bekommen und weiß nicht, wie ich damit auskommen soll.” Er ist auf Desinfektionsmittel und auch Atemschutzmasken angewiesen, weil für ihn nicht nur das Coronavirus, sondern auch eine normale Erkältung, eine Grippe oder jegliche andere Infektion sehr gefährlich werden kann.

Nicht nur wegen des Coronavirus kann er zurzeit kaum aus dem Haus – er hatte erst vor Kurzem einen septischen Schock und ist davon noch geschwächt und angeschlagen. “Aber jetzt gehe ich selten überhaupt noch raus, wenn nur mal kurz an die frische Luft”, sagt Marlon. Auch öffentliche Verkehrsmittel nutze er zurzeit eigentlich nicht mehr, im Gegensatz zu sonst. “Mit Freunden chatte ich zurzeit nur”, erzählt er weiter. An der Schule seines besten Freundes sei die Grippe zuletzt herumgegangen, den habe er deshalb sowieso nicht treffen können. “Ich ärgere mich über die Leute, die den Ernst der Lage nicht erkennen”, sagt Marlon. Schließlich könnten auch die Menschen, die das Coronavirus selbst nicht schwer trifft, Überträger sein und so Menschen anstecken, die dadurch in Lebensgefahr kommen können.

Neben den Menschen, die sich nicht an die Vorgaben halten, möglichst auf soziale Kontakte zu verzichten und zu Hause zu bleiben, erlebt Marlon aber auch Solidarität. “Privat bekomme ich viele Hilfsangebote, heute haben mir die Nachbarn zum Beispiel Eier vorbeigebracht”, erzählt er. Generell glaubt er aber, dass die junge Risikogruppe in der Gesellschaft nicht besonders präsent ist. “Es ist schon schwer, wenn man als junger Mensch schwer krank ist, aber man es einem nicht unbedingt ansieht”, sagt er. Er habe zwar auch einen Rollstuhl, den brauche er aber nicht immer. Und wenn er beispielsweise ohne Rollstuhl in der Bahn unterwegs sei, habe er auch schon Ablehnung und Spott erfahren, als er nicht für andere aufstehen konnte – und das, obwohl er seine Lage erklärt habe.

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Dieses Jahr wollte Marlon eigentlich sein Abitur schreiben – aber daraus wird jetzt vermutlich nichts. “Ich kann wegen meiner Krankheit sowieso kaum zur Schule”, sagt er und kritisiert, dass für Schüler mit Behinderung das Onlinelernangebot sehr eingeschränkt sei. Das Coronavirus hat also zumindest einen Vorteil für ihn: “Jetzt, wo alle darauf angewiesen sind, gibt es mehr Onlineangebote. Das kommt mir zugute”, sagt der 23-Jährige.

Elena (27) hat Multiple Sklerose und geht nicht mehr aus dem Haus

Elena Z. (27) aus Hamburg hat MS und ist immunsupprimiert. Sie gehört zur Risikogruppe des Coronavirus. © Quelle: privat

Elena Z. arbeitet in einer Hamburger Stiftung für Bildung und Kultur. Die 27-Jährige war dort die Erste, die wegen der Ausbreitung des Coronavirus ins Homeoffice gewechselt ist. “Ich gehe transparent mit meiner Krankheit um, und da war das für alle verständlich”, sagt sie. Elena leidet unter Multipler Sklerose (MS). “Da richtet sich das Immunsystem gegen einen selbst”, erklärt sie. Deshalb müsse sie sogenannte immunsupprimierende Medikamente nehmen. “Das verhindert, dass die Krankheit ausbricht, aber öffnet Türen für andere Erreger.” Aus dem Grund ist sie auch besonders anfällig für Viren wie das Coronavirus und muss sich besonders schützen.

“Wenn ich das Coronavirus bekommen würde, könnte mein Immunsystem von sich aus nicht dagegen ankämpfen”, erklärt sie. Sie müsste vermutlich die immunsupprimierenden Medikamente absetzen – könnte dann aber einen Krankheitsschub bekommen. “Leute wie ich, die sowieso schon krank sind, laufen immer mit dieser Angst herum”, sagt sie – nicht nur in Zeiten des Coronavirus, sondern auch, wenn gerade Erkältungs- oder Grippezeit ist. “Wir haben sowieso schon diese Achtsamkeit, dass wir ständig Hände waschen und desinfizieren.”

