In US-Gefängnissen droht eine Corona-Katastrophe

  • In den Gefängnissen in den USA mehren sich die Fälle von Corona-Patienten.
  • Häftlinge und Bedienstete leben in Angst.
  • Die hygienischen Bedingungen sind vielerorts überaus schlecht.
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Washington. In den USA mehren sich die Nachrichten über Corona-Erkrankungen und Todesfälle in den Gefängnissen. In den Hilferufen von Inhaftierten hört man die Verzweiflung heraus. Auch die Bediensteten in den Haftanstalten leben in Angst. Manche Justizbehörden haben Inhaftierte bereits auf freien Fuß gesetzt, um die Pandemie im Strafvollzug zu bremsen.

Rund 2,3 Millionen Menschen in mehr als 7.000 Anstalten befinden sich in den USA in Haft. Von Abstand halten kann dort keine Rede sei. Inhaftierte leben häufig zu zweit in den Zellen, oder sie müssen die Nächte in Schlafsälen verbringen. Die hygienischen Bedingungen sind vielerorts schlecht.

Hygienische Zustände “untragbar”

"Es ist total überfüllt hier", sagt ein Inhaftierter in Alabama in einem offenbar mit Smartphone aufgenommenen Video, das am Wochenende im TV-Sender ABC gezeigt wurde. Das Video zeigt einen Schlafsaal mit Dutzenden Etagenbetten, die etwa einen Meter voneinander entfernt stehen. Er wolle die Außenwelt alarmieren, sagt der Häftling: "Wir brauchen Hilfe gegen die Überbelegung, für bessere Hygiene... wir brauchen Hilfe". Sonst werde das Gefängnis zum Massengrab.

Ein internes Planungspapier der Vollzugsbehörde von Alabama warne vor bis zu 200 Corona-Todesfällen unter den 22.000 Häftlingen allein in diesem Staat, berichtete das Online-Portal al.com. Wegen der Überbelegung könne man Vorschriften gegen die Verbreitung des Virus nicht einhalten, heißt es in dem Dokument.

In New York City verklagte die Rechtshilfeorganisation "Legal Aid Society" am 2. April die Gefängnisbehörde im Namen mehrerer Inhaftierter im Gefängnis Rikers Island. Die hygienischen Zustände in der Einrichtung für mehr als 4.500 Männer seien untragbar. Die Zahl der nachweislich infizierten Häftlinge sei von einem am 20. März auf zuletzt 231 gestiegen. Die Rate der Infizierten pro 1.000 Personen sei in Rikers Island damit um ein vielfaches höher als etwa in Italien oder im Rest der USA.

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Es fehlen Reinigungsmittel und Schutzanzüge

Auch die Gewerkschaft der Vollzugsbeamten in New York, die "Correction Officers' Benevolent Association", dringt mit einer Zivilklage auf Abhilfe. Die Beamten hätten nicht einmal genügend Reinigungsmittel und Schutzanzüge. Gewerkschaftspräsident Elias Husamudeen betonte im Rundfunksender NPR, unhygienische Bedingungen unter den Häftlingen gefährdeten die Beamten. Ende März sei ein Vollzugsbeamter an Covid-19 gestorben.

Medien aus der ganzen Nation berichten über Covid-19-Fälle in Vollzugsanstalten. In einem Gefängnis in Jackson in Michigan gebe es bei Häftlingen 90 positive Tests. Ein Mann sei verstorben, berichtete die "Detroit News". Im Gefängnis in Chicago seien nach Angaben der Polizei 221 Häftlinge und 70 Bedienstete positiv getestet worden, so CBS News.

Man wird wohl nie genau wissen, wie viele Häftlinge an dem Coronavirus erkrankt und gestorben sind. Laut "Washington Post" hat die für die bundesstaatlichen Haftanstalten zuständige Behörde "Federal Bureau of Prison" nach Dutzenden positiven Tests und mindestens einem Todesfall damit aufgehört, in einer besonders betroffenen Anstalt im Bundesstaat Louisiana auf Covid-19 zu testen. Man nehme an, dass "jeder Insasse mit Symptomen" infiziert sei, sagte Behördensprecherin Sue Allison.

Hilfsverbände verlangen Massenentlassungen

In keinem Land der Welt werden pro Kopf so viele Menschen eingesperrt wie in den USA. Hinter Gittern und Mauern sind nicht nur verurteilte schwere Straftäter. Laut dem Institut "Prison Policy Initiative" in Massachusetts sitzen 470.000 der 2,3 Millionen US-Häftlinge in Untersuchungshaft. 328.000 seien wegen Drogenvergehen verurteilt.

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Häftlinge und Hilfsverbände verlangen angesichts der Corona-Krise mit zunehmendem Nachdruck Massenentlassungen. Mancherorts haben Vollzugsbehörden ein paar Hundert oder ein paar Tausend Häftlinge auf freien Fuß gesetzt. Doch diese Maßnahmen gehen nur langsam voran.

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Die Angst vor dem Coronavirus steigt vielen zu Kopf. Fake News, Irreführende Gerüchte und viel Panikmache helfen da nicht.  © Marc Mensing/RND

RND/epd

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