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Höhlenmensch oder Spaceshuttle-Kapitän: Welcher Homeoffice-Typ sind Sie?

  • Millionen Deutsche arbeiten zu Hause und konferieren per Video.
  • Mancher igelt sich ein, mancher inszeniert sich als strahlender Ritter, mancher ist am Limit.
  • In seiner RND-Kolumne stellt Imre Grimm die fünf gängigsten Homeoffice-Typen vor. Welcher sind Sie?
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Menschen sind Herdentiere, genau wie Kühe. Aber im Unterschied zu Kühen ist es Menschen ein bisschen peinlich. Kühe wollen nicht einzigartig sein, Menschen schon. Also feiern wir unsere vermeintliche Individualität. Dabei tun wir in Wahrheit gern, was alle tun: Wir kaufen Bestseller und tragen Schuhe. Das vermindert die Gefahr, Anstoß zu erregen.

Die Herde dient als Schutz und Schild. Ohne die soziale Kontrolle der Herde sind wir Menschen zurückgeworfen auf uns selbst. Was das für verheerende Auswirkungen hat, ist zurzeit in zahllosen Videokonferenzen zu besichtigen.

Welcher dieser fünf Homeoffice-Typen sind Sie?

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Knapp jeder fünfte deutsche Arbeitnehmer (22 Prozent) arbeitet derzeit ausschließlich zu Hause. Vor der Corona-Krise waren es 3,8 Prozent (16 Prozent taten es “gelegentlich”). Die berufliche Vereinzelung des Homo sapiens in Jobquarantäne ist auch ein soziales Experiment. So langsam schälen sich fünf Homeoffice-Phänotypen heraus, die in praktisch jedem größeren Unternehmen zu finden sind. Hier ein Überblick (Disclaimer: Für keinen der Typen steht einer meiner eigenen Kollegen Pate. Ich schwöre!):

Der Spaceshuttle-Kapitän

© Quelle: Stefan Hoch

Dieser Homeoffice-Typ hat sich einen XXL-Kommandostand errichtet, gegen den das Cockpit des Spaceshuttle ein ranziger Gameboy ist. Von seinem Arbeitsplatz aus könnte er notfalls einen Atomkrieg dirigieren. Acht silbrig schimmernde 4K-Monitore im Format 16:9 bilden eine pompöse “Wall of Work”. Unter dem Schreibtisch dampft eine PC-Höllenmaschine mit acht Intel-Core-i9-9900K-Prozessoren. Wenn dieser Homeoffice-Befehlsstand unter Volllast fährt, gehen im kompletten Stadtviertel die Laternen aus.

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Angestrahlt von vier LED-Scheinwerfern und mit Mikrofon-Headset und Fliegerbrille versehen inszeniert sich der Spaceshuttle-Kapitän in Videokonferenzen als Inspektor Gadget, gefangen im Körper von Bernd Stromberg. Das Problem: Der technische Aufwand steht in keinem Verhältnis zu den beruflichen Aufgaben des Probanden. Für die paar Excel-Tabellen genügt die Rechenkraft eines Tamagotchi.

Die Einsame

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© Quelle: Stefan Hoch

Diese schon im Prä-Corona-Büroalltag wunderliche Dame versteht sich als Mutter der Kompanie, die Kollegen gern mit selbst besungenen Geburtstagsgrußkarten überraschte. Pausenlos sprechend lotet sie ihr kreatives Potenzial in Faschingskomittees und als Betriebsausflugsbeauftragte aus – ohne nennenswerte Erfolge. Jeden Morgen schickt sie ein Foto mit einem hirnzersetzenden Sinnspruch in die Whatsapp-Gruppe. Der letzte lautete: “Entferne die Dornen im Blumenstrauß der Seele mit der Gartenschere der Glückseligkeit.”

Höhepunkt ihres Tages und einziger Kontakt zur Außenwelt ist die Videokonferenz. Dabei erzählt sie gern von ihren neun Katzen und hält Selbstgebackenes mit pinkfarbenem Zuckerguss vor die Kamera. Neben ihrem Monitor stehen 17 Fotos ihrer Kollegen in Bilderrahmen, die sie eigenhändig mit Strasssteinchen und Muscheln beklebt hat. Beim Einrichten der Homeoffice-Technik hat sie leider vergessen, das Mikrofon des Laptops einzuschalten. Bisher hat sie niemand auf dieses Versäumnis aufmerksam gemacht. Stattdessen schickte ein Kollege ebenfalls einen Sinnspruch mit dem Foto eines afrikanischen Affenbrotbaumes im Sonnenuntergang: “Gib jedem Tag deines Lebens die Chance, dein letzter zu sein.”

