Unterwegs mit einer Jägerin: Warum eine frühere Vegetarierin jetzt auf Tiere schießt

  • Karo war Vegetarierin, dann begleitete sie ihren Freund bei einer Jagd.
  • Seitdem isst sie wieder Fleisch.
  • Auf der Pirsch mit ihr geht es um die Frage: Was wollen wir essen?
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Karo Herrmann, 25 Jahre alt, hat den Tod elfmal getroffen. Und es kann sein, dass es heute wieder passiert. Es ist Viertel nach acht an einem Abend im Juni, in einer Stunde geht die Sonne über dem Erzgebirge unter. Es bleibt nicht viel Zeit.

Karo trägt einen dunkelgrünen Pulli, eine dunkelgrüne Jacke, eine dunkelgrüne Mütze. Tarnkleidung. Sie fährt mit einem Toyota-Geländewagen RAV4 auf einer Landstraße, vorbei an Äckern und Wäldern, kein Mensch in Sicht, im Radio läuft Hitradio RTL, der Songtitel wird eingeblendet: „Wonderful Life“.

Zehn Minuten Fahrt, dann hält sie am Waldrand an. Man muss jetzt flüstern. Pssst! Sie öffnet vorsichtig die Hintertür des SUV, auf der Rücksitzbank liegt die Waffe. Eine schwarze Heym SR 30, Kaliber 8×57 IS, 113 Zentimeter lang. Karo schultert sie.

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Mehr Jägerinnen

Karo Herrmann ist Jägerin. Auf Instagram kann man ihr folgen, das Handle: @wildmiez, 7300 Follower, 138 Bilder. Auf ihnen sieht man: Wildschweine in einer Suhle, Rehe an einer Salzlecke, einen Hirsch vor einem Hochsitz.

In Deutschland gibt es so viele Jäger wie nie zuvor: rund 400.000. 93 Prozent davon sind Männer, auch wenn die Jagdverbände betonen, der Frauenanteil steige seit Jahren konstant.

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Das Klischee eines Jägers ist nach wie vor: Lodenmantel, Musik von Hansi Hinterseer, Dackel. Karo macht eine Ausbildung zur Erzieherin, trägt einen Nasenring, hört am liebsten Musik der australischen Popsängerin Sia. Auf dem oberen Rücken trägt sie seit Neuestem ein Tattoo: ein faustgroßes Geweih. Karo Herrmann gehört zu einer neuen Generation von Jägerinnen und Jägern, jünger, weiblicher, umweltbewusster. Für sie ist die Jagd mehr als ein Hobby. Für sie ist die Jagd die Antwort auf die Frage: Was wollen wir essen?

Jagd als Gegenmodell zur Massen­tierhaltung

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Karo lehnt Massen­tierhaltung ab. Sie sagt: „Wer Fleisch aus dem Supermarkt holt, macht sich schuldig.“ Als Jugendliche hat sie auf Youtube Videos von Schlachthäusern gesehen, von Schweinen in engen Käfigen und Kühen, die mit Stöcken geschlagen wurden. Mit 19 Jahren beschließt sie, vegetarisch zu leben. Doch sie vermisst den Geschmack von Fleisch, von Schnitzel und Bolognese.

Karos Freund heißt Robert, ein Polizist. Die beiden kennen einander aus der Schule und sind seit zehn Jahren ein Paar. Als man sie zum ersten Mal im April trifft, sitzt er im Wohnzimmer der gemeinsamen Wohnung und klebt Bilder von erlegten Tieren in ein Album. An den Wänden hängen Dutzende Geweihe, von Hirschen, Rehböcken und Muffelwiddern. Robert erzählt, er komme aus einer Jägerfamilie, schon als kleiner Junge habe er seinen Vater auf den Hochsitz begleitet.

Karo war oft dabei, wenn er selbst mit seinem Gewehr loszog. Da sei ihr klar geworden, sagt sie: „Die Jagd ist die humanste Art, an Fleisch zu kommen.“ Es ist ja so: Das Wild kann vor seinem Tod in Freiheit leben und nicht in engen Käfigen. Seit Ende 2019 jagt sie selbst. Seitdem isst sie wieder Fleisch, aber fast nur von Tieren, die sie selbst oder ihr Freund geschossen haben.

