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  • Hochwasser-Katastrophe: Zerstörtes Dorf Mayschoß sucht nach Hoffnung

Suche nach Hoffnung im zerstörten Ort Mayschoß: „Das ist unsere Stunde null“

  • Der Ort Mayschoß im Ahrtal gehört zu den am schwersten getroffenen der Hochwasserkatastrophe.
  • Es gibt mehrere Tote, zerstörte Häuser, die Straßen sind zerstört.
  • Jetzt nehmen die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand – über ein Dorf, das nach Hoffnung sucht.
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Mayschoß. Am Anfang ging es um das Fleisch. Um das Fleisch der Tiere. Um die Dutzenden Tonnen, die in den Kühlräumen der Fleischereien und der Hotels lagerten. Seuchengefahr.

Und so sind sie, während Hubschrauber und Helfer nach Überlebenden suchten, losgezogen, durch Matsch und Wasser, haben es eingesammelt und hoch zum Ortsrand gebracht. Ein Loch haben sie gegraben, „und dann alles rein und zu“, sagt Hartwig Baltes, so haben sie es gemacht. Problem gelöst. Vorläufig. Ein erstes von so vielen.

So haben sie es seitdem meistens gemacht in Mayschoß. Sie haben nicht auf Anweisungen gewartet, auf Anleitungen oder Befehle. Weil sie dann womöglich lange warten würden. Sie haben ihren eigenen Weg gesucht. Weil sie es müssen.

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„Das wird unsere Lebensader“

Es ist Tag acht der Katastrophe, Hartwig Baltes, Bürgermeister in Vertretung des 950-Einwohner-Ortes an der Ahr, weil der eigentliche Bürgermeister krank ist, steht im ersten Stock der Alten Schule. Normalerweise finden hier die Yogakurse der Volkshochschule statt. Jetzt haben sie hier ihren Krisenstab eingerichtet. Auf dem Tisch stehen Funkgeräte neben Thermoskannen, an den Wänden hängen Organisationspläne, Namen und Handynummern, Problemlisten.

Jetzt geht es um Strom. Und, noch wichtiger, um Wasser. Und um die Straße. Um die Bundesstraße, die sie bislang mit dem Rest der Welt verband, und die das Wasser nun fortgerissen hat, genau wie die Bahngleise. Und um jene Straße, die über den Berg führen soll, an dessen Fuß Mayschoß liegt, und die es noch nicht gibt.

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Viele Häuser in Mayschoß sind zerstört. © Quelle: Thorsten Fuchs

„Das wird unsere Lebensader“, sagt Hartwig Baltes. Weil der Müll weg muss, den die Menschen aus den Häusern räumen, weil Lebensmittel her müssen. Aber im Moment ist diese Lebensader drei Kilometer langer, gewundener, oft steiler Geröllweg, gerade mal breit genug für ein Fahrzeug.

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Mayschoß liegt im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz, dem von der Hochwasserkatastrophe am schwersten betroffenen Gebiet. Mehr als 120 Menschen sind allein hier ums Leben gekommen, mehr als 150 werden noch immer vermisst. Aber weil manche Orte noch immer kaum erreichbar sind, wird das Ausmaß der Zerstörung erst langsam deutlich. In Schuld, Bad Münstereifel, Erftstadt, das sind die bekannten Orte dieser Katastrophe, waren die Kanzlerin, der Bundespräsident.

Mayschoß hat es nicht weniger getroffen. Nur dass Mayschoß kaum jemand kennt. Dabei gibt es Mayschoß gerade dutzendfach. Dernau, Rech, Laach, Reimerzhoven, so heißen allein die Nachbarorte. Und allen geht es ähnlich.

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Szenen wie nach einem Krieg

Wenn Hartwig Baltes von der Alten Schule, aus dem erhöhten Teil des Ortes, hinabgeht, taucht er immer tiefer ein in ein Areal der Zerstörung. Vorbei an Häusern, aus denen schlammverschmierte Helfer Möbelreste heraustragen, hinunter zur Ahr, wo eine ganze Häuserzeile zusammengefallen ist, meterhoher Schutt noch immer die Straße versperrt. Bagger nagen an den Trümmerbergen, Helfer werfen Bretter und Schrott aus den Fenstern, Bundeswehrhubschrauber landen im Minutentakt auf der anderen Seite der Ahr, bringen Wasser. Szenen wie nach einem Krieg.

