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Internet-Meme über Aldi und Lidl: Warum es an deutschen Kassen so stressig zugeht

  • Der stressigste Moment des Tages spielt sich an der Aldi-Kasse ab.
  • Das zumindest zeigt ein neuer Videohype in den sozialen Netzwerken.
  • Die Discounter­kette selbst nimmt es mit Humor – doch in dem witzigen Meme steckt auch ein unangenehmer wahrer Kern.
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Essen. Klischees über Deutsche gibt es viele. Die Liebe zur Bürokratie zum Beispiel. Der kanadische Comedian Daniel-Ryan Spaulding hat sich kürzlich in einem lustigen Internetclip über die deutsche Ineffizienz beschwert – weil man, statt Probleme zu lösen, hierzulande viel zu gern in Meetings abhänge. Die gerade durchgestandene MPK lässt grüßen.

Auch ein anderes von Spaulding erwähntes Klischee lässt sich in diesen Tagen gut beobachten: die Liebe zu Mallorca. Kaum fällt die Reisewarnung, ist der Flieger Richtung All-inclusive-Hotel schon voll.

Und seit ein paar Wochen lacht die Welt noch über ein anderes Klischee: die deutschen Discounter und ihr Kassenpersonal.

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„Da müssen sie schon ein bisschen schneller sein“

Die Situation, um die es geht, hat eigentlich jeder schon mal erlebt – und jeden hat sie mindestens einmal schon zur Verzweiflung gebracht. Da schiebt man in einem Lebensmittel­laden seinen Einkaufswagen am Kassenpersonal vorbei, und dann beginnt das große Wettrennen. Der Kassierer schiebt die Produkte in so einem Affenzahn über den Scanner, dass das Einpacken zur größten Stressbewältigung des Tages wird. Am Ende steht man da, hat noch nicht einmal die Hälfte in den Korb gelegt, während der Mitarbeiter schon mit dem nächsten gestressten Kunden weitermacht. Er gewinnt einfach immer.

„Aldi-Mitarbeiter schneller als Ferrari“ heißt ein Video des Tiktokers Karim Jamal, das genau diese Situation aufs Korn nimmt und das auf der Plattform millionenfach gelikt und hunderttausendfach geteilt wurde. In dem Video mimt Karim Jamal die Aldi-Mitarbeiterin „Martina“, sitzt in weitestgehend originalgetreuer Aldi-Uniform (in diesem Fall hellblaues Adidas-Shirt und Warnweste) an einer fiktiven Kasse und zieht die Produkte übers Band, dass es nur so kracht.

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„Ob ich langsamer machen kann?“, schreit „Martina“ ihre Kunden an. „Nein, da müssen Sie ein bisschen schneller sein, aber ich helfe Ihnen.“ Dann greift „Martina“ zu den gekauften Produkten vom Band und schleudert sie im hohen Bogen gekonnt in den Einkaufswagen des Kunden. Zu einem kurzen Moment des Innehaltens kommt es nur, als „Martina“ von ihrer Arbeitskollegin „Xenita“ „die Nummer von der Papaya“ in Erfahrung bringen muss. „7370? Danke, geht doch!“

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Rasante Aldi-Mitarbeiter werden zum Meme

Für seine Darbietung wird Karim Jamal gefeiert – viele Kommentatoren erkennen sich in der Situation wieder. Auch über Lidl-Mitarbeiter hat der Tiktoker ein Video gemacht. Hier geht es seiner Ansicht nach ähnlich stressig zu wie bei der Konkurrenz – nur dass Mitarbeiterin „Peggy“ dem Kunden am Ende auch noch die „Lidl-Plus-App“ andrehen muss.

Und Karim Jamal ist nicht der einzige Videomacher, der dem deutschen Discounter­personal ein Video gewidmet hat: Inzwischen ist die atemberaubende Schnelligkeit von Kassiererinnen und Kassierern zu einem echten Meme auf Tiktok und Instagram geworden. Der Komiker Jacques hat ebenfalls ein solches Video gemacht, auch der Tiktok-Nutzer „iamnana.o“ fühlt sich augenscheinlich sehr gestresst vom deutschen Kassiervorgang. Und der User „littlemxn1″ zeigt, wie ihm der fiktive Kassierer die Produkte sogar ins Gesicht wirft, damit es endlich vorangeht.

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Videos dieser Art kommen auch von Usern, die offenbar erst seit Kurzem in Deutschland leben. Die Vietnamesin „uyenthininh“, die in Deutschland studiert, untertitelt ihr Video mit den Worten „My first time at Aldi“ – mein erstes Mal bei Aldi. Hektisch packt sie die Ware ein, während der Scanner unaufhörlich weiter piepst.

Stresstest für Kunden und Mitarbeiter

Dass es sich bei den rasend schnellen Kassiererinnen und Kassierern tatsächlich um ein deutsches Phänomen zu handeln scheint, zeigt eine internationale Tiktok-Challenge, die parallel dazu läuft. Bei der „Cashier-Challenge“ nehmen Nutzer ebenfalls Situationen an der Kasse aufs Korn – übertriebene Schnelligkeit wird hier jedoch kaum thematisiert.