“Ich werde wütend, wenn andere diese Achtsamkeit nicht haben und einfach feiern gehen oder sich mit Freunden treffen”, sagt die junge Frau mit den langen, braunen Haaren und nennt so ein Verhalten “fahrlässig”. Von Coronapartys habe sie zwar nur aus den Medien erfahren und sie nicht im eigenen Umfeld erlebt, aber auch bei ihren Nachbarn seien gerade erst einige Leute gewesen, was sie nicht begreifen kann. “Das führt dann dazu, dass die Auflagen noch strenger werden und wir irgendwann eine Ausgangssperre bekommen, was ja auch nicht gut ist”, sagt sie. Auch deshalb sei sie Teil des Netzwerks #Risikogruppe, das sich in den letzten Tagen in den sozialen Medien gebildet hat und das darauf aufmerksam machen will, dass eben nicht nur alte Menschen zu den Gefährdeten gehören.

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Elena selbst geht zurzeit gar nicht aus dem Haus. “Das letzte Mal war ich am Wochenende kurz spazieren”, erzählt sie. Sie traue sich gerade einfach nicht. “Und ich habe auch nur Kontakt mit Menschen, bei denen ich weiß, dass sie verantwortungsvoll mit der Situation umgehen, und die selbst nur wenige soziale Kontakte zurzeit haben.” So sei ihre Mutter beispielsweise kurz am Wochenende bei ihr gewesen. Die ist Erzieherin. “Sobald sie eine Notgruppe betreuen muss, werde ich mich auch nicht mehr mit ihr treffen”, sagt die 27-Jährige, auch wenn ihr das natürlich schwerfalle.

Luisa B. hat einen seltenen Gendefekt und muss trotz Coronavirus zum Arzt und zur Therapie

Luisa B. (23) hat einen seltenen Gendefekt und gehört damit zur Risikogruppe. © Quelle: privat
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Trotz Coronaviruspandemie muss Luisa B. (23) ab und zu das Haus verlassen – sie ist auf Arzt- und Therapiebesuche angewiesen. Denn die Logopädieauszubildende aus der Nähe von Bremen hat einen seltenen Gendefekt, der eine neurologische Erkrankung mit sich bringt. Dadurch sind ihre Nervenbahnen und Muskeln betroffen, sie muss entweder an einem Gehstock gehen oder ist bei längeren Strecken auf einen Rollstuhl angewiesen. Außerdem ist ihr Lungenvolumen eingeschränkt, und sie hat ein schwächeres Immunsystem als gesunde Menschen.

“Zur Therapie gehe ich mit Atemschutzmaske”, erzählt sie. “Wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich sofort duschen, alle Klamotten wechseln und waschen und meinen Rollstuhl oder Gehstock desinfizieren”. Man könne schließlich nie wissen, wer vorher auf der Therapieliege gelegen habe – oder auch mit wem der Therapeut in Kontakt war.

Umso weniger Verständnis hat sie dafür, dass manche Menschen die Situation nicht ernst nehmen – aber oft auch verschwiegen wird, dass eben nicht nur alte Menschen zur Risikogruppe gehören. “Da fühlt man sich zurückgelassen”, sagt sie. “Es heißt oft, dass ‘nur alte und kranke Menschen’ betroffen sind. Aber wir sind doch nicht weniger wert.” Aus diesem Grund versucht sie auch auf Instagram, über Stigmatisierung und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten aufzuklären.

Neben den Menschen, die das Coronavirus nicht ernst nehmen, gibt es aus Luisas Sicht aber auch die Gruppe an Menschen, die total in Panik verfällt und Hamsterkäufe tätigt. “Da werden dann Desinfektionsmittel weggekauft, auf die viele chronisch kranke Menschen angewiesen sind”, erzählt sie. Sie selbst brauche auch Desinfektionsmittel, um eben ihre Gehhilfe und den Rollstuhl regelmäßig zu reinigen. Aber es gebe Menschen beispielsweise mit Sonden, die noch viel mehr darauf angewiesen seien.

Wie alle Schulen in Deutschland hat auch Luisas Berufsschule, an der sie die Ausbildung macht, zurzeit geschlossen. “Wir müssen von zu Hause aus lernen”, erzählt sie. Abgesehen von den Arzt- und Therapiebesuchen verlässt sie in diesen Tagen das Haus nicht. “Mein Mann geht für mich einkaufen”, sagt die junge Frau. Aber auch der könne sich natürlich infizieren und sie wiederum anstecken.

RND



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