„Das hier ist unsere Stunde null“, sagt er. Was zugleich nach Ende wie nach Neuanfang klingt.

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Hartwig Baltes im Gespräch mit Bürgern des Ortes. © Quelle: Thorsten Fuchs

Hartwig Baltes ist 62 Jahre alt, Winzer, Spätburgunder und Riesling baut er an, wie so viele aus seiner Familie vor ihm, die 1867 die Winzergenossenschaft im Ort gründeten, die älteste noch bestehende der Welt. Vor 30 Jahren hat er mit Kommunalpolitik angefangen, in der Winzerliste, mittlerweile ist er in der CDU, „war organisatorisch einfacher“, sagt er. Jetzt kämpft er um die Zukunft seines Ortes. Darum, dass die Menschen hier weiter leben können. „Ist doch klar, wie schnell es heißt: Muss evakuiert werden“, sagt er.

Auch sein eigenes Haus war zur Hälfte überflutet, davor türmt sich ein riesiger Haufen Treibgut. Er selbst rettete sich in der Nacht der Flut auf den Hang hinter seinem Haus, seine Söhne, die etwas weiter wohnen, wurden vom Hubschrauber gerettet.

In normalen Zeiten wäre jetzt Laubarbeit im Weinberg dran. Jetzt ist er Mayschoßs Katastrophenmanager, zusammen mit seinem älteren Bruder Gerd, 69, ehemals leitender Polizeibeamter in Bonn, jetzt Leiter des Krisenstabs. Zuletzt hatte er sich mit Mountainbikefahren fit gehalten, „jetzt weiß ich wenigstens, wofür“, sagt er, von morgens früh an ist er im Lagezentrum, um acht am Abend treffen sich alle hier und legen die Aufgaben für den nächsten Tag fest.

„Wir versuchen, die Nerven zu behalten“, sagt Gerd Baltes. Es ist auch eine Frage der Kräfte.

Kein Durchkommen. © Quelle: Thorsten Fuchs
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Bundeswehrsoldaten finden Leichen

Wie viele Menschen aus dem Ort im Wasser gestorben sind, das können sie noch nicht endgültig sagen. Von dreien wissen sie es. Eine ältere Frau, die im Erdgeschoss ihres Hauses ertrank. Ein Paar vom Wohnmobilpark, das sich den Weg durch das Wasser ins rettende Hotel nicht zutraute. Dann ist da der ältere Mann, der seine gehbehinderte Frau nicht allein lassen wollte, beide gelten nun als vermisst.

Und dann sind da die beiden Leichen, die Bundeswehrsoldaten am Abend zuvor im Schutt auf der Straße Richtung Laach gefunden haben, und von denen noch niemand weiß, wer es ist.

Aber es gibt auch andere Geschichten, hoffnungsvollere. Hartwig Baltes zeigt auf ein Haus an der Ahr, dem die Hinterwand fehlt, man schaut in alle Zimmer wie in ein Puppenhaus, ein Tisch steht da, ein umgestürztes Regal. Die Frau, die dort lebte, wurde Hunderte Meter weiter aus einem Baum gerettet.

„Das war unser kleines Wunder“, sagt Baltes.

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Teile von Mayschoß haben wieder Strom

Für die Straße über den Berg haben sie jetzt einen Plan. Sie haben einen Bauunternehmer in Mayschoß, der könnte sie asphaltieren, an diesem Donnerstag schon könnte es losgehen. Zwei Tage würde er brauchen, für die drei Kilometer. Jetzt bräuchten sie noch ein Okay von höherer Stelle.

Wie sie sie finanzieren sollen, wissen sie noch nicht. Aber das, glauben sie, ist fast das kleinste Problem.