Der Multitasker

© Quelle: Stefan Hoch

Für diesen Homeoffice-Typ sind seine beruflichen Pflichten nur eine Option im Tagespensum. Ihn reißt es morgens um halb vier nach zweieinhalb Stunden Schlaf aus den Kissen, danach bedient er bis zum Abend acht Messenger gleichzeitig, verbietet seinem 86-jährigen Vater einen Besuch im Gartencenter, betreut vier Kinder, spielt parallel “Monopoly”, “Mau-Mau” und “Spiel des Lebens”, diktiert beim Spaghettikochen noch E-Mails ins Handy, trinkt Unmengen an Energydrinks und schläft obenrum im Hemd, damit er sich jederzeit senkrecht hinsetzen und Videokonferenzen starten kann.

Der Multitasker nutzt die Corona-Krise als Anlass für die Selbstoptimierung, um sich von den Konzepten Schlaf und Essen unabhängig zu machen. Sein Ziel ist eine 24/7-Leistungsbereitschaft bei gleichzeitiger buddhaesker Ausgeglichenheit. So hat er mithilfe von einschlägiger Fachliteratur (Ephraim Kishon, “In Sachen Kain & Abel”) erlernt, dass ein frisches Hemd 30 Minuten Schlaf ersetzt. Eine kalte Dusche ersetzt eine volle Stunde, ein heißes Bad eine weitere, und eine Stunde Schlaf ist so gut wie zwei Stunden Schlaf.

Der Höhlenmensch

© Quelle: Stefan Hoch
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Dieser Homeoffice-Phänotyp ist ein Opfer des sogenannten Behausungsparadoxons. Es lautet: Je länger sich ein Mensch am Stück zu Hause aufgehalten hat, desto obdachloser sieht er aus. Der Homeoffice-Höhlenmensch hat bereits nach wenigen Tagen ohne soziale Kontrolle alle gesellschaftlichen Konventionen abgestreift. Der dünne Firniss der Zivilisation ist gerissen, sobald die Haustür für längere Zeit ins Schloss fiel. Er trägt seit dem Karneval dasselbe senfgelbe Feinripp-Unterhemd und lässt sich die Lieferpizza durch den Türschlitz zustellen. Merke: Man kann statt einer Familienpizza auch 18 Minipizzen bestellen.

Außer von Pizza lebt er von den Pommes in seinen Sofaritzen. Bewährte Kulturtechniken der Moderne sind dem charakterlich ungefestigten Faulpelz mit mangelhafter Impulskontrolle plötzlich unbekannt: ausreichend Schlaf, vollständige Bekleidung, sinnfällige Ernährung, angemessene Körperpflege und regelmäßiges Lüften. Aus diesem Grund ist er der einzige Teilnehmer der Videokonferenz, der seine Kamera ausgeschaltet lässt. Dafür überträgt das Mikrofon zuverlässig das Knistern seiner Chipstüte.

Der Bohemien

© Quelle: Stefan Hoch

Im normalen Büroalltag ist der Bohemien ein unwiderstehlicher, hoch belesener Kaffeeküchencasanova und als Firmenglückskind quasi der Gustav Gans der “Abteilung Sachbearbeitung Buchstabe K-T”. Glaubt er selbst. In Wahrheit ist er all dies nicht. Im Homeoffice fehlt ihm die Aufmerksamkeit. Dem begegnet er mit einem psychologischen Trick: Er redet sich ein, derzeit auf emotionaler Entdeckungsreise zu sein wie Goethe weiland in Italien. Seine Italien-Reise beginnt und endet auf dem heimischen Balkon, wo er mit einem eigens im Internet bestellten Seidenschal Weltläufigkeit simuliert. Warum genau er zu Hause arbeiten soll, ist ihm unklar. Von der Corona-Krise hat er noch nie gehört, denn er benutzt keine elektronischen Medien und hat als einzige Zeitschrift die “Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik” abonniert. Die erscheint – wie der Name schon sagt – nur zweimal im Jahr. Außerdem ist sie seit mehreren Jahren eingestellt.

Geistig hat sich der Bohemien in ein Wiener Caféhaus im Fin de Siècle verabschiedet, wo er in einem warmen Gebrumm voller imaginärer Dichter und Denker mit sich selbst über Kant und Hegel spricht und sodann Getragenes zu Papier bringt, das ein reitender Bote auf einem roten Samtkissen in die Firma expediert. Leider gibt es keine reitenden Boten in den gelben Seiten. Technisch ist der Bohemien unbeschlagen. E-Mail wollte er zuletzt nutzen, als er in den späten Neunzigern aus reiner Neugierde eine AOL-CD-ROM in die Mikrowelle gelegt hat. Was er über Kameraeinstellungen weiß, kennt er aus Lars-von-Trier-Filmen. Das führt dazu, dass ihm der Rest der Kollegen in Videokonferenzen tief in die Nasenlöcher guckt.

Deutschland im Homeoffice. Und es ist kein Ende in Sicht.

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