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  • Hochwasser-Tote: Zahl steigt auf mindestens 170 - Rettung von Überlebenden wird immer unwahrscheinlicher

Kaum Chance auf Rettung Überlebender: Zahl der Hochwasser-Toten steigt auf mindestens 170

  • Knapp eine Woche nach der Flutkatastrophe gehen Aufräumarbeiten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz weiter.
  • Während die Zahl der Opfer steigt, sinkt die Hoffnung, Überlebende zu finden.
  • Außerdem setzt sich die Diskussion um bessere Warnsysteme fort.

Berlin. Die Vizepräsidentin des Technischen Hilfswerks (THW), Sabine Lackner, sieht kaum Chancen, knapp eine Woche nach den Überschwemmungen im Westen Deutschlands noch Überlebende zu finden. „Wir suchen aktuell noch nach Vermissten, etwa beim Räumen der Wege oder Auspumpen der Keller“, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Zu diesem Zeitpunkt ist es aber leider sehr wahrscheinlich, dass man Opfer nur noch bergen kann, nicht mehr retten.“

Zahl der Hochwasser-Todesopfer steigt auf mindestens 170

Die Zahl der Hochwasser-Todesopfer war innerhalb knapp einer Woche bis zum Dienstag auf mindestens 170 gestiegen. Aus Rheinland-Pfalz wurden 122 und aus Nordrhein-Westfalen 48 Unwetter-Tote bestätigt. Auch am Dienstag wurden noch Menschen vermisst - allein 155 im besonders betroffenen Kreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz.

Von den Folgen des Hochwassers im Kreis Ahrweiler sind der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) zufolge rund 40.000 Menschen betroffen. Es sei eine „ungeheure große Zahl von Menschen“ auf einer „ungeheuren Fläche“, sagte der Leiter des Krisenstabes des Landes und ADD-Präsident Thomas Linnertz. „So etwas haben wir noch nie erlebt. Das ist eine große Herausforderung.“ Die Lage sei sehr angespannt.

Im Ahrtal seien rund 2500 Kräfte im Hilfseinsatz, darunter 800 Soldaten der Bundeswehr, 200 Helfer des Technischen Hilfswerks und rund 800 Feuerwehrleute. Für die psychosoziale Notbetreuung seien etwa 300 Menschen im Einsatz, sagte Linnertz.

THW-Vize warnt vor zu schnellen Schuldzuweisungen

THW-Vize Lackner warnte vor schnellen Schuldzuweisungen, wonach ein besseres Warnsystem Tote hätte verhindern können. „Natürlich werden wir die Abläufe aufarbeiten müssen. Aber ich finde diese Debatte drei bis vier Tage nach der Katastrophe unglücklich.“ Sie riet davon ab, „jetzt von Versagen zu sprechen und Schuldige zu suchen“. Nach wie vor stünden viele Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz, viele Maßnahmen der Unterstützung liefen noch.

Künftig benötige man wieder mehr bewährte Alarmsysteme, so Lackner. „Wieso nicht mit Lautsprechern vor Ort auf den Straßen warnen, wie zum Beispiel auch bei einem Bombenfund? Auch viele Sirenen sind in den letzten Jahren abgeschafft worden, die braucht es.“

Derweil werde in den Regionen der Hochwasserkatastrophe Aufräumarbeiten und Schadensprüfungen fortgesetzt. Wie die Staatskanzlei in Mainz mitteilte, will sich die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer in Nürburg (Eifel) ein Bild machen (18.00 Uhr). Dazu werde die SPD-Politikerin auf dem Nürburgring erwartet. Das Fahrerlager der traditionsreichen Rennstrecke dient in diesen Tagen als Zentrum für die Bereitstellung der Helfer.

Soforthilfen bis zu 3500 Euro pro Haushalt von Mainzer Landesregierung

Die Mainzer Landesregierung hatte für Betroffene der Katastrophe in Rheinland-Pfalz am Dienstag Soforthilfen bis zu 3500 Euro pro Haushalt beschlossen. Das Geld soll ohne Bedürftigkeitsprüfung schnellstmöglich über die Kreisverwaltungen ausgezahlt werden, teilte die Staatskanzlei mit. Darüber hinaus seien auf dem Spendenkonto der Landesregierung mehr als 6,2 Millionen Euro an Privatspenden eingegangen. Das Geld soll über Kreisverwaltungen verteilt werden.

Am Dienstag hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zum zweiten Mal in wenigen Tagen die Hochwassergebiete besucht und den Betroffenen unbürokratische Soforthilfe zugesagt. Man werde alles daran setzen, „dass das Geld schnell zu den Menschen kommt“, sagte sie in der stark beschädigten Stadt Bad Münstereifel (Nordrhein-Westfalen). „Ich hoffe, dass das eine Sache von Tagen ist.“

Schäden an Infrastruktur noch nicht abschätzbar

Immer deutlicher treten die Schäden an der Infrastruktur zutage - mit zerstörten Straßen, Bahngleisen, Brücken, Mobilfunkmasten, Strom-, Gas- und Wasserleitungen. Nach Angaben der Deutschen Bahn haben die Wassermassen allein sieben Regionalstrecken in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz so stark beschädigt, dass man sie neu bauen oder umfangreich sanieren müsse. Gleise auf rund 600 Kilometern seien betroffen. Fachleute suchten auch am Dienstag nach Lösungen, um den Verkehr am Laufen zu halten.

„Das Ausmaß ist noch nicht abschätzbar“, sagte die Sprecherin des Landesbetriebs Mobilität Rheinland-Pfalz (LBM) in Koblenz. Seit Montag seien Experten mit der Schadensaufnahme beschäftigt. „Wir sind dran, haben aber noch keine Auflistung, was alles kaputt ist.“

Einen ersten Überblick über zerstörte Straßen und Brücken könne es möglicherweise Ende dieser Woche geben, sagte die LBM-Sprecherin. Prüfer seien vor Ort, um zu schauen, welche Brücken saniert werden könnten oder abgerissen werden müssten. Es gebe auch noch Orte, die komplett abgeschnitten seien, dazu zähle Mayschoß im Kreis Ahrweiler.

Nächster Wetterumschwung zum Wochenende

Nach recht sommerlichen Tagen, die Hoch „Dana“ bringt, erwartet der Deutsche Wetterdienst (DWD) den nächsten Wetterumschwung zum Wochenende. Von der Nacht zum Samstag setzt sich den Angaben zufolge vom Südwesten aus wieder zunehmend wechselhaftes Wetter mit lokal kräftigen Schauern und Gewittern durch.

RND/dpa

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