Sie haben jetzt auch wieder ein Handynetz, die Feuerwehr hat es aufgebaut. Und Strom gibt es wieder, jedenfalls in den Teilen, die nicht überflutet waren.

Es geht weiter in Mayschoß. Nur sind sie längst noch nicht am Ziel.

Leicht hätten es noch mehr Tote sein können. Jedenfalls hatte Catherine Aretz Todesangst.

Catherine Aretz hatte Todesangst. © Quelle: Thorsten Fuchs

Mit Helfern trägt sie die letzten Dinge aus ihrem Haus, ein weißer Klinkerbau direkt an der Ahr, „das Büfett meiner Großeltern“, sagt sie und schaut auf die morsch-feuchte Rückwand zu ihren Füßen. Von außen ist es kaum versehrt, innen ist es leer, alles raus, Schlammspuren auf weißen Fliesen.

„Wir sind jetzt obdachlos“, sagt Catherine Aretz, so, dass man hört, wie schwer ihr dieser Satz fällt.

„Wir sind jetzt obdachlos“

Sie hat drei Kinder, 14, 17 und 18, zusammen sind sie in jener Nacht, in der die Ahr immer höher stieg, auf den Dachboden gestiegen. „Dann haben wir die Dachpfannen rausgeschlagen, um ganz nach oben zu können.“ Über sich sahen sie die Hubschrauber, die sie nicht erreichen konnten, und um sie stieg das Wasser immer höher, „die hätten uns absaufen lassen“, sagt sie. Auf 3,50 Meter stieg der Pegel der Ahr beim letzten Hochwasser 2016, jetzt stoppte er erst bei 7,50 Meter, in der Nacht um eins, wenige Zentimeter unter dem Dachboden.

Ihr Haus steht noch. Mit ihrer Familie wohnt sie jetzt in der Ferienwohnung einer Winzerfamilie, das ist das Gute. Aber man hört auch den Zorn über die ihrer Meinung zu späten Warnungen, sie hat an jenem Nachmittag gearbeitet, erst um halb sechs haben sie sie erreicht, als auch die Feuerwehr durch den Ort fuhr. Die Hose, die sie trägt, wäscht sie jeden Abend durch, das T-Shirt ist geliehen. Mit den gespendeten Kleidern tut sie sich schwer, „das hat ja auch was mit Würde zu tun“, sagt sie. Noch kleiner fühle sie sich dann, noch kleiner als jetzt ohnehin.

„Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt sie. Es ist der Satz, der jetzt für viele hier gilt.

Die Welt nimmt Anteil

Es ist ein sonniger Tag, durch den Ort laufen nun immer neue Trupps von Helfern, manche kommen von weit her. Bruno Kalhoj zum Beispiel, ein Däne, der über Facebook Kontakt zu einer Helfergruppe aufnahm, sich einen kleinen Bagger lieh und sich aufmachte, bis zum Schotterweg hinunter nach Mayschoß.

Kalhoj war lange in Frankfurt, als Sicherheitschef bei der Europäischen Zentralbank, davor war er mit der dänischen Armee im Irak und in Afghanistan. „Aber hier ist es schlimmer“, sagt er, während er mit seinem Bagger einen Schuttberg wegräumt, „weil es so ein riesiges Gebiet der Zerstörung ist.“ Und wenn ihn etwas wundere, „dann, dass die Menschen hier überhaupt noch auf den Beinen stehen, nach all dieser Anstrengung und diesem Verlust“.

Bruno Kalhoj kam aus Dänemark, um zu helfen. © Quelle: Thorsten Fuchs

Dann kommt der nächste zu ihm: Ob er mit seinem Bagger rüberkommen könne, wenn er hier fertig sei. Es gibt auch für Bruno Kalhoj nicht viele ruhige Minuten.

Am Abend zuvor war er in der dänischen Hauptnachrichtensendung interviewt worden. Die Welt nimmt Anteil an dem, was den Menschen hier gerade widerfährt.

