Corona-Hotspot Ischgl: eine Chronologie der Ereignisse

  • Am Freitag muss das Krisenmanagement der österreichischen Regierung vor Gericht, um sich der Schuldfrage bei den Corona-Fällen in Ischgl 2020 zu stellen.
  • Erst zwei Wochen, nachdem die ersten Infizierten entdeckt wurden, wurde das gesamte Skigebiet Ischgl geschlossen.
  • Im Zuge dessen infizierten sich mehr als 11.000 Menschen. Eine Chronologie der Ereignisse.
Viktoria Koenigs
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Anfang 2020 kam es im Skigebiet Ischgl zum Ausbruch des Coronavirus – es war der Beginn der Pandemie in Europa. Erst knapp zwei Wochen nach der Registrierung des ersten Falls in dem beliebten Skiort folgt die Schließung. Die Folge: mehr als 11.000 Infizierte, etwa 30 Tote und schwerwiegende Kritik an den österreichischen Behörden, die nun in Gerichtsverhandlungen mündet. Ein erster Prozess steht an diesem Freitag (17. September) an: Die Witwe eines Corona-Opfers fordert 100.000 Euro Entschädigung.

Ein Rückblick auf die ersten Covid-19-Fälle in Europa und die Maßnahmen der Behörden bis zur Schließung des Skigebietes Ischgl:

29. Februar 2020: Covid-Fälle unter isländischen Rückreisenden

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Bei einem Flug der Airline Icelandair von München nach Reykjavik treten 15 Covid-19-Fälle unter den Passagieren auf. Sie waren zuvor im Tiroler Touristenort Ischgl zum Skifahren.

3. März: Hotel in Ischgl wird informiert

Einem Hotel in Ischgl wird mitgeteilt, dass es in einer isländischen Reisegruppe zu zwei Corona-Fällen gekommen war.

5. März: Ischgl wird von Island als Risikogebiet eingestuft

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Mehrere isländische Urlaubsheimkehrer und -heimkehrerinnen werden positiv auf das Coronavirus getestet. Ischgl wird daraufhin von Island als Risikogebiet eingestuft und steht damit auf gleicher Stufe wie das zentralchinesische Wuhan, wo es die ersten Corona-Fälle gab. Die Isländer übermitteln (laut späteren Recherchen schon am 3. März) den Tiroler Behörden Namen und Hotels der Betroffenen. Diese waren nicht Teil einer Gruppe, sondern in fünf verschiedenen Hotels, ohne Kontakt zueinander gehabt zu haben.

6. März: Hotelpersonal soll getestet werden

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Die Gesundheitsbehörden fordern die betroffenen Hotels zu Testungen des Hotelpersonals auf. Zu diesem Zeitpunkt gibt es laut Land keine Verdachtsfälle in oder aus Ischgl.

Erster offizieller Corona-Fall in Ischgl

7. März: Mitarbeiter der Kitzloch-Bar coronapositiv

Ischgl meldet den ersten offiziellen Corona-Fall: Ein deutscher Servicemitarbeiter der Après-Ski-Bar Kitzloch wird positiv auf das Virus getestet. Die Bar wird desinfiziert und das Personal ausgetauscht, bleibt jedoch geöffnet.

8. März: Infizierte Isländer waren auch im Kitzloch

Es wird bekannt, dass die infizierten Isländer im Kitzloch waren und sich drei weitere Erkrankte in Ischgl aufgehalten hatten.

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9. März: Behörden schließen das Kitzloch

Der Kitzloch-Mitarbeiter hat mindestens 15 Personen in seinem direkten Umfeld angesteckt. Die Behörden schließen die Bar Kitzloch.

Immer noch keine Quarantäne in Ischgl

10. März: Einige Bars ignorieren Schließungsanordnung

Alle Après-Ski-Lokale in Ischgl müssen schließen. Laut Polizeiberichten ignorieren einige Lokale diese Verordnung und bleiben geöffnet. Eine Quarantäne für Ischgl soll es nicht geben, erklärt die Tiroler Landesregierung.

12. März: Skisaison wird vorzeitig beendet

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Die Skisaison wird offiziell vorzeitig beendet, es dauert jedoch drei weitere Tage, bis überall die Skilifte tatsächlich stillstehen. In sozialen Netzwerken kursieren Fotos von Hunderten Skifahrern, die dicht gedrängt auf Sonnenterrassen neben der Piste sitzen.

13. März: Pressekonferenz mit Kanzler Kurz – Quarantäne für Ischgl-Urlauber

Zwei Wochen, nachdem Island die ersten Infizierten entdeckt hat, wird das gesamte Skigebiet Ischgl geschlossen. Ischgl, das Paznauntal und St. Anton am Arlberg werden um 14 Uhr nach einer Pressekonferenz von Bundeskanzler Sebastian Kurz unter Quarantäne gestellt. Ausländische Besucher dürfen das Gebiet verlassen und müssen sich ohne Unterbrechung auf die Heimreise in häusliche Quarantäne begeben.

Unkontrollierte Ausreisen nach ganz Europa

Ab dem 13. März: überhastete Abreise

Die Urlauber mussten zwar einen Passierschein unterschreiben und zusichern, dass sie ohne weiteren Zwischenstopp zügig nach Hause reisen würden. Das war für viele am 13. März jedoch nicht möglich. Hunderte Urlauber reisten unkontrolliert nach ganz Europa aus, mussten sich notgedrungen eine andere Unterkunft suchen oder unterwegs einkehren, da es am selben Tag an Reiseverbindungen fehlte. Einige Touristen suchten sich deshalb selbst Übernachtungsmöglichkeiten und buchten sich in anderen Hotels, etwa in Innsbruck ein, um auf ihre Weiterverbindung zu warten.

Die überhastete Abreise vieler Skiurlauber und -urlauberinnen und langwierige Kontrollen am Checkpoint wenige Kilometer sorgten vor dem Talausgang für lange und chaotische Staus, die die Rückreise der Touristen und Touristinnen hinauszögerten und erschwerten.

Mehr als 11.000 Infizierte

Seitdem ist Ischgl als „Ground Zero“ in Verruf geraten, eine Brutstätte, die das Virus nach Europa verbreitete. Laut Recherchen des „Spiegels“ haben sich allein aus der EU mehr als 11.000 Bürger in Österreich mit dem Virus angesteckt, überwiegend in Ischgl und umliegenden Tiroler Skigebieten. Die Medizinische Universität Innsbruck stellte später in einer Studie fest, dass 42 Prozent der Bewohner Ischgls Antikörper gegen das Virus in sich trugen, die bis dahin weltweit höchste gefundene Quote. Bis Mitte August 2020 verloren 30 Personen im Zusammenhang mit den von Ischgl ausgehenden Infektionen ihr Leben. Ende September 2020 stellten Betroffene erste Strafanzeigen.

mit dpa

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