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  • Italien: Überfischung des Mittelmeers und Billigimporte verdrängen nachhaltige Schwertfischjagd

Ein Besuch in Kalabrien: Die letzten Jäger der Schwertfische

  • Im Süden Kalabriens werden Schwertfische noch mit Lanzen gejagt – eine archaische, aber nachhaltige Art der Fischerei.
  • Doch die alte Tradition droht in Italien unterzugehen, als Folge von Überfischung des Mittelmeers und Billigimporten.
  • Ein Besuch vor Ort.
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Scilla. Es ist kurz nach 6 Uhr, als die „Patriarca“ den Hafen von Scilla verlässt und langsam Kurs auf die Straße von Messina nimmt. Das mächtige, auf einem Felsen thronende Castello Ruffo und die Häuser des malerischen Fischer- und Urlaubsortes an der Südspitze Italiens werden von der Morgensonne angeleuchtet. Auf der anderen Seite der Meerenge sieht man Sizilien, zum Greifen nah. Es ist eine idyllische, fast unwirkliche Szenerie. Das Tyrrhenische Meer ist kristallklar und noch spiegelglatt, die Lufttemperatur liegt bei angenehmen 25 Grad – im Verlauf des Tages wird sie auf fast 40 Grad steigen. Das Schiff wird erst bei Sonnenuntergang wieder im Hafen von Scilla anlegen.

Die „Patriarca“ ist eine ganz besondere Art von Fischerboot. Das Deck wird überragt von einem 25 Meter hohen Beobachtungsturm: Auf dem schwankenden Hochsitz suchen drei Mann das Meer nach Schwertfischen ab und steuern das Schiff. Vor den Bug der „Patriarca“ ist die 30 Meter lange „passarella“ gespannt, ein schmaler, horizontaler Laufsteg. Die „passarella“ ist das Reich von Berufsfischer Fortunato Polistena, dem Eigentümer des Schiffs. Hier wartet der 38-Jährige, bis ihn die Crew auf dem Ausguck direkt über die wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche schwimmenden Schwertfische gesteuert hat – und erlegt sie mit einer mehrzackigen Eisenlanze.

Wenn ein Schwertfisch mit einer Lanze getroffen wurde, zieht ihn die Schiffsbesatzung mithilfe eines Seils an Bord. © Quelle: privat
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Ein Fisch, länger als zwei Meter

Etwa eine Stunde nach dem Auslaufen ertönt ein Schrei vom Ausguck: „Pesci!“ (Fische). Dann geht alles sehr schnell: Die „Patriarca“ ändert die Fahrtrichtung und beschleunigt, und Polistena, der zuvor in einem Plastikstuhl gedöst hatte, springt auf, rennt an die Spitze der „pas­sarella“, ergreift die dort deponierte Lanze, zielt einen Moment – und wirft den Spieß mit Wucht in den Rücken eines Schwertfischs. Dann rennt er zurück auf das Deck, um zusammen mit seinem Gehilfen Filippo Perina den an der Lanze zappelnden, mehr als zwei Meter langen und etwa 50 Kilo schweren Fisch mit dem an der mehrzackigen Spitze befestigten Seil an Bord zu ziehen. Danach wird die Beute sofort mit einem Holzknüppel totgeschlagen. Das Ganze dauert keine Minute.

Wann genau die Schwertfischjagd mit den mehrzackigen Lanzen entstanden ist, weiß niemand so genau. Stiche aus dem 19. Jahrhundert und alte Fotografien zeigen Ruderboote, die bereits einen Aussichtsturm und eine „passarella“ hatten, auf denen Fischer mit langen Holzspießen standen – die Ursprünge der Tradition liegen also mit Sicherheit weit über hundert Jahre zurück. Was man dagegen kennt, ist der Grund für diese besondere Art der Fischerei: Angelschnüre und Netze wurden vor der Erfindung von Nylon noch aus Hanf gefertigt – und die Hanfschnüre und -netze wurden von den Schwertfischen mit ihrem messerscharfen Schwert immer wieder zerschnitten. Die schwierige, aber begehrte Beute hatte den Erfindergeist der Fischer beflügelt.