Doch so witzig die Clips auch sein mögen, in ihnen steckt ein unangenehmer wahrer Kern. Denn tatsächlich stehen deutsche Supermärkte und Discounter schon seit einigen Jahren für ihre Praktiken an der Kasse in der Kritik. Diese sind nämlich nicht nur für Kundinnen und Kunden extrem stressig – sondern vor allem auch für das Personal.

In einer „Focus Online“-Reportage aus dem Jahr 2018 beispielsweise erzählt eine Discounter­mitarbeiterin aus ihrem Alltag. Pro Stunde sei sie dazu angehalten, 3400 bis 3500 Produkte zu scannen, behauptet die Kassiererin – runtergerechnet wären das etwa 55 Artikel pro Minute oder fast ein Artikel pro Sekunde.

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15-Sekunden-Regel

Auch über die sogenannte 15-Sekunden-Regel wurde in den vergangenen Jahren häufig berichtet. Diese besagt, dass der Bezahlvorgang pro Kunde an deutschen Kassen nicht länger als 15 Sekunden dauern dürfe. Mehr sei bei der „tempoverwöhnten jungen Generation“ nicht drin, wird etwa eine Handelsexpertin vom Portal „Chip.de“ zitiert. Dauere es dem Kunden an der Kasse zu lang, komme er im schlimmsten Fall nicht mehr wieder. Verschiedene Studien, Umfragen und Beobachtungen in Supermärkten hätten belegt, dass Supermärkte vor allem an der Kasse auf ihre Kundinnen und Kunden achten müssten.

Damit es an der Kasse schneller geht, greifen die Discounter zu Tricks. Dazu gehören etwa besonders groß oder mehrfach aufgedruckte Barcodes auf den Verpackungen, die das Scannen schneller machen. Laut dem Marktforschungs­unternehmen Ematrix könnte das Kassenpersonal auch Zeit gewinnen, wenn es die Kunden nicht begrüße oder verabschiede und keinen Blickkontakt aufnehme. Laut Kassenbarometer sei genau das in 30 Prozent aller untersuchten Supermärkte der Fall.

Glaubt man den Reaktionen aus dem Internet, dann bewirkt die 15-Sekunden-Regel jedoch eher das Gegenteil: Das Personal fühlt sich gestresst, der Kunde umso mehr. Und inzwischen werden in den sozialen Netzwerken sogar Lifehacks herumgereicht, um den Kassiervorgang an deutschen Kassen auszubremsen.

Wie bremst man Aldi-Mitarbeiter aus?

Einer dieser Tricks ist beispielsweise, die Verpackung der Ware im Geschäft etwas zusammenzuknüddeln, sodass der Barcode nicht auf Anhieb vom Scanner erkannt wird. Dadurch gewinnt man wertvolle Sekunden. Andere geben auf Facebook-Tipps, wie man seinen Einkaufswagen am besten hinter dem Kassenband platziert, um die Ware möglichst schnell wieder einpacken zu können.

Ein ebenfalls sehr effektiver Trick: Obst und Gemüse immer zuletzt aufs Band legen. Denn diese Lebensmittel müssen schließlich gewogen werden, manchmal muss gar die Nummer bei Kollegen erfragt werden. Sie erinnern sich: „Die Nummer von der Papaya.“ Dadurch gewinnt man wertvolle Zeit fürs Einpacken.

Dasselbe sollte auch mit Waren aus dem Gebäckregal funktionieren. Hier gilt: Immer ein besonders spezielles oder unbeliebtes Produkt in den Korb legen, denn auch hier muss das Kassenpersonal erst mal nach der Nummer suchen.

Was die Discounter sagen

Angesprochen auf dieses Phänomen reagieren die deutschen Discounter mitunter schroff. Aldi Süd schickt auf RND-Anfrage ein Statement, bittet aber gleichzeitig um „Verständnis, dass wir uns darüber hinaus nicht weiter zu dem Thema äußern“. Mitarbeiter der Discounter­kette würden im Sinne der Kunden auf einen „zügigen Kassiervorgang“ achten, auch damit sich keine allzu langen Schlangen bildeten.

Des Weiteren versichert die Discounter­kette: „Wem es an der Kasse zu schnell geht, kann gern den Kassierer darauf hinweisen. Auch auf eine solche Situation sind unsere Mitarbeiter eingestellt und achten entsprechend darauf, etwas langsamer zu kassieren.“

Aldi Nord verschickt auf Anfrage exakt dasselbe Statement, ist in der Kommunikation jedoch einen Schritt weiter. Das Unternehmen hat auf Tiktok selbst einen Account, kommentiert einige der witzigen Clips sogar. Man wolle sich selbst nicht „zu ernst nehmen“, heißt es auf Anfrage, „auch im Umgang mit Beiträgen über Aldi“. Und Gleiches gilt offenbar auch für die Community: Für einen Kommentar unter dem Video von Karim Jamal erhielt das Unternehmen satte 136.000 Likes.

Update, 24. März: Auch Konkurrent Lidl hat sich inzwischen geäußert. Auf Anfrage erklärt das Unternehmen, das Kassenpersonal passe seine „Kassiergeschwindigkeit flexibel auf den jeweiligen Kunden an.“ Auf die Tiktok-Challenge habe man ebenfalls mit Kommentaren reagiert.

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