Und in der Kirche liegt jetzt ein Teil dessen, was die Welt gespendet hat, ein Versorgungszentrum haben sie aus dem Gotteshaus gemacht, jede Kirchenbank eine Supermarktabteilung: Feuchttücher und Babywindeln, Erbsensuppe in Dosen, Dinkel-Vollkornbrot, Hundefutter vor Bank vier, Unterwäsche auf dem Altar.

Vor der Kirche steht ein Zelt mit mobilen Duschen darin, vier für Männer, vier für Frauen. Nothygiene in Katastrophenzeiten.

In der Kirche stehen gesammelte Spenden. © Quelle: Thorsten Fuchs

In der Alten Schule gibt es den Kaffee jetzt aus Pappbechern. Corona-Hygiene. Davor sitzt eine Helferin, die den Namen von Menschen notiert, die sich impfen lassen wollen.

Masken trägt niemand. Dafür hat jetzt niemand einen Sinn.

Kanister mit Brauchwasser der „neue Luxus“

Für den Moment ist die Hilfe enorm. Aber was die Katastrophe langfristig für den Ort bedeutet, das weiß noch niemand. Weil auch Mayschoß davon profitierte, dass die Bahn Pendler in einer halben Stunde nach Bonn brachte, dass die Hotels Touristen anzogen und zwei Bäcker und zwei Fleischer für einen 1000-Einwohner-Ort eine Menge sind. Aber jetzt ist die Bahnstrecke auf lange Zeit kaputt, die Hotels an der Ahr sind zerstört, und die Geschäftsleute wissen nicht, ob sie die Kraft für einen Neuanfang haben werden.

Herbert Wieland war mit seiner Fleischerei weit über die Grenzen von Mayschoß bekannt. An der Tür seines Geschäfts prangen noch die „Feinschmecker“-Aufkleber, Jahr für Jahr zählte er zu den ausgezeichneten Fleischereien, Spezialität Fleischwurst. Sechs Stunden nahm er sich dafür Zeit, Slow Food aus Mayschoß. Der Verkaufsraum dahinter ist nun leer, schlammverschmierte Auslagen, an der Wand noch die Meisterbriefe seines Vaters, seine eigenen sind verloren.

Herbert Wieland in seiner zerstörten Fleischerei. © Quelle: Thorsten Fuchs

Wieland betrieb die Fleischerei in vierter Generation. Es fällt ihm noch schwer, sich das einzugestehen. „Aber ich war wohl die letzte.“

Er zeigt das leere Kühlhaus, in dem das Wasser den Boden aufgebrochen hat, die Wurstmaschinen im Produktionsraum, „alles kaputt“. Im Innenhof stehen zwei quadratmetergroße Kanister mit Brauchwasser. „Das ist ja jetzt der neue Luxus.“ In den letzten Tagen hat er pausenlos Schlamm und Dreck rausgeschippt, weggeputzt, aber was man jetzt sieht, ist vor allem: Leere.

Wieland ist jetzt 59 Jahre alt. Er müsste noch mal neu anfangen, versichert ist er. Aber es geht auch um Kraft, um Perspektiven. „Normalerweise bin ich ein sehr strukturierter Mensch“, sagt er. „Aber jetzt habe auch ich keinen Plan.“

Kleine Zeichen, die Hoffnung machen

Was das Wasser langfristig mit Mayschoß bedeutet, das weiß keiner. Aber zumindest kurzfristig geht es voran. Sie können jetzt die Straße bauen, die Lebensader. Sie haben „Druck gemacht“, beim Innenministerium, sagt Gerd Baltes in der Alten Schule, im Krisenstab. Jetzt hat ein Asphaltwerk die Anweisung, Asphalt zu liefern. Und die Polizei sichert die Baustelle. Bis Samstagmorgen soll alles fertig sein.

Am Wochenende könnte es wieder regnen.

Und dann bekam Gerd Baltes eben noch einen Anruf. Das erste Haus im Ort hat wieder Wasser. „Das erste Haus im Ort hat wieder Wasser.“ Es liegt oben, in jenem Teil, den das Hochwasser nicht erreicht hat.

Aber Baltes findet dennoch, dass das doch schon mal ein gutes Zeichen ist.

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