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Tradition an der Meerenge von Messina

Dass die Tradition an der Meerenge von Messina entstand, ist ebenfalls kein Zufall: Die Schwertfische wandern im Mai und Juni vom nördlichen Mittelmeer in die warmen Gewässer vor Nordafrika, um sich dort fortzupflanzen. Dabei müssen sie die Straße von Messina passieren, die an ihrer engsten Stelle nur drei Kilometer breit ist: eine Art natürlicher Trichter, den sich die Fischer an der kalabrischen und sizilianischen Küste zunutze machen. Im Juli und August kehren die Schwertfische wieder in den Norden zurück – ebenfalls wieder durch die Straße von Messina. Die Saison der Schwertfischjäger dauert somit nur vier Monate, von Mai bis Ende August.

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Der Schwertfisch kommt in allen tropischen und subtropischen Meeren vor und ist einer der größten existierenden Knochenfische: Das größte jemals gefangene Exemplar maß 4,55 Meter (ohne Schwert) bei einem Gewicht von 650 Kilogramm. Im Mittelmeer werden die Tiere aber selten länger als drei Meter und 350 Kilogramm schwer. Der Schwertfisch gilt als ausgezeichneter – und teurer – Speisefisch; sein weißes Fleisch ist fettarm und fest. An beiden Ufern der Meerenge von Messina ist er Hauptbestandteil köstlicher lokaler Spezialitäten.

„Eigentlich“, sagt Polistena, „ist das keine Fischerei, sondern eine Jagd. Wir spüren die Schwertfische auf, pirschen uns von hinten an sie heran – und überlisten sie: Sie hören den Schiffsmotor noch weit hinter sich und wähnen sich in Sicherheit, dabei stehe ich mit der Lanze bereits über ihnen auf der ‚passarella‘.“ Für Außenstehende mag die Methode brutal wirken – aber sie ist nachhaltig: Die Schwertfischjäger Südkalabriens erlegen nur erwachsene Tiere, die sich schon mehrmals fortgepflanzt haben. „Und wir ziehen auch keinen Beifang aus dem Wasser wie die industriellen Fischer, die Rund- und Schleppnetze verwenden, in welchen sich auch junge Fische, Haie, Delfine und Schildkröten verfangen und dabei elend zugrunde gehen“, betont Polistena.

Malerischer Anblick, doch der Alltag der Fischer ist hart: Boote vor der Stadt Scilla. © Quelle: picture alliance / DUMONT Bildarchiv

Überfischung des Mittelmeers

Nachhaltige Fangmethoden wie jene, die auf der „Patriarca“ praktiziert werden, wären ein Gebot der Stunde: Die Überfischung des Mittelmeers hat längst dramatische Ausmaße angenommen. Umweltschutzorganisationen betonen, dass inzwischen 93 Prozent der Fischarten im Mittelmeer überfischt seien; die EU warnte schon 2017, dass dem Ökosystem der Kollaps drohe. Betroffen davon ist auch der Schwertfisch, dessen Bestand im Mittelmeer in den vergangenen Jahrzehnten um 70 Prozent zurückgegangen ist. Die EU hat in der Zwischenzeit die Schutzmaßnahmen verschärft, seit 2019 gelten für den Fang von Schwertfischen eine Mindestlänge von einem Meter und ein Mindestgewicht von 11,4 Kilogramm, außerdem wurden Fangquoten und ein Fangverbot von Januar bis März eingeführt. Doch die Regeln gelten nur für die Mittelmeerländer der EU, und Kontrollen sind selten. Der Raubbau geht weiter.

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Fortunato Polistena und seine Männer spüren dies jeden Tag, wenn sie mit der „Patriarca“ aufs Meer hinausfahren. „Die Fische werden immer weniger, auch in diesem Jahr – es gibt Tage, an denen wir mit leeren Händen nach Scilla zurückkehren“, sagt der Chef. Möglicherweise habe dies nicht nur mit der Überfischung zu tun, sondern auch mit der Erwärmung des Klimas, meint der Berufsfischer: „Wir sind hier seit dem vergangenen Dezember kurzärmlig unterwegs. Den Schwertfischen ist vielleicht die Oberflächentemperatur des Wassers zu hoch, und sie bewegen sich einige Meter tiefer unter der Wasseroberfläche – so entdecken wir sie nicht.“ Aber ein Jäger muss seine Beute sehen, um sie jagen zu können.