Karo will kranke Tiere erlösen

Karo erklimmt die rostige Leiter zum Hochsitz, Schmetterlinge steigen auf. Sie legt die Waffe auf die Armlehne. Sie sagt, gestern um die gleiche Uhrzeit, am gleichen Hochsitz, da habe sie einen Rehbock gesehen. Sie hat das Tier fotografiert. Auf ihrem Handy zeigt sie ein Bild, zu sehen ist ein bemitleidenswertes Wesen. Das Fell sieht wie gerupft aus. „Siehst du, der hat irgendwas. Wahrscheinlich ist er von Parasiten befallen. Der ist krank“, sagt Karo. Gestern hat sie sich nicht getraut zu schießen. Der Rehbock stand im meterhohen Getreide, schlechte Sicht. Und sie wollte erst mit dem Pächter des Waldstücks sprechen. „Heute will ich ihn erlösen“, sagt sie.

Es gibt für Jäger klare Regeln, wann welches Tier erlegt werden darf. Im Juni sind es in Sachsen zum Beispiel: einjährige Rehe und Rehböcke, Wildschweine und Fuchswelpen. Und das ganze Jahr über kranke Tiere. Hirsche und Hirschkühe haben Schonzeit, wie es heißt: Sie sollen ihre Jungtiere aufziehen können.

Jagen ist warten

Es beginnt zu dämmern. Man hört Feldlerchen, Grauammern, eine Eule, im Hintergrund rauscht leise der Verkehr auf der A17. Karo greift zu ihrem Fernglas und beugt sich vor. Sie scannt den Waldesrand nach dem Rehbock. Nichts. Sie greift zu einer Pfeife, es fiept laut, dass die Ohren schmerzen, so soll das Wild angelockt werden. Nichts.

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Bisher hat sie erlegt: einen Fuchs, drei Rehe, zwei Hirschkühe, zwei Widder, zwei Rehböcke, ein Wildschwein. Jeder Schuss ist eine Abwägung. Innerhalb von Sekunden muss Karo entscheiden: Ist das Wild nah genug? Ist das Schussfeld frei? Warten oder schießen? Oft aber wartet sie nur, weil kein Tier kommt. Dann daddelt sie am Handy, macht Fotos für Instagram. Manchmal erscheint ihr nachts im Traum eine Wiese voller Wild.

Zweifel nach dem ersten Schuss

Karo sagt, am Anfang habe sie zu lange gezögert. Die Tiere entfernten sich. Als sie zum ersten Mal abgedrückt hat, fragt sie sich: War das richtig jetzt? Dass ich geschossen habe? Und das Tier jetzt tot ist?

Wenn sie ein Wild erlegt hat, streichelt sie das Fell des toten Tiers. Spricht zu ihm. So erzählt sie es. Sagt Sätze wie: Danke, dass du dein Leben gegeben hast. Manchmal entschuldigt sie sich, wenn ein Schuss mehr Schmerzen verursacht als nötig. „Das Töten ist ja kein friedlicher Akt. Ich will mich in diesem Moment mit dem Tier versöhnen“, sagt Karo. Dann schneidet sie das Tier mit einem Messer auf, entnimmt die Organe und vergräbt sie. Den Rest enthäutet und zerlegt sie in einer Küche.

Die Zeit vergeht. „Schau!“, flüstert Karo auf dem Hochsitz. Es ist nicht der kranke Rehbock, aber plötzlich stehen im Getreide vier Tiere. Drei Hirschkühe und ein Hirsch. Sie äsen friedlich, manchmal blicken sie hektisch auf, als hätten sie etwas gehört, doch dann senken sie ihren Kopf wieder gen Boden. Sie bemerken die Jägerin nicht. Und die Jägerin schaut ihnen minutenlang zu. Ihr Gewehr liegt geladen neben ihr. Es gibt keinen Grund zu schießen.

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