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Hundertjährige Zwillinge leben noch immer gemeinsam im Bayerischen Wald

  • Die Schwestern Anna Zitzelsberger und Katharina Schwarzbauer wurden 1920 geboren – beide sind nun 100 Jahre alt.
  • Sie leben noch immer gemeinsam im Bayerischen Wald.
  • Die Zwillinge blicken zurück auf ein Leben, das nicht immer einfach war.
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München. Ach, der Rollator, den will Katharina Schwarzbauer nicht mitnehmen auf dem Weg in den Garten. „Ich kann ohne den Wagen laufen“, sagt sie zu ihrer Nichte, die beiden fassen sich an der Hand. Auch Schwarzbauers Schwester Anna Zitzelsberger ist noch zu Fuß unterwegs, aber etwas schwerfälliger. Jetzt lässt sie sich lieber im Rollstuhl schieben. Die Schwestern sind Zwillinge und wurden am 4. Mai 1920 geboren. Sie sind Hundertjährige, sie leben beide noch, immer waren sie eng miteinander verbunden. Auf die Frage, wie es geht, sagt Katharina Schwarzbauer: „Ich bin pumperlgesund.“

Es ist ein schöner, noch warmer Herbsttag. Die beiden Töchter von Zitzelsberger sind sie besuchen gekommen, wie mehrfach in der Woche. Die beiden alten Damen leben in einem Doppelzimmer im Pflegeheim St. Laurentius in Ruhmannsfelden im Landkreis Regen im Bayerischer Wald. „Ich war nie groß krank“, sagt Katharina Schwarzbauer und zuckt mit den Schultern. So viel zum Thema, wie man 100 wird. Ihre Schwester sagt kaum etwas, sie ist sehr schwerhörig.

Im Bayerischen Wald waren die Menschen früher bitterarm

Im Bayerischen Wald waren die Menschen früher bitterarm, es ging rau zu. Viel Schnee und kurze Sommer. Die Schwestern wurden als die jüngsten von elf Kindern einer Bauernfamilie geboren, die Leute lebten von der Land- und Forstwirtschaft. Der Hof gehörte zum Dorf Oberried und lag mitten im Wald. „Eine Stunde sind wir in die Schule gelaufen“, erzählt Katharina Schwarzbauer, manchmal reichte ihnen der Schnee bis zur Hüfte. Nach der Schule trieben sie die Kühe auf die Weide und am Abend wieder zurück in den Stall.

Diese Kindheit und Jugend zeigen eine heute archaisch wirkende, versunkene Welt auf dem Land. „Ich habe immer Holz gehauen“, sagt Schwarzbauer. Tatsächlich ist ihr niederbayerischer Dialekt so stark, dass die beiden Nichten Margot Wagner und Christine Haimerl immer wieder übersetzen müssen. Der Vater der Zwillinge war nicht nur Bauer, sondern auch Wilderer, erzählt die 100-Jährige und lächelt verschmitzt. Die erlegten Tiere verkaufte er schwarz an die umliegenden Gasthöfe, wie das eben so üblich war.

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Mädchen wurden als Arbeitskräfte auf dem Hof gebraucht

Nach sieben Jahren war Schluss mit der Schule, die Mädchen wurden als Arbeitskräfte auf dem Hof gebraucht, 1933 war das. Von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg haben die Schwestern manches in Erinnerung. Sie erzählen, dass einmal Geflüchtete gekommen waren. Ein Pole wurde versteckt und arbeitete auf dem Hof mit, bis die Polizei ihn abholte. Was aus ihm wurde, erfuhren sie nicht. Nach Kriegsende quartierten sich amerikanische Soldaten ein. Die Schwestern hätten Angst gehabt, „aber die Männer waren sehr nett“, erinnern sie sich.

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Alois Zitzelsberger, der Mann von Anna, hatte im Zweiten Weltkrieg die Beine verloren. Josef Schwarzbauer, der Ehemann von Katharina, betrieb den Hof bis 1960. Und er verdiente Geld als Trompeter – er spielte in einem Volksmusik-Ensemble. Es sind schöne Geschichten, und es sind grausige Geschichten, die die Schwestern erzählen. Ihr ältester Bruder kam ums Leben, als ihn ein Gastwirt aus Versehen erschoss. Schwarzbauer nähte zehn Jahre lang in einer Gardinenfirma.

Bis in die Nacht hinein Böhmisch Watten gespielt

Oft wurde bis in die Nacht hinein Böhmisch Watten gespielt und Zwicken – alte bayerische Kartenglücksspiele. „Wir haben immer um Geld gespielt, manchmal um viel Geld“, sagt die Hundertjährige. „Und danach gab es eine saure Milchsuppe.“ Anna Zitzelsberger hat sechs Kinder, die alle noch leben, und zwölf Enkel. Katharina Schwarzbauers drei Kinder sind alle schon gestorben – der erste Sohn starb im Alter von einem Jahr an Diphtherie, der zweite mit 21 bei einem Verkehrsunfall, und die Tochter war 40 Jahre alt, als sie einem Krebsleiden erlag.

Im Heim St. Laurentius leben die Hundertjährigen seit diesem August. Sie machen mit beim Basteln, Singen und Tanzen, sie stricken und lesen die Lokalzeitung, den „Viechtacher Bayerwald-Boten“. Sie fühlen sich sehr wohl. Mit ihren Verwandten gehen sie regelmäßig eine Runde spazieren und setzen sich auf einen Kuchen ins Café Mader. Abends schauen sie fern und trinken manchmal ein Glas Bier – auf ihr langes Leben.

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