Mit der „Patriarca“ sticht die Crew um Fortunato Polistena in See. Von dem langen Steg aus werfen die Fischer eine Lanze in den Rücken der Schwertfische. © Quelle: Dominik Straub

Konkurrenz der globalen industriellen Fischerei

Die Schwertfischjäger von Scilla leiden aber nicht nur unter der Überfischung. Mindestens ebenso sehr macht ihnen die Konkurrenz der globalen industriellen Fischerei zu schaffen: „Im Großhandel wird importierter, eingefrorener Schwertfisch für 7 bis 8 Euro angeboten – da können wir nicht mithalten“, sagt Polistena. Der Unterhalt der „Patriarca“ und der Schiffsdiesel seien teuer, von der regionalen Regierung gebe es keine Unterstützung. Um überleben zu können, ist er darauf angewiesen, das Kilo Fisch für mindestens 10 Euro verkaufen zu können. „Aber selbst die meisten Touristenrestaurants von Scilla kaufen lieber den billigen Tiefkühlimportfisch aus Tunesien, Marokko oder der Türkei.“ Der frische Fisch habe keinen Wert mehr bei den Konsumenten: „Wenn sie auf dem Wochenmarkt einen Schwertfisch für 20 statt für 25 Euro am Markt bekommen, dann nehmen sie den günstigeren, also den importierten“, sagt er.

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Und so droht die alte Tradition der „spadare“ – so werden die Schiffe der Schwertfischjäger von den Einheimischen genannt – unterzugehen: „Diese Arbeit wirft kaum noch etwas ab, und die Tage auf der ‚Patriarca‘ sind lang“, betont Polistena. Die Jungen von Scilla zögen es vor, als Kellner in den Restaurants und den Bars zu arbeiten, mit geregelten Arbeitszeiten und gesichertem, wenn auch bescheidenem Lohn – oder sie wanderten ab, wie das in jedem Jahr Tausende von jungen Kalabriern tun. Neben der „Patriarca“ gibt es in Scilla nur noch eine einzige weitere „spadara“. Je eine weitere hat in den Nachbargemeinden Villa San Giovanni und Bagnara Calabro überlebt. Früher kreuzten Dutzende „spadare“ in der Straße von Messina. „Nachwuchs ist nicht in Sicht, wir werden wohl die Letzten sein, die diese Tradition aufrechterhalten“, fürchtet Fortunato Polistena.

Die Jagd als Familientradition

Ans Aufgeben denkt er aber nicht. „Meine Familie besteht seit Generationen aus Berufsfischern, die Schwertfischjagd liegt in meinem Blut, in der Nacht träume ich davon“, sagt er. Er war schon als Zwölfjähriger mit seinem Vater aufs Meer gefahren und auf den schwindelerregenden Ausguck geklettert – ein anderes Leben könne er sich nicht vorstellen. Der 72-jährige Filippo Perina pflichtet ihm bei: „Es ist eine Art von Fischerei, die uns und unseren Familien viel gegeben hat, trotz des minimalen Verdienstes. Wir wollen diese Tradition aufrechterhalten, das verlangt auch der Respekt vor unseren verstorbenen Eltern“, betont Perina, der seit 60 Jahren auf Schwertfischjagd geht.

Bei der Rückfahrt in den Hafen von Scilla blickt er auf das tiefblaue Wasser und die von der „Patriarca“ geschlagenen Wellen: „Das Meer ist unser Freund“, philosophiert Perina. „Wir haben unsere Häuser am Meer, und bei schwerem Sturm kommt es in unsere Wohnzimmer, ohne anzuklopfen. Eben wie ein Freund, der kommt und geht, wie es ihm gefällt. Die Schwertfischjagd ist unsere Lebensentscheidung. Das wollen wir nicht verlieren.“

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